Im Eifer der letzten Wochen sind die Argumente oft der polemischen Zuspitzung gewichen. Jetzt gilt es, wieder zu einer sachlichen Auseinandersetzung zurückzufinden. Der Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD hält die angestrebte Gleichstellung des bislang freiwilligen Religionsunterrichts mit dem Pflichtfach Ethik aus einer Reihe von Gründen für richtig.
Ein ordentliches Lehrfach Religion hat gegenüber der bisherigen Regelung den Vorzug, dass der Staat die Einhaltung von Bildungsstandards im Blick auf den Lehrplan und die Ausbildung der Lehrkräfte einfordern kann. Damit fordert er zugleich alle Vertreter und Vertreterinnen einer Religion oder Weltanschauung auf, ihre Überzeugungen mit den Werten unserer demokratischen Freiheitsordnung in Einklang zu bringen.
Das Anliegen der Berliner SPD ist berechtigt, durch die Einführung eines für alle Schüler und Schülerinnen ab Klasse sieben verbindlichen Ethikunterrichtes auf die Herausforderung zu antworten, dass in Berlin Menschen aus über 180 Nationen und mehr als 130 verschiedenen Religionsgemeinschaften leben und dennoch ein Großteil der Schüler und Schülerinnen konfessionslos ist - und damit keines der wertorientierenden Angebote einer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft nutzt. Der grundsätzliche Irrtum besteht jedoch darin zu glauben, Dialog und Verständigung könne man nur durch Absehung von bestimmten religiösen Überzeugungen der SchülerInnen erreichen. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil ihre Religion für gläubige Menschen eine wichtige Grundlage für ihre moralischen Überzeugungen, für die Vorstellung vom Sinn ihres Lebens und für ihr Verhältnis zur Demokratie ist, müssen sie diese Basis in der Schule reflektieren und gegebenenfalls kritisch hinterfragen.
Genau das aber ist die Aufgabe des Religionsunterrichts. Deshalb steht Religionsunterricht dem Anliegen von "Ethik" nicht entgegen, sondern ergänzt und fördert es. Zum christlichen und jüdischen Religionsunterricht gehört schon seit den 1970er Jahren, dass er keine religiös-praktische Unterweisung (Katechese) ist, sondern bildungstheoretisch von der Schule her begründet wird und die religiösen Traditionen mit den Herausforderungen der modernen Gesellschaft konfrontiert. Er will gerade zu einem informierten, aufgeklärten Verhältnis zum eigenen Glauben und zur Anerkennung und Achtung vor Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen erziehen.
Dem gegenüber steht ein vermeintlich neutrales Pflichtfach Ethik, das gleichwohl zur inneren Bejahung der Grundwerte unserer Demokratie erziehen will, in der Gefahr, eine areligiöse Weltanschauung selbst zur Norm zu erheben. Damit verletzt es aber die Kompetenz und die Neutralität des Staates. Das gilt um so mehr, wenn Lehrkräfte mit atheistischer Grundeinstellung eine "religionsneutrale" Wertevermittlung sicherstellen sollen.
Zur Konzeption ethischer Bildung in einer Stadt wie Berlin gehört die Anerkennung der Tatsache, dass die Quellen von Normbegründungen plural sind. Gerade ein Unterricht, der "die Bereitschaft und Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer kulturellen, ethnischen, religiösen und weltanschaulichen Herkunft […] fördern, sich gemeinsam mit grundlegenden kulturellen und ethischen Problemen des individuellen Lebens, des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie mit unterschiedlichen Wert- und Sinnangeboten konstruktiv auseinander [ ] setzen" will, damit "die Schülerinnen und Schüler Grundlagen für ein selbstbestimmtes und verantwortungsbewusstes Leben gewinnen und soziale Kompetenz, interkulturelle Dialogfähigkeit und ethische Urteilsfähigkeit erwerben", muss sicher stellen, dass SchülerInnnen ihre religiös grundierten Auffassungen über Freiheit, Geschlechterfragen oder politische Ordnung nicht nur behaupten, sondern in der Lage sind, sie argumentativ in die Diskussion mit Andersdenkenden und Andersgläubigen einzubringen.
Das setzt Information und kritisches Nachdenken über das Eigene voraus, wie es der Religionsunterricht leisten will. Interkulturelle Verständigung fordert dann eine enge Kooperation zwischen "Ethik" und "Religion", die ausdrücklich die Möglichkeit einschließt, dass beispielsweise ein muslimischer Schüler den protestantischen Religionsunterricht oder eine protestantische Schülerin den muslimischen Religionsunterricht besucht. Die Einführung eines Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion schließt damit selbstverständlich die Forderung ein, dass auch die nichtchristlichen Religionen die notwendige Unterstützung beim Aufbau ihres Religionsunterrichts erhalten.
Nur eine Gleichstellung von Religions- und Ethikunterricht, nicht ein möglichst religionsfreier kleinster gemeinsamer Nenner schafft die Basis für gegenseitige Anerkennung und die Überwindung von Vorurteilen. Zugleich bereitet die enge Zusammenarbeit beider den Boden für fruchtbare gegenseitige Anfragen und Kritik.
In einem solchen Kooperationsmodell werden positive und negative Religionsfreiheit nicht gegeneinander ausgespielt, sondern gleichermaßen geachtet.
Dagegen erscheint die Polemik, die im Rahmen des Streits um pro Reli versus pro Ethik auch von Berliner Sozialdemokraten zu hören ist, bisweilen mehr als Spiegel der eigenen Vorurteile gegenüber Religion im allgemeinen und Religionsunterricht im besonderen denn als Beitrag in der Sache. Da werden die Vertreter von pro Reli als Fundamentalisten beschimpft, Religion mit Gewalt in eins gesetzt und Religionsunterricht als billige Indoktrination und Bollwerk gegen alles Fremde gebrandmarkt. Die Parteinahme pro Ethik fungiert hier nur als ein willkommenes Vehikel für antikirchliche Affekte, begleitet von Argumenten aus der Mottenkiste der Religionskritik des 19. Jahrhunderts.
Wer mit solch unverhohlenem Ressentiment gegen Religion für ein Pflichtfach Ethik streitet, konterkariert geradezu das Anliegen des Faches, für Toleranz und Verständigung zu werben. Aus dem Munde von SozialdemokratInnen schadet es zudem der Glaubwürdigkeit der SPD als Gesprächspartnerin von Kirchen und Religionsgemeinschaften, denn es widerspricht eklatant der hohen Wertschätzung, die ihnen das Hamburger Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands als Trägerinnen der Zivilgesellschaft und Partnerinnen auf dem Weg zu einer humanen, zukunftsfähigen Gesellschaft entgegengebracht hat. Wir erinnern ausdrücklich daran, dass Judentum und Christentum zu den wichtigen Wurzeln der Sozialdemokratie zählen und dass religiös begründete Ethik zu den Kraftquellen sehr vieler Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gehört.
Der Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD fordert alle Beteiligten auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, um eine einvernehmliche und vernünftige Regelung zu finden, die den Anliegen beider Seiten Rechnung trägt. Dafür setzen wir uns auch innerhalb der SPD ein. Ziel muss eine Lösung sein, die auf die Pluralität von Herkunft und Religion der Schülerinnen und Schüler in Berlin antwortet, dabei aber auch der religiösen Bildung in der Schule angemessenen Raum gibt.
Berlin, 21. Januar 2009
Kerstin Griese MdB, OSTD Benno Haunhorst, Dr. Dietmar Kehlbreier, Dr. Wolfgang Thierse MdB, Sprecherkreis Christinnen und Christen in der SPD



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