Die SPD begeht einen Fehler, wenn sie sich von der "Rente mit 67" verabschiedet Mehr Realismus bitte, Herr Gabriel!

von Christian Polke - 20.08.2010
Endlich geht es auch in den Umfragen wieder etwas aufwärts mit der guten „alten Tante“ SPD. Und der Parteivorsitzende ist klug genug, aus solchen Trends noch nicht die endgültige Genesung des Patienten zu verkünden. Doch schon ziehen erneut dunkle Wolken auf, und wie fast immer in den letzten Jahren kommen diese weniger von außen, als aus den eigenen Reihen. Streitfall diesmal: die wenig geliebte "Rente mit 67".

Seit Mittwoch dieser Woche ist einigermaßen klar, wohin die Reise gehen soll, lediglich über die Verfahren der Mitgliedereinbindung wird noch gerungen. Doch das Ergebnis - soviel lässt sich schon jetzt sagen - ist mehr als fatal; es geht glatt an der Wirklichkeit vorbei. Eine Tugend, die dieser Tage eigentlich eher der Bundesregierung und ihren Entscheidungen zufällt. Bestürzend ist der Umgang von Herrn Gabriel mit seinem Vorgänger im Amt des Parteichefs. Franz Müntefering hat noch einmal seine Pflicht getan und die „Konzertierte Aktion“ aus dem Jahre 2007 verteidigt. Das ist gut so, denn die Leute müssen wissen, es gibt auch Realisten in der SPD, die ihnen nichts vormachen wollen. Sigmar Gabriel dagegen fällt nichts Besseres ein, als seinem Vorgänger zu unterstellen, er hätte „die Überprüfungsklausel im Gesetz selbst nie ernst genommen, sondern mit einem Augenzwinkern akzeptiert“, und zwar „wohl wissend oder billigend in Kauf nehmend, dass sie für den weiteren Fortgang der Entscheidungen ohne Relevanz ist“ (Quelle: Tagesspiegel). Das ist, mit Verlaub, schon fast eine kleine Unverschämtheit. Denn wer, wenn nicht der ehemalige Bundesarbeitsminister, wusste besser um die Inhalte und Nuancierungen im Gesetz. Zudem haben wir alle in der SPD damals um diese Positionen gerungen und sind mit dem damaligen Koalitionspartner zu einer Entscheidung gekommen. Eine halbwegs gute, wie ich finde; jedenfalls aber eine bessere als all das, was uns jetzt die Parteiführung als Kompromiss vorschlagen will; von den rentenpolitischen Absurditäten des Regierenden Bürgermeisters von Berlin einmal ganz abgesehen.

Dabei ist die Sache viel zu ernst, um sie auf 2015 zu vertagen oder gar noch länger im Unklaren zu lassen. Die demographische Entwicklung und ihre Auswirkungen im Rentensystem sind schon jetzt nach Maßgabe aller (!) Experten ein Problem, das zwingend nach Neujustierungen im System verlangt. Genau darum geht es. Es ist eine Frage der Generationengerechtigkeit, wenn die Politik uns jungen Menschen klar macht: ihr müsst und ihr werdet länger arbeiten müssen, in der Regel jedenfalls. Und wir lassen Euch dabei nicht allein, denn im Gegenzug wollen wir dafür sorgen, dass alle im Alter so lange wie möglich gut versorgt leben können. Darin liegt dann auch das dringendere Problem der Altersentwicklung in Deutschland: Nicht die „Rente mit 67“, die für die Mehrheit der jüngeren Beschäftigen schlicht zum Alltag werden wird, sondern die drohende Rentnerarmut. Wenn die fast verniedlichend titulierte „Generation Praktikum“ nämlich weiterhin so lange wie heute braucht, um in ein geregeltes, festes Arbeitsverhältnis zu gelangen, dann drohen massive Versorgungslücken für ihre Altersversorgung. Daher war es wenig hilfreich, dass unter der SPD-Regierungsverantwortung 2005 noch die letzten, verbliebenen Jahre der akademischen Ausbildung für die Rentenanrechung kassiert wurde. Darüber sollte man noch eher  reden und Konzepte entwickeln.

Um nicht missverstanden zu werden: auch ich sehe das Problem des viel zitierten Dachdeckers und derjenigen Berufsgruppen für die in der Tat eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit im vorgesehenen Zeitraum nicht infrage kommen darf. Doch dafür kann man Ausnahmeregelungen schaffen. Einen Rahmen dafür bietet sogar schon das jetzige Gesetz, wenngleich hier sicherlich noch Ausgestaltungsspielraum vorhanden ist. Aber die Mehrzahl der künftig arbeitenden Menschen ist nicht in dieser Situation, wie  entsprechende Untersuchungen deutlich belegen. Wollen wir wirklich erneut die Rolle rückwärts wagen, um sie in ein paar Jahren dann wieder nach vorne machen zu müssen, so wie seinerzeit bei Blüms demographischen Faktor?

Nein, ich denke, die Menschen haben etwas Besseres, weil Ehrlicheres verdient. Dazu gehört zwingend das Abstandnehmen von der völlig illusorischen Überzeugung, dass allein die Politik (und die Wirtschaft) dafür sorgen können, dass z.B. bereits 2015 mehr als 50 % der betroffenen älteren Arbeitnehmergeneration über 60 noch beruflich tätig sind. Der Handlungsspielraum für Arbeitgeber wie für die Politik ist sehr viel geringer, als dass man solche Hoffnungen beflügeln sollte. Man kann und man muss über Regelungen für diese „Zwischen“generationen reden, damit sie nicht zu sehr von den Entwicklungen getroffen werden. Nur rechtfertigt dies alles nicht eine radikale Aussetzung, Verschiebung oder am Ende gar Verabschiedung einer notwendigen Maßnahme, die umso schwerer fallen wird, je später sie greift. Denn dann werden die Handlungszwänge noch größer, der Druck auf die Generationen ebenso, und die maßvollen Überbrückungszeiten noch kürzer. Von sozialer Gerechtigkeit kann dann mit Fug und Recht immer weniger die Rede sein.

Wir sind in Deutschland in der vielleicht einmaligen Lage, dass die Menschen von der Politik ehrliche Antworten erwarten und zu harten Maßnahmen durchaus bereit sind. Umgekehrt erleben sie eine Bundesregierung, die in weniger als 11 Monaten fast alles gemacht hat, um dieses Vertrauen und diese – ja, ich nenne das mal so – Opferbereitschaft zu verspielen. Die SPD sollte sich nicht daran beteiligen, noch mehr realistische Optionen durch illusionsbeladene Visionen zu ersetzen. So realistisch, wie der Vorsitzende die gegenwärtige Lage seiner SPD eingeschätzt hat, so klar und deutlich sollte er auch das Problem der „Rente mit 67“ handhaben. Nur Mut, Herr Gabriel, Realismus zahlt sich aus; nicht nur mittelfristig, sondern heutzutage vielleicht auch schon bei den nächsten Wahlen.

Dr. Christian Polke ist Mitglied der SPD und lehrt Theologie und Sozialethik an der Universität Hamburg.

 

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Tags: Rente mit 67  

Ehrlichkeit von der SPD zu

Bild von Markus

Ehrlichkeit von der SPD zu fordern, ist stets eine gute Idee. Rudolf Dreßler meint das übrigens auch:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1251712/

Und "mehr Realismus" kann man meiner Meinung nach nicht nur zum Thema Rente im "Infoportal" von Joachim Jahnke finden:

http://www.jjahnke.net/index.html
Informationsportal Globalisierung - Standort Deutschland - Neoliberalismus - Falsche Rezepte, Joachim Jahnke

Man kann ja der Meinung

Man kann ja der Meinung sein, dass die Rente mit 67 richtig ist. Allerdings sollte man auch zur Kenntnis nehmen, dass die Position der SPD von einem SPD-Parteitag festgelegt wird. Die implizite Forderung, die Parteiführung möge die Rentendebatte "top down" abwürgen, ist nicht gerade toll. Es würde übrigens auch nicht klappen. Technokratismus kann keine SPD-Position sein.

Rente mit 67

Bild von Dietmar Schweitzer

Was für ein Irrsinn ! welch ein Wahninn !
Ich bin nunmehr mehr als 20 Jahre Sozialdemokrat, also
Genosse !
Ich bin auch dem feinen Herrn Schröder ( "Kanzler der Bosse"
) - auf den Leim gekrochen !!!
Aber: Sollte es einen Parteitagsbeschluß mit dem Ziel:
" Rente mit 67 " geben, dann kann ich - meine -
Partei nicht mehr wählen !!!!
Dann ist mir nämlich Alles egal, ich verlasse dieses ehemals
schöne - sozialmarktwirtschaftliche Land - und lasse
Merkeln und Wellen d.h Miegeln und DIW - len.
Ach ja, zum Schluß: Ich vertrete hier Arbeiter, keine
Politiker oder Rechtsanwälte; Gleichgestellte diese mögen
so lange arbeiten wie sie möchten, zumal diese Berufsgruppen
sich auch im hohen Alter Bester Gesundheit erfreuen

Kompromiss R 67

Bild von Anonymous

Ich halte den Renteneintritt mit 67 für richtig, obwohl ich selber davon betroffen bin. Als ehemals Selbständiger beziehe ich ALG II weil der Gesetzgeber es so entschieden hat. Die SPD hat in den Jahren soviele Fehler gemacht, dass es auf die Rentendebatte auch nicht mehr ankommt. Nur ein paar wenige Monate hatte die SPD es ermöglicht, dass Selbständige sich gegen Arbeitslosigkeit versichern konnten. Nach der öffentlichen Diskussion wurde das Gesetz wieder begraben. Die Ämter waren noch nicht richtig informiert als die Sache wieder abgeblasen wurde. Wenn man Einzelunternehmer ist, kann man garnicht so schnell reagieen wie das Gesetz wieder abgeschafft wurde.
Die Masse der leute die Hartz IV bekommen haben sich notgedrungen damit arrangiert, die sich jetzt noch aufregen haben bereits bei der Linken angedockt, die kommen nicht zur SPD zurück (Klaus Ernst).
Wenn man einen Kompromiss hätte schließen können, dann wäre es nicht um die Verschiebung gegangen, sondern um eine Veränderung der Höhe der Abschläge. Ich bin Jahrgang 1948 und bekäme nach 47 Jahren Arbeit mit Abschlägen 790 € Rente. wenn ich mit 62 in Rente gehe, obwohl ich meistens ganz gut verdient habe.
Als Selbständiger habe ich überdurchschnittlich viel Steuern bezahlt, habe auch in die Rentenkasse freiwillig einbezahlt. Nach der Rentenberechnug von 1999 hätte ich 2008 eine Rente von 2273 DM bekommen sollen, also ca. 1138 €. Was ist geschen, weshalb sind die Renten heute so niedrig?

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