Unter dem Titel "Kein Fachidiot werden" erschien das Interview vom Brüssel-Korrespondenten Christopher Ziedler mit dem EU-Kommissar Günter Verheugen, indem er seinem Nachfolger Ratschläge für die Arbeit in der EU-Kommission gibt und die Situation der EU nach der Ratifizierung des Lissabon-Vertags beurteilt:
Sie blicken zurück auf zehn Jahre Brüssel. Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg an? Die Organisation der EU-Osterweiterung?
Ja, klar. Diese große Wiedervereinigung Europas, an der ich mitwirken durfte, ist ein Höhepunkt nicht nur für mich gewesen, sondern auch der gesamten europäischen Nachkriegsgeschichte.
Trotzdem trägt Ihnen das noch heute Kritik ein. Gerade erst hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger die EU als "grenzenlos größenwahnsinnig" bezeichnet, da sie "Rumänien und Bulgarien, die allen Beitrittskriterien hohnsprechen, umstandslos und regelwidrig eingemeindet" habe.
Ich bin der Meinung, dass es richtig war, Bulgarien und Rumänien 2007 aufzunehmen und dass Enzensberger vollkommen schief liegt. Wir stünden heute in Europa nicht besser da, wenn wir Bulgarien und Rumänien sich selbst überlassen hätten. Glaubt irgendeiner, dass es die demokratische Reife dort befördern würde, wenn wir sie nicht im EU-Klub hätten? Das Gegenteil ist richtig: Die EU-Mitgliedschaft hat zivilisierende Wirkung. Und gerade als Deutscher sollte Enzensberger bedenken, dass Bulgarien und Rumänien erst seit 20 Jahren eine Demokratie haben. In Deutschland war unsere erste Demokratie weniger als 20 Jahre nach ihrer Einführung 1918 kaputt. Das sollte man immer bedenken, ehe man mit dem Finger auf Bulgarien und Rumänien zeigt.



