Die Missionierung des "gottlosen Westens" - eine Gefahr für die Demokratie? Freiheit und Toleranz gegen religiöse Fundamentalisten verteidigen

von Lars Haferkamp - 04.05.2009
Viele Anhänger von "Pro Reli" können ihr Scheitern beim Volksentscheid nicht akzeptieren. Statt Selbstkritik und Respekt vor dem Volkswillen zu zeigen, greifen sie die SPD an und beschimpfen die Mehrheitsgesellschaft als gottlos und dumm. So zeigt sich, wie Recht die Berliner hatten, der religiösen Kampagne "für Freiheit und Toleranz" keinen Glauben zu schenken.

Der Theologe Christian Polke nimmt seinen Vorwurf der "Dummheit" an die Kritiker von „Pro Reli“ auf vorwaerts.de nicht zurück, sondern er rechtfertigt ihn. Das kann nicht unwidersprochen bleiben.

Der Berliner Senat, das Abgeordnetenhaus, das Bundesverfassungsgericht und jetzt das Berliner Volk per Referendum, sie alle haben klar entschieden: gegen "Pro Reli".

Da einfach zu sagen 'interessiert uns nicht, wir haben trotzdem gewonnen, der Kampf geht weiter', zeigt auch dem Gutgläubigsten, was für "Demokraten" viele religiösen Eiferer in Wirklichkeit sind.

Zu den Missionaren gehört - nach eigenen Angaben - auch der Theologe Christian Polke. Er unterstellt der Berliner SPD und den Gegnern von "Pro Reli" in seinem Beitrag auf vorwaerts.de wahlweise "mangelndes Verständnis von Religion", "Angst vor der Religion" oder gleich "Dummheit". Was sagt das über sein Demokratieverständnis? Was sagt das über seinen Respekt vor Andersgläubigen, vor Atheisten oder vor Menschen, für die eine Trennung von Staat und Religion ein Gebot der Demokratie ist?

Die trotzigen und wütenden Reaktionen vieler "Pro Reli"-Aktivisten auf ihre klare Niederlage zeigen einmal mehr: Religiöser Fundamentalismus und Demokratie sind leider nur schwer miteinander zu vereinbaren.

Und es zeigt, was die Mehrheit der Berliner ganz richtig vermutet hat: Vielen religiösen Aktivisten geht es nicht um Freiheit und Toleranz, wie tausendfach von ihnen plakatiert. Ihnen geht es um vor allem Missionierung und Indoktrinierung im Sinne ihrer eigenen Religion.

Wie wenig sie von Freiheit und Toleranz verstehen, sieht man allein schon daran, wie die beiden christlichen Kirchen miteinander umgehen. Nicht nur, dass sie sich auf einen gemeinsamen Religionsunterricht nicht einigen können, weil Katholiken und Protestanten lieber jeder für sich den Kindern sagen wollen, welcher Glaube falsch und welcher richtig ist. Nein, die katholische Kirche erkennt die Protestanten nicht einmal als richtige Kirche an, sondern diskriminiert sie als nur "kirchliche Gemeinschaft".

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen: Das gemeinsam gefeierte Abendmahl von Geistlichen endet mit dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis. Die Scheidung einer Ehe oder gar das Eingehen einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft führt zur fristlosen Kündigung durch den christlichen Arbeitgeber. Was für eine Freiheit! Was für eine Toleranz!

Polkes Thesen, die Religion habe die Menschen "befreit", sind gerade zu abenteuerlich. Sie haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Wann hätte je eine Kirche für Freiheit gekämpft, außer für die eigene? Schauen wir uns doch die Weltgeschichte und die Weltreligionen an: Wenn eine Religion in der Minderheit war (zum Beispiel das Christentum in der röm. Antike bis zum 3. Jahrhundert), warb sie um Toleranz. Hatte sie eine "kritische Masse" erreicht (4. Jahrhundert: Kaiser Konstantin erkennt das Christentum an) drehte die nun aufgestiegene Religion den Spieß um: Sie unterdrückte alle anderen Religionen, die dann als Ungläubige, Ketzer, Blasphemiker, Gottlose etc. etc. diffamiert und verfolgt wurden. Diese Beispiele ließen sich über die Jahrhunderte endlos fortsetzen, bis in die heutige Zeit.

Es gibt ja sogar Theologen, die wollen uns einreden, die Erklärung der Menschenrechte sei ein Ergebnis christlicher Religion und Theologie. Das stellt die historische Wahrheit auf den Kopf: Die Kirchen haben die französische Revolution und mit ihr die Erklärung der Menschenrechte und die Demokratie bekämpft - einige bis in die heutige Zeit hinein. Viele Evangelikale bei den Protestanten und die Traditionalisten (Pius-Brüder) bei den Katholiken lehnen bis heute die Demokratie ab und verunglimpfen sie als "Diktatur der atheistischen Mehrheit" über die gläubige Minderheit. Genau so sagen es ja auch einige Eiferer von "Pro Reli" nach dem verlorenen Volksentscheid.

Diese Leute sind, ein führender deutscher Politikwissenschaftler hat es vor einigen Wochen in einem "Welt"-Interview treffend formuliert, "ein Fall für den Verfassungsschutz", aber kein Beispiel für Freiheit und Toleranz.

Der Kampf der Religionen gegen die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ist leider nicht nur die Geschichte des Mittelalters oder der letzten hundert Jahre - nein, er ist die Gegenwart. Schauen wir uns doch die so genannten "Gottesstaaten" an: Zu Iran, Afghanistan oder Saudi-Arabien brauche ich nicht wirklich Ausführungen zu machen, jeder kennt die Bilder von tief verschleierten Frauen, patroullierenden Religionspolizisten (ja, genau so heißen die!) sowie ausgepeitschten oder gesteinigten Menschen.

Jetzt werden Polke und seine Freunde sagen: Ja, das ist der Islam, wir sind doch ganz anders. Sind sie das? Der einzige christliche Gottesstaat, der Vatikan, ist keine Demokratie, er kennt keine Gewaltenteilung oder -kontrolle, er ist eine absolute Monarchie, die einzige in Europa. Würde der Vatikan Mitglied der EU oder NATO werden wollen, beide Organisationen würden seinen Antrag zurückweisen, weil er keine Demokratie ist.

In der katholischen Kirche werden Theologen, die eine von der offiziellen Lehrmeinung abweichende Auffassung vertreten zu einem "Bußschweigen" verurteilt und verlieren ihre Lehrerlaubnis. So etwas kann sich ein normal denkender Mensch kaum vorstellen: Das wäre so, als würde ein Parteivorsitzender einem Abgeordneten bei einer abweichenden Meinung das Bundestagsmandat entziehen und ihm jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit verbieten. Die Grundrechte würden damit außer Kraft gesetzt, ein Aufschrei ginge durch die demokratische Gesellschaft. Und eine Organisation, wie die katholische Kirche, die solch undemokratische Praktiken bis heute durchführt, ausgerechnet die soll "für Freiheit und Toleranz" stehen? Wer soll das glauben?

Nun werden einige sagen, ja die Katholiken sind so, aber die Protestanten sind ja ganz anders. Sind sie das? Die Art und Weise, wie Berlins evangelischer Landesbischof Wolfgang Huber die Kritiker von "Pro Reli", etwa die Initiative "Christen pro Ethik", unterdrückt und kujoniert, hat wohl auch dem letzten Zweifler klar gemacht, welchen Wert Freiheit und Toleranz für die Kirche wirklich hat.

Die Kirche befreit die Menschen? Das ist ein Märchen, dass heute zum Glück niemand mehr glaubt! Die Berliner haben es beim Volksentscheid auch nicht getan, sondern diese Behauptung als Anmaßung und Volksverdummung zurückgewiesen - mit Recht.

Polke schreibt, dass wir "erst am Anfang einer längeren gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die Frage nach der Religion stehen". Das hätte er gerne! Die religiöse Missionierung der "gottlosen, westlichen Gesellschaft", die er und andere Eiferer anstreben, können sie aber zum Glück nicht herbei schreiben. Das haben seine Kollegen ja schon nach der Wahl Ratzingers zum Papst versucht. Die Wahl eines deutschen Papstes hatte keinen Einfluss auf unsere Gesellschaft, die Kirchen verlieren weiter Mitglieder und Bedeutung, das Kirchensterben setzt sich fort.

Ich bin sehr dafür, dass Herr Polke und seine Freunde offen über Ihre Religion und ihre Missionsabsicht sprechen: Je mehr die Leute nämlich über die Kirchen, ihr Personal und ihre Praktiken erfahren - denken wir nur an die Pius-Bruderschaft oder die unselige Kampagne von "Pro Reli" in Berlin - umso mehr wenden sie sich ab. Die Menschen wollen nicht zurück ins Mittelalter, sie wollen nicht einmal zurück in die 50er Jahre, die Menschen wollen ihre Freiheit verteidigen. Darauf kann die Demokratie stolz sein.

Die liberale Gesellschaft hat die Kampfansage der Klerikalen verstanden und beim Volksentscheid in Berlin eindeutig beantwortet. Sie wird sich auch zukünftig gegen religiöse Fundamentalisten egal welcher Couleur wehren müssen. Seien wir wachsam!

 

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Polke ist nicht ernst zu nehmen...

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viel mehr ist sein Beitrag ( http://www.vorwaerts.de/trackback/7294 ) eine Sammlung von unhaltbaren Argumenten für.. ja für was eigentlich? Keines seiner Argumente bezieht sich wirklich auf die Notwendigkeit, Religionsunterricht als Wahlpflichtalternative zum Ethikunterricht anzubieten.

Es geht also um die Anerkennung der Religionen (ach nein, ausgewählter, richtiger Religionen - über Esoterik, Astrologie und neoheidnische Religionen wird sich ja "tolerant" wie es eingefordert wird abwertend geäußert..) in der Gesellschaft?

Ja nu, Herr Polke, haben wir doch.. Das wird nämlich auf Wunsch unterrichtet. An Schulen. Von Personal, dass sich mit der Dogmatik der jeweiligen Religion auskennt. Was denn noch? Warum denn noch mehr? Jeder hat ja die Möglichkeit, Religionsunterricht zu wählen, keines der Argumente ist spezifisch für eine Notwendigkeit der Wahlpflicht:
Das selten dämliche Argument, dass man einen Standpunkt nicht aus der Vogelperspektive (jedoch aus der Vermittlung nur eines Teils des Gesamtsystems??) entwickeln könne, der Hinweis, dass die Expertise der Religionsgemeinschaften zum interreligiösen Dialog nützlich sei, die angebliche integrative Wirkung von Religionen.. all das sind Dinge, die man anbringen kann, wenn es um das Verbot des Religionsunterrichts an Schulen diskutiert. Und zu diskutieren ist da noch ne Menge, aber nicht in die Richtung, die ihm da vorschwebt...

Die Argumentation ist eh an mancher Stelle fragwürdig. Da wirft er vor, der Ethikunterricht suggeriere ein Verhindern von Ghettoisierung und Ehrenmorden. Und wer hupt keine drei Federstriche weiter, dass man die "Integrationskraft der Religionen gerade jetzt, in Zeiten der Krise, wo Zukunftsängste das Leben von vielen jungen Menschen bedrohen, so gut gebrauchen" kann? Und von der "Mitmenschlichkeit, wie sie das jüdisch-christliche Mitleidsethos seit Jahrtausenden als Ideal vorgibt", Esoterik jedoch nicht (ääh, hat der sich schon mal damit beschäftigt?)?
Religionsunterricht kann also das, was Ethik nicht kann? Beweise? Quelle?

Die Wichtigkeit der Religionen in der Menschheitsgeschichte wird ja in seiner Antwort auf Deine Kritik von ihm hervorgehoben. Klasse, die Industrialisierung war auch ein wichtiger Schritt in der Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft, ich seh aber deswegen keine Notwendigkeit, "Kohle- und Erzabbau" in der Schule unterrichtet zu bekommen. Das Argument mit den Neoheiden (als ob das keine Religion wäre) und Diktaturen werd ich nicht mal mehr aufgreifen, so albern ist das.

Also Lars: nicht an Herrn Polke stören, der kann eh nicht argumentieren, aber schön weiter beim wieder aufkeimenden Quasiimperialismus der Kirche dagegen halten ;)

Liebe Grüße
Jan Wigger

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