Filmarbeiten - das Berlinale-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Iranisch-deutsche Produktion Shekarchi im Wettbewerb

von Martin Schmidtner - 17.02.2010
Was passiert, wenn aus Menschen in einem totalitären System tickende Zeitbomben werden? Diese Frage stellt der deutsch-iranische Wettbewerbsbeitrag.

Shekarchi (The Hunter) ist eine deutsch-iranische Koproduktion unter Beteiligung der Sender arte und ZDF. Regie und Hauptdarsteller des sonst nur mit einer weiteren professionellen Schauspielerin besetzten Neo-Western ist  Raffi Pitts, der bereits 2006 im Wettbewerb der Berlinale vertreten war.

Es ist die Zeit vor den Präsidentschaftswahlen im Iran. Pitts spielt Ali, von dem wir erfahren, dass er vorher im Gefängnis saß, dass er froh sein muss, einen Job als Nachtwächter überhaupt zu bekommen, dass er deshalb seine Frau und seine knapp 6jährige Tochter kaum zu Gesicht bekommt, dass er von und zur Arbeit lange Wege mit dem Auto zurücklegen muss, die sich entweder durch das Autobahngewirr von Teheran schlängeln oder aber durch lange und fast immer autoleere Tunnels, mit denen die halbe Stadt unterkellert zu sein scheint.
Er wohnt zwischen den Autobahnen in einem Wohnsilo, begleitet von ständigem Autolärm. Auf seinen Autofahrten hört er im Rundfunk eine Ansprache von Ajatollah Chamene'i über den Wandel ("Change"!!!); in seiner Freizeit geht er in den Wäldern im Norden Teherans auf die Jagd.

Ali steht am offenen Fenster der kleinen Wohnung. Seine Frau und Tochter sind nicht zuhause. Aus der Ferne ertönen Rufe einer Demonstration: "Nieder mit dem Diktator!"  Später wird Ali erfahren, dass seine Frau und Tochter Opfer eines Schusswechsels zwischen Demonstranten und Polizei geworden sind.


Rafi Pitts | © Berliner Filmfestspiele

Und er wird wieder mit seinem Gewehr auf der Lauer liegen; diesmal jedoch nicht in den Wäldern, sondern am Rande der Stadtautobahn. Er macht nun Jagd auf die Polizei.
Später wird aus dem Jäger ein Gejagter, aus dem Sozialdrama ein Western und aus dem Großstadtlabyrinth werden die Wälder, in denen der Mensch sich ebenso verirren kann wie im Straßen- und Tunnelgewirr der Stadt. Nebelschwaden tauchen auf und verschwinden, sehr nahe sehen wir die Tropfen des Taus auf den Zweigen und sehr nahe kommen wir plötzlich auch den Menschen. Alle sind im Wald auf sich alleine gestellt.

Eventuell kommt erst da zum Vorschein, wer die Menschen wirklich sind und was sie empfinden.
In einem der wenigen längeren Dialoge im Film sagt ein Polizist zu Ali: "Ich trage die Uniform nicht, weil ich Polizist sein will, sondern weil ich meinen Militärdienst ableisten muss. Ich bin ein Mensch wie Du! Mir hätte dasselbe passieren können wir Dir".


Rafi Pitts | © Berliner Filmfestspiele
 

Doch dieser Augenblick der Menschlichkeit bleibt kurz. Zu sehr scheinen die Menschen in einer totalitären Gesellschaft ihres Mensch-Seins beraubt zu werden. "Tickende Zeitbomben" nennt der Regisseur die Menschen im Iran.

Shekarchi ist ein Film, bei dem man mangels herkömmlicher Aktion nach Bildern und Metaphern sucht. Ein paar weniger davon hätten mir auch gereicht. Es macht ihn unzugänglich, als Zuschauer empfinde ich die Distanz zur Leinwand als sehr groß. Aber anfängliche Sprachlosigkeit kann bald produktive Gedankenarbeit hervorbringen - und im Gedächtnis wird dieser Film bestimmt bleiben!
 

Weitere Vorstellungen: Mi., 17.2. um 15:00 h im Friedrichstadtpalast und um 20:00 h in der Urania.
 

 

Pressemitteilung passend zum Thema:
Die Festspielleitung teilte heute übrigens mit, dass Jafir Panahi, Gewinner eines Silbernen Bären 2006, mit einem Ausreiseverbot aus dem Iran belegt worden sei.
Panahi wollte morgen im Rahmen des World Cinema Fund Day an einer Diskussion zum Thema „Iranisches Kino: Gegenwart und Zukunft, Erwartungen innerhalb und außerhalb des Landes“ teilnehmen.
„Wir sind überrascht und bedauern zutiefst, dass einem mit vielen internationalen Preisen ausgezeichneten Regisseur verweigert wird, an unserem Jubiläums-Festival teilzunehmen und über seine Vision des Kinos zu sprechen“ kommentierte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick das Ausreiseverbot.
 

 

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