Studentenproteste zeigen erste Wirkung Krieg den Hörsälen, Frieden den Akademikern

von Thomas Köcher - 10.12.2009
Der Bologna-Prozess sollte die Universitäten modernisieren und bis 2010 einen europäischen Hochschulraum kreieren. Ebenso sollte die Studiendauer verkürzt, die Mobilität erleichtert und die Qualität der Lehranstalten verbessert werden. All dies wurde im Jahr 1999 beschlossen, doch die Umsetzung ist mehr als mangelhaft. Die Kultusministerkonferenz am Donnerstag soll dem Abhilfe verschaffen.

Seit mehreren Jahren demonstrieren die Studenten in Deutschland immer wieder gegen die Studienbedingungen. Vor einigen Wochen entflammten die Proteste erneut. Nach Österreichischem Vorbild wurden Hörsäle an diversen Hochschulen besetzt. Wogegen wenden sich die Studenten und was wollen sie erreichen? Sie setzen sich dafür ein, dass die Bachelorstudiengänge „entschlankt“, die Regelstudienzeit verlängert und Zulassungsbeschränkungen abgebaut werden.

Ebenso ist es ihrer Meinung nach wichtig, die Verschulung des Studiums zu beseitigen. Daneben fordern sie die Gebührenfreiheit ihrer Ausbildung, eine größere Mitbestimmung der Studierenden im Bildungssystem, mehr Professoren- und Tutorenstellen sowie eine höhere Mobilität zwischen den Hochschulen, da in diesem Bereich den Studenten immer noch einige Steine in den Weg gelegt werden.

Ein Jahrzehnt verschlafen
Die Kultusministerkonferenz tagt am Donnerstag, dem 10. Dezember 2009 und kündigte für diesen Termin an, dass sie die Prüfungen in den Bachelorstudiengängen reduzieren wolle, ebenso solle die Belastung, die durch ein Studium erfolgt, überprüft werden. Allerdings äußerte sich keiner der Verantwortlichen dazu, auf welche Art und Weise die Bachelorstudiengänge entlastet werden sollen. „Immerhin hatten die Politiker mittlerweile zehn Jahre Zeit, etwas zu verändern und konnten uns bis jetzt keine klaren Reformen darlegen,“ kritisierte eine Studentin der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) die zuständigen Politiker.

Es geht voran
Dennoch kommt Bewegung in diese Angelegenheit. Für April 2010 ist ein großer Bologna-Gipfel geplant, immer mehr Professoren solidarisieren sich mit den protestierenden Studenten. Die Hochschüler sind in den Medien präsent und selbst konservative Politiker erkennen den akuten Handlungsbedarf. Erstmals sind erfassbare Schritte zu erwarten. Die Akademiker haben mit ihrem „Bildungsstreik“ den Anstoß gegeben. Sie dürfen nicht nachlassen, sich für echte Reformen und greifbare Verbesserungen an ihren Hochschulen einzusetzen, denn bis jetzt haben die Politiker lediglich schwammige Zusagen für einige der Kernforderungen abgegeben.
Bundesrepublik immer noch abgehängt

Der beste Rohstoff, den Deutschland besitzt, ist der Geist seiner Bürgerinnen und Bürger. Doch hierfür wird, vor allem im Vergleich mit vielen anderen Staaten, zu wenig geleistet. Derzeit gibt die öffentliche Hand sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bildung aus. Nach Bundeskanzlerin Angela Merkel könnten es bis 2015 sieben Prozent sein. Island (acht Prozent des BIP), die USA (7,4 Prozent), Korea und Dänemark (jeweils 7,3 %) gaben bereits seit 2006 jährlich mehr für Bildung aus als es die Bundesrepublik bis 2015 erreichen will.

Im Wettbewerb um die fähigsten Köpfe fällt Deutschland somit weiter zurück und schwächt seinen Wirtschaftsstandort. Der Bildungsstreik ist demnach weiterhin notwendig, denn anstatt warmer Worte werden strukturelle Reformen und höhere finanzielle Zuwendungen benötigt. Deutschland vollbrachte in den vergangenen Jahren Fortschritte, doch sie reichen bei weitem nicht aus.
 

Verlinken Sie auf diesen Beitrag:

http://www.vorwaerts.de/trackback/9342
Channel: Bildung  

Mit Kachingle und Flattr können Sie den Online-Journalismus auf vorwaerts.de unterstützen (wie das funktioniert, erfahren Sie in diesem Artikel).

Das Aktuellste aus der Sozialdemokratie - der vorwaerts-Newsletter

Advertising