Die IESE Business School gehört zu den besten Wirtschafts-Eliteschmieden der Welt. Laut Ranking der Financial Times ist sie die beste Business-Schule in Europa und die drittbeste weltweit. Vor fünf Jahren hatten dort zwei Studentinnen die erste Konferenz zu Unternehmensverantwortung unter dem Leitspruch „Doing Good and Doing Well“ (frei übersetzt: „Gutes tun, aber richtig“) auf die Beine gestellt. Seitdem ist ihr Projekt zur europaweit führenden studentischen Konferenz zu Unternehmensverantwortung herangewachsen. Anlässlich der Bankenkrise widmet sich die Konferenz dieses Jahr einer in diesem Kontext eher ungewöhnten Frage: „Doing Good when we are not Doing so Well: Creating Sustainable Value in a Downturn“ – also: Gutes tun, wenn es uns gerade nicht so gut geht: Wie schafft man nachhaltigen Wert in der Rezession?
Die Liste der Referenten auf der zweitätigen Business-Tagung liest sich wie eine Crème de la Crème der globalen Wirtschaftsführer und Weltverbesserer: Topmanager von BASF, BP, ExxonMobil, Novartis, KPMG, Coca Cola oder der Citigroup sind ebenso versammelt wie hochrangige Experten der Weltgesundheitsorganisation, dem UN-Entwicklungsprogramm und großen Stiftungen wie der vom gleichnamigen Börsenmilliardar gegründeten Soros Foundation oder der vom Ex-US-Präsidenten ins Leben gerufenen Clinton Foundation. Zusammen mit Management-Professoren und einigen hundert von Europas Nachwuchs-Führungskräften, denjenigen, die morgen das Schicksal eben solcher großer Unternehmen steuern werden, werden sie über die ökologische und soziale Verantwortung von Unternehmen in Zeiten der Krise nachdenken: Ist „Öko“ nur „in“, wenn es uns gut geht? Können wir uns Umweltschutz nur leisten, wenn wir genug Wirtschaftswachstum haben, ein Luxus für die guten Zeiten also? Sind erneuerbare Energien nur eine kostspielige Spielerei einiger Gutmenschen, die sofort zum Untergang verurteilt sind, sobald das Füllhorn der restlichen Wirtschaft ins Stocken gerät?
Ich stehe auf der Terrasse des IESE-Campus, mit Blick über Barcelona. Der erste, den ich kennen lerne, ist Scott, ein Amerikaner, der in New York im Risikomanagement für die Ölindustrie gearbeitet hat und derzeit in Paris einen MBA absolviert. Wir diskutieren Grundsätzliches: Ist es wirklich Aufgabe von Unternehmen sein, sich sozial-ökologisch zu engagieren, oder ist es in einem marktwirtschaftlichem System nicht vielmehr deren Aufgabe, möglichst viel Profit zu machen? Geld verdienen ist ja keine unmoralische Angelegenheit, auch nicht, wenn ein Ölkonzern das Geld verdient, denn so funktioniert nun mal unser System: Jeder will für sich am meisten herausholen, und im Wettbewerb setzt sich der effizienteste und beste durch, und soll dafür auch belohnt werden.
Was aber, wenn dieses Wettrennen unter falschen Spielregeln läuft? Marktwirtschaft ist effizient und produktiv, aber sie produziert auch effizient und produktiv die Katastrophe, wenn die Rahmenbedingungen fehlerhaft sind. Wenn der Staat die falschen Spielregeln vorgibt, dann ist die dauerhafte Stabilität des Systems – die „Nachhaltigkeit“, wenn man sich diesen Modeworts bedienen will –, gefährdet. Unternehmen, die das rechtzeitig erkennen und auf die Veränderungen um sich herum vorausschauend reagieren, profitieren meistens auch langfristig davon. „Doing Good and Doing Well“, lautet nicht ohne Grund das Motto dieser Konferenz.
Die Diskussion über Unternehmensverantwortung, im englischen „Corporate Social Responsability“ (CSR) täuscht daher manchmal: Es kann nicht sein, dass wir den Unternehmen, die Gutes tun, für ihre Wohltätigkeit und Nächstenliebe danken, als wären sie Mutter Theresa. Unternehmen sind Teil der Gesellschaft, und sollten schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse Sorge tragen, dass diese als Grundlage ihres Wirtschaftens auch funktioniert – und sie wissen, dass ihr Erfolg wesentlich von frühzeitigem Erkennen langfristiger Risiken abhängt. VW hat nicht deshalb plötzlich schadstoffärmere Modelle entwickelt, weil die Manager in Wolfsburg auf einmal zu Müsli-Fans mutiert sind, sondern weil sie sich in der angeheizten Klimadiskussion davon höhere Absatzzahlen versprachen und ihnen der Markt von japanischen und französischen Konkurrenten abgejagt wurde. Das ökologische Versagen der deutschen Autoindustrie in den letzten Jahren ist heute deren wahrscheinlich massivster Wettbewerbsnachteil im globalen Markt. Doch die deutschen Autobauer haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt, und der Staat hat ihnen nicht die richtigen Anreize gesetzt. Hätten sie „grünere“ Autos gebaut, wären sie heute besser dran. Doing Good and Doing Well.
Mit Scott liege ich auf einer Wellenlänge. Er entschuldigt sich fast, dass er der Ölwirtschaft sein Geld verdient hat. Aber er meint, es sei besser, wenn Leute mit einem Sinn für Umweltschutz an den entscheidenden Stellen sitzen, als Leute, denen die Umwelt ziemlich egal ist. Hier bin ich in einem Haufen aus grünen Managern gelandet, denke ich laut. „Das ist eben die nächste Generation“, antwortet Scott, und erzählt, wie ihn während seinem Auslandsstudium in Leipzig von grünen Politikern hat erklären lassen, wie eine sozial-ökologische Balance mit Profit verbunden werden kann. Das also ist die neue, ergrünte Elite?
Die Terrasse füllt sich. Jeder hier scheint kosmopolitisch veranlagt zu sein: Ich treffe eine Irakerin mit österreichischem Pass, die in sechs Ländern gelebt hat; eine Chino-Amerikanerin, die jetzt in Barcelona studiert und einen Job „am besten irgendwo in Europa, oder in Asien“ sucht; eine Deutsche, die in Frankreich ihren Abschluss gemacht hat und jetzt in London arbeitet. Die Welt ist klein hier.
Erster Redner ist Anil Soni, Chef der HIV/Aids-Initiative der Clinton Foundation, zuvor war er als Berater im Weißen Haus und bei McKinsey beschäftigt. Er spricht über die Bedrohungen durch die globale Aids-Seuche und wie die Wirtschaft im Kampf gegen die tödliche Immunschwächekrankheit helfen kann. „Es gibt die Ansicht, dass es schlecht ist, Profit zu machen – falsch! Geld zu machen ist nicht schlecht, sondern eine gute Sache. Die Wirtschaft muss tun, was sie am besten kann – nämlich Profit machen –, und kann dadurch wichtiger Teil der Lösung sein: neue Technologien, finanzielle Dienstleistungen für die Armen (wie gewinnbasierte Mikrokreditsysteme), und Finanzierung von Großprojekten, wie die Clinton Climate Initiative: Banken geben Kredite für energetische Gebäudesanierung, und die Rückzahlung erfolgt über die gesparten Energiekosten.“ Den jungen Business-Studenten gibt er noch eine Weisheit seines Stiftungsgründers Bill Clinton auf den Weg: „Mache die Welt zu einem besseren Ort, bevor du sie verlässt.“ Das Plenum, gefüllt mit über 600 MBA-Studenten und jungen Berufstätigen aus 54 Ländern, klatscht heftig Applaus für den Mann, der mit PowerPoint die Welt rettet.
McKinsey und das Klima
Die beiden Konferenztage sind voll gepackt mit weiteren Reden und Podiumsdiskussionen, zu Themen wie UN-Millenniumszielen, Klimaschutz, Gesundheitsversorgung und sozialem Unternehmertum. Auf dem ersten Podium, das ich besuche, sitzen vier Unternehmensberater und berichten ihre Gedanken zu den Problemen der Nachhaltigkeitsberatung (Sustainability Consulting) in Zeiten der Wirtschaftskrise. Einer davon ist Kalle Greven. Der deutsche Molekularbiologe und Politikwissenschaftler hat 2007 bei McKinsey an der Studie „Kosten und Potenziale der Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland“ mitgearbeitet, im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).
Erst vor kurzem war ich am Kurfürstendamm im Berliner Büro von McKinsey gewesen, um mir dort bei Rotwein und Schnittchen von zwei Consultants einen Einblick in diese berühmt-berüchtigte Strategie- und Unternehmensberatung geben zu lassen. Es sind oft sehr sympathische, in jedem Falle aber immer spannende Menschen, die bei McKinsey arbeiten, in Deutschland hat nur ungefähr jede zweite BWL studiert. McKinsey baut alles um: Unternehmen, Städte, ganze Länder. Die Firma steht im Kreuzfeuer linker Kritik, weil sie die Kostenminimierung an erste Stelle setze und Arbeitsplätze wegrationalisiere. Derlei Projekte machen aber nur einen kleinen Teil der Palette der Arbeit von McKinsey aus, wenngleich die Kritik sicherlich nicht immer unbegründet ist.
Im Unterschied zu anderen Unternehmensberatungen gibt es bei McKinsey keine eigene Nachhaltigkeits-Abteilung, weil grundsätzlich alle Beratung nachhaltig sein sollte und man deshalb das Thema nicht in eine separate Abteilung auslagern könne, berichtet Kalle Greven. Er hat seine Diplomarbeit zum Nachhaltigkeitsbegriff geschrieben, und weiß daher, wie nichts sagend diese Floskel ist – jeder versteht unter „Nachhaltigkeit“ etwas anderes, und zwar am liebsten immer das, was er aus ganz anderen Interessen gern darunter verstehen möchte.
Als momentaner Trend in der Wirtschaftskrise sei zu beobachten, dass jeder Euro, der bei Unternehmen in soziale und ökologische Projekte fließt, gerechtfertigt werden muss. Der so erzeugte Druck führe zu einem geringeren, dafür aber immerhin profilierterem gesellschaftlichem Engagement von Unternehmen. Die Umweltabteilungen stehen dabei häufig allein auf weiter Flur, weiß Kalle Greven zu berichten.
Aber: Die Prioritäten in den Konzernspitzen ändern sich. „Eine neue Management-Generation etabliert sich momentan. Was man heute noch ‚Sustainability Consulting’ nennt, wird morgen ganz normales Business-Consulting sein. Nehmen wir beispielsweise den EU-Emissionshandel: Für die Unternehmen bedeutet Umweltschutz damit schon heute nicht mehr nur ‚Nachhaltigkeit’, sondern nachhaltiger Unternehmenserfolg unter anderen Rahmenbedingungen.“ Viele Unternehmen würden gerne mehr für die Umwelt tun, glauben aber, dass ihnen unter dem Diktat des Renditezwangs die Hände gebunden sind, weiß Kalle Greven aus erster Hand zu berichten: „Wenn Sie zu einem Manager gehen, wird dieser Ihnen nicht sagen: ‚Ich will kein guter Mensch sein’, sondern: ‚Der Wettbewerb erlaubt uns nicht, das zu tun’. Das ist die Rolle, wo der Staat und die Gesellschaft ins Spiel kommen, und die Marktbedingungen bestimmen. CO2 ist dabei ein klassischer Fall.“
Seine Stimme klingt nicht so, als ob er es gut finden würde, dass die Ökos in den Konzernen oft unter sich bleiben. „Es schien zunächst eher ungewöhnlich, für den Bundesverband der Deutschen Industrie eine Studie zum Thema Klimaschutz zu erarbeiten – in einem Umfeld, das sicherlich nicht frei von Interessen ist. Das war die Zeit, als Bundeskanzlerin Merkel neue Klimaschutzziele verkündete, und in der Öffentlichkeit der Klimaschutz im Rampenlicht stand. Wir haben allerdings mit allen Beteiligten am Anfang der Studie ein extrem faktenbasiertes Vorgehen vereinbart. Dadurch hat sich McKinsey eine unabhängige Perspektive bewahrt.“ In der Klimaschutz-Studie hat McKinsey eine Kostenkurve entwickelt, auf der von links nach rechts alle verfügbaren Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasen aufgezeigt werden: wie viel sie kosten, wie viel sie beitragen können. „Dann sitzen aber die Vertreter von vier verschiedenen Energiekonzernen im Raum, die alle in ihre eigenen Assets, also Vermögenswerte, in jeweils verschiedene Energieträger investiert haben. Unter diesen herausfordernden Bedingungen mussten wir Annahmen festlegen, z.B. welchen Energiemix wir im Jahr 2020 haben werden. Das war nicht immer einfach.“
Der faktenbasierte Ansatz sei am Ende der Schlüssel zum Erfolg gewesen. Das Ergebnis: Die CO2-Emissionen können wirtschaftlich sinnvoll bis 2020 um 26 Prozent gesenkt werden, ohne Einbußen bei Wachstum und Lebensqualität. Auch eine Senkung um bis zu 31 Prozent sei „anspruchsvoll, aber machbar“. Die Studie, sagt Kalle Greven, wurde sogar von Greenpeace gelobt – was nicht völlig stimmt: Greenpeace hatte sie in einem Punkt sogar heftig kritisiert, weil sie die weitere Nutzung der besonders klimaschädlichen Braun- und Steinkohle favorisierte und den Einsatz der stark umstrittenen Kohlendioxid-Speicherung propagierte. Gelobt wurde die Studie dagegen vom Auftraggeber BDI, der einsehen musste, dass ambitionierter Klimaschutz wirtschaftlich möglich ist.
Ich kenne die Studie, einige McKinsey-Vertreter haben sie an meiner Uni bereits einmal vorgestellt, und ich kenne daher einige fragliche Annahmen der Studie und weiß, dass sie die möglichen Potenziale sogar eher unterschätzt. Ich frage Kalle Greven, warum die Studie mit unrealistisch niedrigen (real sogar sinkenden) Ölpreisen rechnet? „Die Abstimmungen zur Ölpreisentwicklung waren langwierig. Am Ende haben wir im Wesentlichen auf anerkannte Studien zurückgegriffen, z.B. die der Internationalen Energie-Agentur. Kurz nach Veröffentlichung der Studie sind die Ölpreise dann erheblich gestiegen, was natürlich zu vielen Fragen geführt hat. An dem Studien-Ergebnis ändert das letztlich nichts. Im Gegenteil: Klimaschutz lohnt sich wirtschaftlich sogar noch mehr, wenn der Ölpreis steigt.“
Auch einige andere Annahmen – wie der Energiemix im Jahr 2020, der die erneuerbaren Energien unterschätzt, oder die eher niedrig veranschlagten Kosten der CO2-Abscheidung bei Kohlekraftwerken – sind in der Studie eher zulasten der erneuerbaren Energien festgelegt. Das alles spricht dafür, dass die Studie den unteren Rand des wirtschaftlich Sinnvollen abbildet. Hinzu kommt, dass nicht alle volkswirtschaftlichen Auswirkungen berücksichtigt sind, wie etwa Arbeitsplatzeffekte – dabei haben die erneuerbaren Energien bisher 170.000 Menschen in Lohn und Brot gebracht, und bei einem umfangreichen Programm zur energetischen Gebäudesanierung wären zigtausende Jobs in der Bauwirtschaft gesichert. „Eine solche umfassende Sicht konnte unsere Studie nicht leisten.“, erklärt mir Kalle Greven. „Welche Folgen es hätte, wenn man noch andere Faktoren berücksichtigen würde, ist schwierig zu vorher zu sagen.“
Meine Überzeugung hinsichtlich erneuerbarer Energien mag der McKinsey-Consultant zwar nicht so recht teilen, er ist aber auch eher ein Freund von Sonne und Wind. Auch wenn er nicht am Klimawandel zweifelt, ist er aber besorgt, dass sich die Medienberichterstattung zu sehr auf das Thema Klimawandel fokussieren könnte und dadurch andere humanitäre oder ökologisch relevante Themen zu kurz kommen könnten. An dieser Position kann man auch Zweifel anmelden, aber sie hat immerhin auch ihr Wahres.
Das gute Leben
Was mir in den Räumen der IESE Business School sofort ins Auge fällt, sind einige bemerkenswerte fundamentale Unterschiede zu den öffentlichen deutschen Universitäten. Die Sitze sind gepolstert und bieten Arm- und Beinfreiheit. Die Tafeln sind mit Kreide ausgestattet, in vier Farben. Jeder Raum verfügt über drei Beamer mit jeweils eigener automatisch herunterfahrbarer Leinwand, nebst mehreren Flachbildschirmen. Das Beste: Alle funktionieren sogar. An den Unis, wo ich studiert habe, war das anders. In Regensburg war das Politikwissenschaftliche Institut von Bauzäunen eingekreist, wegen Einsturzgefahr. In den Gängen tropfte es nicht nur, nein, es mussten Eimer aufgestellt werden, um das eindringende Regenwasser aufzufangen. An der traditionsreichen Humboldt-Universität in Berlin gab es manchmal zwar eine Tafel, aber nur selten mit Kreide. In einigen Räumen bekamen wir dann zwar im Laufe der Zeit einen Beamer, deren Funktionsfähigkeit aber immer wieder unsere nervliche Belastbarkeit unter Beweis stellte. Aber mit 80.000 Euro Studiengebühren, die hier die MBA-Absolventen auf den Tisch legen, sollten die Erwartungen an den Unibetrieb auch etwas höher sein. Ein Kruzifix und eine Statue der Heiligen Muttergottes dürfen hier übrigens auch in keinem Raum fehlen.
Der Typus Mensch, der an dieser Schule anzutreffen ist, ist ein zwiegespaltener. Es sind Wirtschaftsstudenten aus meist reichem Elternhaus, die eine international Karriere vor sich haben, doch zugleich philantropisch veranlagt sind. „Wie kann ich Marxist sein und dennoch ein Whirlpool besitzen?“ ist die Frage, die Dr. Mark Albion der versammelten Elite im Audimax stellt. Über 600 Reden an Business-Schulen hat er schon gehalten, seitdem er nicht mehr als Management-Professor in Harvard lehrt. Die Finanzkrise ist für ihn kein Grund zur Depression, sondern zum Wandel: „Der Wandel kommt immer dann, wenn die Angst vor den Gefahren des Wandels kleiner ist als die Angst vor den Gefahren des Weitermachens. Jetzt ist die Zeit, in der wir die Art unseres Wirtschaftens grundsätzlich ändern können.“
Mark Albion hat keine Zahlen, keine Grafiken, keine Tabellen. Seine Worte sind eine große neue Lebensphilosophie. Das Leben besteht aus mehr als Geldmachen. Darüber hat er nicht nur ein Buch eigens für MBA-Studenten geschrieben, sondern auch noch einen Kurzfilm produziert, das seitdem viele Filmpreise gewonnen hat und auf youtube kursiert. Das Video erzählt die Parabel vom guten Leben: Ein MBA-Absolvent und ein Fischer treffen sich. Der kärglich daherkommende Fischer erzählt, wie er jeden Tag morgens in der Sonne döst, dann aufs Meer zum Fischen hinausfährt, und am Abend in die Stadt fährt, um mit Freunden gemütlich Gitarre zu spielen. Der frischgebackene Manager will ihm gleich einen Business-Plan erstellen, mit dem er noch viel mehr Fische fangen könne. Der Fischer wiegelt ab: Wozu? – Sie könnten die Fische verkaufen, mehrere Kutter anschaffen, mehr Fische fangen, mehr Geld verdienen, und dann hätten Sie soviel Geld, dass Sie jeden Tag morgens in der Sonne dösen könnten, und abends gemütlich mit Freunden in der Stadt Gitarre spielen könnten… – Ohne ein weiteres Wort gehen die beiden an den Strand, um den frisch gefangenen Fisch zu grillen.
Die Parabel habe ich schon als kleines Kind hundertmal erzählt bekommen, den Wirtschaftsstudenten scheint sie aber bis dato fremd gewesen zu sein. Überhaupt ist das Leben schön in der Motivationsrede von Mark Albion. Der Ex-Harvard-Dozent und preisgekrönte Autor erzählt von seiner Tochter, er zitiert Mutter Theresa und Henry Thoreau, und sagt zum Schluss: „Wir sind alle Engel, aber nur mit einem Flügel. Wir brauchen jemand anderen, um fliegen zu können.“ Tosender Applaus bei den Studenten. Auf welcher christlichen Veranstaltung bin ich denn hier gelandet?
ExxonMobil versus BP
Im Foyer ist eine Karriere-Messe aufgebaut. Hier treffen sich die Studenten mit potenziellen künftigen Arbeitgebern. Ich bewege mich sofort zum Stand von ExxonMobil, übrigens dem Hauptsponsor der Konferenz. ExxonMobil ist so ziemlich der böseste Konzern, den man sich vorstellen kann, und weit entfernt von dem Gutmenschentum, das Mark Albion uns ans Herz gelegt hat. Das nach Marktkapitalisierung wertvollste Unternehmen der Welt weigert sich beharrlich, an erneuerbare Energien überhaupt nur zu denken, finanziert zweifelhafte Studien, die den Klimawandel leugnen, behindert mit massiver Lobbyarbeit den internationalen Klimaschutz, und steht wegen der Finanzierung von Bürgerkriegen und der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen in Ölförderregionen in der Kritik. Schlimmer geht es nicht.
In diesem Moment noch brennender interessiert mich aber die Plastikfigur, die ExxonMobil jedem Konferenzteilnehmer als Willkommensgruß geschenkt hat. Es handelt sich dabei um ein rotes Plastikmännchen mit einem Drachen auf dem Pullover, das an eine Playmobil-Figur erinnert, aber deutlich hässlicher und von deutlich schlechterer Qualität. Am Exxon-Infostand klärt mich die junge Dame auf, dass sich darin ein USB-Stick verbirgt mit einem Computerspiel darauf. Ich bin so gespannt, dass ich unsere Unterhaltung erstmal unterbreche, um zum nächsten Computer zu laufen und das Spiel auszuprobieren. In dem Spiel mit dem Titel „80kW“ lässt man ein Männchen um die Welt fahren, als Fortbewegungsmittel dient dabei mal ein Heißluftballon, mal ein Wikingerboot, mal ein Elefant. In acht Ländern muss man Fragen beantworten, die zwar nichts mit dem jeweiligen Land zu tun haben, aber egal. Es wird z.B. gefragt, in welchem Land der meiste Tee konsumiert wird, welches Land die höchste Lebenserwartung hat (die Frage kam sogar zweimal), und welches Land am meisten nachgewiesen Gasreserven hat. Wenn man die Frage richtig beantwortet, bekommt man Energiereserven, um seine Reise fortsetzen zu können. Wenn man acht Fragen beantwortet hat, ist die Reise vorbei, man wartet auf eine Nachricht wie „Hurra, geschafft!“, aber vergeblich, das Spiel ist einfach aus. Welcher Praktikant hat das denn bitte programmiert?
Schnell zurück zum Infostand gesputet, ich will ja noch fragen, warum Exxon den Planeten zerstört. Also: Warum investiert Exxon nicht in erneuerbare Energien? – „Das ist nicht unser Geschäft. Das können andere machen.“ – Aber wenn das Öl ausgeht, wäre das Geschäft von Exxon doch völlig vorbei? – „Auch andere Unternehmen existieren nur hundert Jahre, da wird Exxon keine Ausnahme sein.“ – Ist das die offizielle Position von Exxon? – „Eigentlich bin ich gar nicht autorisiert, der Presse Auskunft zu geben.“ Ach so.
Wer dagegen autorisiert ist, mir Rede und Antwort zu stehen, ist Tedd Onderdonk, seines Zeichens Senior Energy Advisor in der Unternehmensplanung in der Konzernzentrale in Texas. Er sitzt an den Stellen, die das Denken des Konzerns bestimmen. In seinem Statement bei der Podiumsdiskussion liefert Tedd allerdings nicht mehr als einige Allgemeinplätze über die fortschreitende Energieeffizienz der letzten Jahrzehnte, er sagt, dass alle Chinesen jetzt Autos kaufen (höherer Ölverbrauch eingeschlossen), dass die CO2-Emissionen auf jeden Fall steigen werden, und lässt auch seine Neigung zur von Umweltschützern heftig kritisierte Kohlendioxid-Abscheidung bei fossiler Energieproduktion nicht unerwähnt. In seinem Büro hat er außerdem Bewegungsmelder, weswegen das Licht sich oft automatisch abschaltet, wenn er zu lange regungslos in den Computerbildschirm vertieft ist.
Im persönlichen Gespräch frage ich Tedd, warum es sein kann, dass Exxon dermaßen der Kritik ausgesetzt ist. Was ist denn dran an der Kritik der Umweltschützer? „Erneuerbare Energien gehören nicht zu unserem Geschäftsbereich. Wir glauben, dass wir am meisten Wert schaffen können, wenn wir weiter in Öl investieren. Die Nachfrage nach Öl bleibt weiter ungebremst. Wir sind nicht gegen Erneuerbare Energien, aber das überlassen wir gerne anderen.“ Doch wenn das Öl teuer und knapp wird? „Reicht noch Jahrzehnte. Der ‚Peak Oil’ (also das gefürchtete Fördermaximum von Erdöl) ist noch nicht da.“ Wird Kohlendioxid-Abscheidung nicht die Erneuerbaren Energien wettbewerbsfähiger machen gegenüber Kohle und Öl? „Wir sehen die Technologie nicht vor 2030 kommen. Die Kosten werden wahrscheinlich nicht das größte Problem sein. Fraglich ist vielmehr, ob das CO2 dann auch unter der Erde bleibt und nicht entweicht.“ Aber wie soll dann das Klima gerettet werden? „Atomkraft ist wohl ein Teil der Lösung.“ Und die Vorwürfe, dass Exxon Klimaskeptiker finanziert? „Ich kenne meine Kollegen, wir registrieren, was draußen vor sich geht.“ Da ist nichts zu holen. Mit einem freundlichen Händedruck verabschiede ich mich, und bin überzeugt: Exxon braucht besseres PR. Ich frage Tedd noch zum Abschied, was er von dem Engagement des Konkurrenten BP hält. „Das kann ich nicht beurteilen.“
Der britische Ölkonzern BP versucht sich neuerdings als „grüner“ Ölkonzern zu profilieren. Die Stimme von BP auf der Konferenz heißt Charles Donovan. Er steht in London als Chef der Abteilung „Structuring and Valuation“ (Strukturierung und Bewertung) auf dem Gehaltszettel und hat die Erneuerbare-Energien-Sparte von BP mit aufgebaut. Zuvor war er beim US-Energieriesen Enron (vor dessen sagenumwobenem Zusammenbruch) in der Risikoanalyse beschäftigt. Er fragt in den Raum: „Warum sollte man sich Sorgen machen, wenn das Licht brennt?“ Antworten sprudeln entgegen: Importabhängigkeit, Versorgungssicherheit, Klimawandel, Rohstoffverknappung, steigende Ölpreise… „Alles richtig“, sagt er. Deswegen hat BP ein neues Segment mit alternativen Energien etabliert, neben Fortführung des traditionellen Ölgeschäfts. Allerdings sei er persönlich enttäuscht, in welcher Art und Weise heute die ambitionierten Pläne und Versprechungen von vor wenigen Jahren verwirklicht würden, sagt Charles. „Ich hoffe, dass der Markt BP nicht mehr braucht. Es geht nicht darum, was die Individuen bei BP denken, sondern was unsere Shareholder denken. Das Wachstum von Konzernen, die ihre Erneuerbaren-Sparte ausgegliedert haben, ist größer. Wir müssen uns Fragen stellen, welchen Nutzen ein solches Investment für einen Ölkonzern hat. Das Interesse unserer Shareholder beruht auf BP als einem Öl- und Gaskonzern, nicht als einem Solarkonzern. Unsere Firmenpolitik ist daher nicht konsistent. Wir testen noch aus, inwieweit uns der Markt eine Rolle als neuem integrierten Energieunternehmen erlaubt.“
Bei Exxon wäre eine solche Antwort unvorstellbar gewesen. Dort würde man an Erneuerbare Energien überhaupt nicht denken. Man kann zweifeln, wie ernst es BP tatsächlich mit seinem Engagement ist. Aber nach den Worten, die hier fielen, steckt mehr dahinter als nur heiße Luft. Was BP anscheinend davon abhält, mehr Gutes zu tun, ist das Renditediktat der Aktienmärkte, nicht das interne Denken der Manager.
Bei meinem Tourismus-Programm in Barcelona frage ich mich, warum ich in der ganzen Stadt keine einzige Solarzelle sehe. Dabei scheint sogar jetzt im Februar die Sonne. Wahrscheinlich sponsert Exxon in Spanien zu viele Business-Konferenzen.



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