Master of Binnendifferenzierung Integrationskurse

von Barbara Arndt - 22.02.2010
Über die Binnendifferenzierung in Integrationskursen berichtet Barbara Arndt

Heute Nacht im Traum war ich stolz auf meinen frisch erworbenen Master der Interkulturellen Kompetenz – für diese Fortbildung habe ich mich heute angemeldet. Im Traum entgegnete mir eine Kollegin, sie habe den Master der Binnendifferenzierung. Und ich war am Boden zerstört.

Binnendifferenzierung ist das Unwort der Erwachsenenbildung. Die Sprach- und Integrationskurse, die wir unterrichten, werden von TeilnehmerInnen verschiedenster Vorbildung und Arbeitshaltung besucht, die eine sehr bunte Mischung der unterschiedlichsten kultureller Erfahrungen mitbringen. Binendifferenzierung ist das Zauberwort: Gib der ganzen Gruppe Aufgaben in derartiger Staffelung, dass alle gleichzeitig an einem Thema arbeiten, jede und jeder aber eben nach seinen Kräften und Fähigkeiten gefördert wird. Gelingt dies nicht, bist du ein schlechter Lehrer. Für 17 Euro Honorar brutto pro Unterrichtsstunde wird von uns erwartet, dass wir unseren Unterricht nicht nur vor- und nachbereiten sondern auch dokumentieren, den Lernfortschritt regelmäßig testen und sozialpädagogische Arbeit leisten, für die die meisten von uns nicht ausgebildet sind.

Wenn ich mir die Kolleginnen – und es sind fast ausnahmslos Frauen in diesem Bereich tätig – ansehe, die mit dieser engagierten Arbeit sich selbst allein oder gar noch eine Familie ernähren müssen, dann finde ich uns Dozenten enorm schlecht behandelt. Wir bekommen keinerlei Urlaubs-, Weihnachts- oder Krankengeld, in den Ferien sind wir auf Privatkunden angewiesen, die nicht auf den Schulrhythmus bestehen, wir müssen uns komplett selbst versichern und an eine Rente ist kaum zu denken. Besser wir sterben bevor wir nicht mehr arbeiten können.

Zu den finanziellen Problemen und Unwägbarkeiten wie der Frage, ob und wann neue Kurse zustande kommen, kommen reichliche Unwägbarkeiten, die sich aus der Situation unserer Zielgruppe ergeben, Die meisten TN sind keine Selbstzahler sondern werden von der Agentur für Arbeit geschickt. Sie erhalten die Kursgebühren und weiter Sozialleistungen zum Lebensunterhalt. Dass dafür von ihnen erwartet wird, regelmäßig zu erscheinen und auch in der unterrichtsfreien Zeit noch für den Spracherwerb zu arbeiten, wird ihnen gesagt. In Wildeshausen haben wir aus den größeren Sprachgruppen zur Begrüßung der neuen TN immer auch einen Dolmetscher aus den Reihen der fortgeschrittenen oder ehemaligen TN dabei.
Trotzdem erleben wir immer wieder, dass TN Kurse abbrechen. Direkte Konsequenzen hat das für die TN außer dem verpassten Spracherwerb keine. Die Konsequenzen aus mangelnder Sprachkenntnis zeigen sich jedoch im Lauf der Jahre, wenn die ehemaligen TN eben aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und der damit verhinderten Möglichkeiten zur Weiterbildung nicht über Hilfsarbeiterjobs hinauskommen.
Es kommt immer wieder vor, dass TN den Kurs sang- und klanglos verlassen, weil in der benachbarten Putenschlachterei wieder einmal Arbeitskräfte gebraucht werden. Kaum einer geht nur, weil er oder sie nicht lernen will. Es lockt die Gelegenheit dazu, eigenes Geld zu verdienen und endlich keine Anträge mehr stellen zu müssen – dass es sich bei diesen Jobs meist nur um Saisonarbeit handelt, wird dabei gern übersehen.
Dass zum Ablegen der Prüfung B1, die Voraussetzung für die Zulassung zum Integrationskurs mit anschließendem Einbürgerungstest ist, nur eine gesetzte Frist besteht, ist vielen nicht wirklich klar. Eineinhalb Jahre, die der Spracherwerb mit Wiederholungskurs dauern darf, sind von manchem TN offensichtlich nicht überschaubar. Das Nicht-Bestehen kann allerdings in Abschiebung enden. Sofortige Konsequenzen für Abbrecher stärken sicherlich nicht die grundsätzliche Wertschätzung der Bildung als solches, könnten jedoch den TN verdeutlichen, dass dieses Gut bei uns in hohem Ansehen steht – und ihnen das Bleiberecht sichern kann. Vielleicht wäre es sogar möglich, besonders erfolgreichen TN nach Ablegen des Zertifikats Deutsch offiziell zu belohnen. Menschen lernen besser, wenn ihnen ein unmittelbarer Vorteil deutlich ist.

 

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