Gut gebrüllt, Loewe - Traditionspflege

von Werner Loewe - 15.04.2009
Ein Wehrmachtslied im Gesangsbüchlein der Baden-Württembergischen CDU sorgte Anfang April für einige Aufregung in den Medien. Das „Panzerlied“ der Hitlerschen Wehrmacht unter „Volkslieder und Schlager für fröhliche Stunden“ einzureihen ist schon bizarr. Doch auch anderen Orts wird die Tradition der großdeutschen Wehrmacht fröhlich gepflegt.







So kann es nicht wirklich überraschen, dass sich auch im Liederbuch  der Bundeswehr „Kameraden, singt!“ das Lied findet – in der Fassung, die auch die CDU unter ihr Parteivolk bringen wollte. Verzichtet wird allerdings, wie „Spiegel Online“ mitteilt, auf zwei Zeilen aus der Originalversion der Wehrmacht: „Was gilt denn unser Leben, für unsres Reiches Wehr? Für Deutschland zu sterben ist unsre höchste Ehr‘.“ In der aktuellen Version hält man das Lied bei der Bundeswehr für harmlos und verkündet treuherzig: „Wir stehen zum Liedgut der Soldaten.“

Nicht nur zu dem. Die Bundeswehr scheint noch ganz andere Traditionen zu pflegen. Nach einem Bericht des ARD-Magazins „Kontraste“ setzt die Bundeswehr seit vielen Jahren Handbücher für ihre Ausbilder ein, in denen völlig ungeniert auf Hitlers Wehrmacht zurückgegriffen wird. „Einsatznah ausbilden“, „Einsatznah üben“, „Einsatznah schießen“, so die Titel der Handbücher. „Hunderte Wehrmachts-Kriegsgeschichten“, so das ARD-Magazin, „werden hier dem Bundeswehrsoldaten vorgesetzt – die ihn bei der Ausbildung in ‚Kampf-Stimmung‘ bringen sollen.“

Das Magazin zitiert Beispiele dieser Landsergeschichten, so etwa den Erlebnisbericht eines Panzervernichtungstrupps von 1944: „Die Panzerfaust schussbereit lauern wir und verfolgen die Stahlkolosse…Gespannt sehen wir, wie ein Kamerad, die Panzerfaust in der Hand, und von Deckung zu Deckung springend, den Panzer ‚angeht‘ wie ein Jäger das Wild…Eine riesige Stichflamme und der Koloss brennt lichterloh“. Zur 6. Armee, die in Stalingrad sinnlos verheizt und deren geschlagene Reste dann zum großen Teil in Gefangenschaft umkamen, zitiert das Handbuch kühl einen jungen Offizier aus dem Jahr 1943, der abwertend konstatiert: „Es fehlte jeder Kampf- und Abwehrwille“ – in den  Augen der Herausgeber des Handbuchs wohl exemplarisch für die traurig lasche Haltung dieser Truppe. Ein abschreckendes Beispiel. Doch sie finden im Russlandfeldzug auch Soldaten aus ganz anderem Holz: „Das Vertrauen zur Führung ist unangetastet. Dass ständig kaum ausgeheilte Verwundete und Halbkranke zum ‚alten Haufen‘ drängen, ist … ein Beweis für den Geist der Truppe.“ Und diesen Geist zu beschwören sehen die Herausgeber der Handbücher offensichtlich als ihre Aufgabe an.

Verantwortlich für diese braune Geisterbeschwörung ist das Heeresamt der Bundeswehr. Die gibt sich arglos und weist den Vorwurf zurück, die großdeutsche Wehrmacht diene der Bundeswehr als Vorbild. „Gleichwohl gibt es militärische Grundweisheiten, die Einzelschützen, die Führer von Verbänden zu verinnerlichen haben. Und militärische Grundweisheiten existierten auch während der 12 Jahre eines totalitären Regimes“, so General Walter Spindler, General für die Ausbildung im Heer, gegenüber „Kontraste“.

Der Vorgänger des Handbuchs „Einsatznah ausbilden“ hieß bis Ende der 80er Jahre „Kriegsnah ausbilden“, das dann später bei gleichem Umschlagslayout, Untertitel  und Herausgeber im Titel  entschärft wurde. Unter dem alten Titel sorgte es schon 1987 für einen Skandal. Im Kapitel „Feuerbereitschaft“ hieß es als zwölftes Gebot:  „Halte deiner Waffe immer die Treue!“  Auf Anfrage von Petra Kelly und der Fraktion der Grünen musste der Staatssekretär beim Verteidigungsminister, Peter Kurt  Würzbach (CDU) einräumen, dass dieses Gebot identisch sei mit dem letzten der zwölf Gebote  für den MG-Schützen aus dem Wehrmachtsblatt vom 1. April 1944. Weiter wollte Petra Kelly wissen, ob in dem Handbuch als Quelle unter anderem auch „Der Panzerknacker – Anleitung für den Panzernahkämpfer“, gleichfalls von 1944, herangezogen wurde. Würzbach bestätigte das. Auf die Frage: „Ist die Bundesregierung der Meinung, dass die Nazi-Wehrmacht und ihre Angriffskriege zum Vorbild für junge Bundeswehrsoldaten genommen werden sollte?“, kam die militärisch knappe Antwort: „Die Bundesregierung ist nicht dieser Meinung. Sie vertritt jedoch die Auffassung, dass soldatische Erfahrungen der Vergangenheit für die Ausbildung der Streitkräfte von Bedeutung sein können.“ 

„Man lernt eben, wo man kann“ lautete 1987 das bittere Fazit Gunter Hofmanns in der „Zeit“, wo er über den Fall berichtete.  Auch mehr als zwanzig Jahre später bedient sich die Bundeswehr weiterhin ungehemmt bei Hitlers  Wehrmacht. Man lernt eben auch nur, wo man will.

Aus dem Skandal lernen will man seit zwanzig Jahren nicht.

 

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