Filmarbeiten - das Berlinale-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Mine Vaganti - nach "Hamam" und "La Fate Ignoranti" ein neuer Film von Ferzan Ozpetek im Panorama der Berlinale

von Martin Schmidtner - 14.02.2010
Im Panorama der Berliner Filmfestspiele präsentierte der türkisch-italienische Regisseur Ferzan Ozpetek (Hamam, La Fate Ignoranti) seinen neuen Film, die italienische Produktion Mine vaganti (Loose Cannons), eine herrlich altmodische Gesellschafts-Komödie um Sprengstoff in einer Pasta-Fabrikanten-Familie.




Mine vaganti – das sind verstreute Minen, auf die jederzeit jemand treten und sie hochgehen lassen kann. Eine solche Mine hochgehen zu lassen hat Tommaso vor. Tommaso (Riccardo Scamarcio) ist der jüngste Sohn einer wohlhabenden Pasta-Fabrikanten-Familie im ländlichen Apulien, jenem abgelegenen Landstrich Süditaliens, wo Man(n) Homosexuelle noch Schwuchtel nennt und es keineswegs goutiert, dass diese „neuerdings überall wie Pilze aus dem Boden“ schießen. Die gibt es nur im fernen Rom und in den großen Städten! Tommaso lebt in Rom – und das hat seinen guten Grund: er ist schwul und möchte Schriftsteller werden, die heimische Fabrik überlässt er lieber dem großen Bruder, und seine Eltern ahnen nichts davon, dass er statt Betriebswirtschaft zu studieren sein Leben in der Hauptstadt mit dem Arzt Marco teilt und heimlich Geschichten schreibt.


Zu einem Familientreffen kommen alle bei den Eltern zusammen: Tommaso, sein Bruder Antonio, die als Ehefrau frustrierte Schwester, die vor allem Unangenehmen die Augen verschließende Mutter, der Vater, der es privat mit der Moral nicht so genau nimmt wie nach außen hin, die exzentrische Tante und die manchmal rebellische Großmama, deren Leben von den Erinnerungen an eine unmögliche Liebe bestimmt ist.

Die Pasta-Firma soll anlässlich eines feierlichen Abendessens an die beiden Söhne übergeben werden; Zeit also für Tommaso, endlich reinen Wein einzuschenken und sich zu outen – als Schwuler und als angehender Schriftsteller.


Zeit, eine kleine Bombe platzen zu lassen: Dinner bei Familie Cantone | © Berliner Filmfestspiele

 

Tommaso schlägt an sein Weinglas, bittet um Aufmerksamkeit, nimmt allen seinen Mut zusammen – doch dann kommt ihm sein Bruder in die Quere und offenbart der Familie ebenfalls ein Geheimnis. Für Tommaso scheint es unmöglich geworden zu sein, nun auch noch mit seinen „Neuigkeiten“ herausrücken zu können.

Doch da alle in der Familie ihre Geheimnisse und unbefriedigten Sehnsüchte haben, gehen im Verlauf des Films noch so einige Minen hoch. Tommaso als Hauptfigur steht im ständigen Widerspruch zwischen den unerfüllbaren Erwartungen und Projektionen der Eltern, die er nicht zu enttäuschen wagt und seinen eigenen Bedürfnissen. Der Film spiegelt dieses Dilemma in zwei wunderbaren Frauenrollen, die gewissermaßen das Alter Ego von Tommaso repräsentieren – da ist zum einen die kämpferische Alba (Nicole Grimaudo). In sie verliebt sich Tommaso in seiner Verzweiflung fast ein wenig, was in Wirklichkeit aber Bewunderung dafür ist, dass sie es geschafft hat, in der Heimat zu bleiben und trotzdem ihr Ding durchzuziehen, auch wenn die halbe Stadt sie für völlig durchgeknallt hält – zum anderen die Großmutter (Ilaria Occhini), die als junge Frau klein beigegeben und ihre Bedürfnisse zurückgestellt hat, nun aber rebelliert und ein Auge auf ihre Enkelsöhne hat, damit es denen nicht ebenso ergeht.


Tommaso mit seinem Vater, der sich gleich fürchterlich zum Trottel machen wird - wunderbar gespielt von Ennio Fantastichini | © Berliner Filmfestspiele
 

 

Aus diesem Plot entspinnt sich eine wunderbar altmodische Sittenkomödie. Es ist kein wilder Coming-Out-Film, auch keine Gender-Studie, sondern eher eine klassische Upper-Class-Komödie.  Regisseur Ferzan Ozpetek inszeniert sie lockerer und leichter als seine Vorgänger Hamam und La Fate Ignoranti. Das Originaldrehbuch von Ozpetek und Ivan Cotroneo lässt  sich auch sofort als Theaterstück vorstellen.
Der Film lebt von den überzogenen Charakteren, die man sonst eher aus spanischen Filmen kennt, von witzigen Screwball-Pointen ums Versteck-Spielen – etwa als die schwulen Freunde aus Rom zu Besuch kommen und sich als Hetero ausgeben –, von biestigen Zickenkrieg-Dialogen a la Desperate Housewives und von der folkloristischen Musik (Pasquale Catalano), die altmodisch im posivsten Sinn ist und zu der sich dann noch Baccara (Sorry I’m a Lady), italienische Schlager (herrlich: Nina Zilli) und als Abschluss-Song Sogno von Patty Pravo gesellen.

Die Charaktere sind oft ein wenig überzogen, die schwulen Freunde aus Rom vielleicht ein wenig zu typisch, aber der Film reißt einen mit – Szenenapplaus und viel schallendes Gelächter gab es vom Publikum.

 

 

Weitere Vorstellungen: Mo, 15.02. um 14:00 h im Kino International, sowie Mi., 17.02. um 17:00 h und Fr., 19.02 um 14:30 im Cubix 9!

Trailer:

 
 

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