Der Theologe Christian Polke nimmt seinen Vorwurf der "Dummheit" an die Kritiker von „Pro Reli“ auf vorwaerts.de nicht zurück, sondern er rechtfertigt ihn. Das kann nicht unwidersprochen bleiben.
Der Berliner Senat, das Abgeordnetenhaus, das Bundesverfassungsgericht und jetzt das Berliner Volk per Referendum, sie alle haben klar entschieden: gegen "Pro Reli".
Da einfach zu sagen 'interessiert uns nicht, wir haben trotzdem gewonnen, der Kampf geht weiter', zeigt auch dem Gutgläubigsten, was für "Demokraten" viele religiösen Eiferer in Wirklichkeit sind.
Zu den Missionaren gehört - nach eigenen Angaben - auch der Theologe Christian Polke. Er unterstellt der Berliner SPD und den Gegnern von "Pro Reli" in seinem Beitrag auf vorwaerts.de wahlweise "mangelndes Verständnis von Religion", "Angst vor der Religion" oder gleich "Dummheit". Was sagt das über sein Demokratieverständnis? Was sagt das über seinen Respekt vor Andersgläubigen, vor Atheisten oder vor Menschen, für die eine Trennung von Staat und Religion ein Gebot der Demokratie ist?
Die trotzigen und wütenden Reaktionen vieler "Pro Reli"-Aktivisten auf ihre klare Niederlage zeigen einmal mehr: Religiöser Fundamentalismus und Demokratie sind leider nur schwer miteinander zu vereinbaren.
Und es zeigt, was die Mehrheit der Berliner ganz richtig vermutet hat: Vielen religiösen Aktivisten geht es nicht um Freiheit und Toleranz, wie tausendfach von ihnen plakatiert. Ihnen geht es um vor allem Missionierung und Indoktrinierung im Sinne ihrer eigenen Religion.
Wie wenig sie von Freiheit und Toleranz verstehen, sieht man allein schon daran, wie die beiden christlichen Kirchen miteinander umgehen. Nicht nur, dass sie sich auf einen gemeinsamen Religionsunterricht nicht einigen können, weil Katholiken und Protestanten lieber jeder für sich den Kindern sagen wollen, welcher Glaube falsch und welcher richtig ist. Nein, die katholische Kirche erkennt die Protestanten nicht einmal als richtige Kirche an, sondern diskriminiert sie als nur "kirchliche Gemeinschaft".
Die Liste ließe sich endlos fortsetzen: Das gemeinsam gefeierte Abendmahl von Geistlichen endet mit dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis. Die Scheidung einer Ehe oder gar das Eingehen einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft führt zur fristlosen Kündigung durch den christlichen Arbeitgeber. Was für eine Freiheit! Was für eine Toleranz!
Polkes Thesen, die Religion habe die Menschen "befreit", sind gerade zu abenteuerlich. Sie haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun.
Wann hätte je eine Kirche für Freiheit gekämpft, außer für die eigene? Schauen wir uns doch die Weltgeschichte und die Weltreligionen an: Wenn eine Religion in der Minderheit war (zum Beispiel das Christentum in der röm. Antike bis zum 3. Jahrhundert), warb sie um Toleranz. Hatte sie eine "kritische Masse" erreicht (4. Jahrhundert: Kaiser Konstantin erkennt das Christentum an) drehte die nun aufgestiegene Religion den Spieß um: Sie unterdrückte alle anderen Religionen, die dann als Ungläubige, Ketzer, Blasphemiker, Gottlose etc. etc. diffamiert und verfolgt wurden. Diese Beispiele ließen sich über die Jahrhunderte endlos fortsetzen, bis in die heutige Zeit.
Es gibt ja sogar Theologen, die wollen uns einreden, die Erklärung der Menschenrechte sei ein Ergebnis christlicher Religion und Theologie. Das stellt die historische Wahrheit auf den Kopf: Die Kirchen haben die französische Revolution und mit ihr die Erklärung der Menschenrechte und die Demokratie bekämpft - einige bis in die heutige Zeit hinein. Viele Evangelikale bei den Protestanten und die Traditionalisten (Pius-Brüder) bei den Katholiken lehnen bis heute die Demokratie ab und verunglimpfen sie als "Diktatur der atheistischen Mehrheit" über die gläubige Minderheit. Genau so sagen es ja auch einige Eiferer von "Pro Reli" nach dem verlorenen Volksentscheid.
Diese Leute sind, ein führender deutscher Politikwissenschaftler hat es vor einigen Wochen in einem "Welt"-Interview treffend formuliert, "ein Fall für den Verfassungsschutz", aber kein Beispiel für Freiheit und Toleranz.
Der Kampf der Religionen gegen die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ist leider nicht nur die Geschichte des Mittelalters oder der letzten hundert Jahre - nein, er ist die Gegenwart. Schauen wir uns doch die so genannten "Gottesstaaten" an: Zu Iran, Afghanistan oder Saudi-Arabien brauche ich nicht wirklich Ausführungen zu machen, jeder kennt die Bilder von tief verschleierten Frauen, patroullierenden Religionspolizisten (ja, genau so heißen die!) sowie ausgepeitschten oder gesteinigten Menschen.
Jetzt werden Polke und seine Freunde sagen: Ja, das ist der Islam, wir sind doch ganz anders. Sind sie das? Der einzige christliche Gottesstaat, der Vatikan, ist keine Demokratie, er kennt keine Gewaltenteilung oder -kontrolle, er ist eine absolute Monarchie, die einzige in Europa. Würde der Vatikan Mitglied der EU oder NATO werden wollen, beide Organisationen würden seinen Antrag zurückweisen, weil er keine Demokratie ist.
In der katholischen Kirche werden Theologen, die eine von der offiziellen Lehrmeinung abweichende Auffassung vertreten zu einem "Bußschweigen" verurteilt und verlieren ihre Lehrerlaubnis. So etwas kann sich ein normal denkender Mensch kaum vorstellen: Das wäre so, als würde ein Parteivorsitzender einem Abgeordneten bei einer abweichenden Meinung das Bundestagsmandat entziehen und ihm jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit verbieten. Die Grundrechte würden damit außer Kraft gesetzt, ein Aufschrei ginge durch die demokratische Gesellschaft. Und eine Organisation, wie die katholische Kirche, die solch undemokratische Praktiken bis heute durchführt, ausgerechnet die soll "für Freiheit und Toleranz" stehen? Wer soll das glauben?
Nun werden einige sagen, ja die Katholiken sind so, aber die Protestanten sind ja ganz anders. Sind sie das? Die Art und Weise, wie Berlins evangelischer Landesbischof Wolfgang Huber die Kritiker von "Pro Reli", etwa die Initiative "Christen pro Ethik", unterdrückt und kujoniert, hat wohl auch dem letzten Zweifler klar gemacht, welchen Wert Freiheit und Toleranz für die Kirche wirklich hat.
Die Kirche befreit die Menschen? Das ist ein Märchen, dass heute zum Glück niemand mehr glaubt! Die Berliner haben es beim Volksentscheid auch nicht getan, sondern diese Behauptung als Anmaßung und Volksverdummung zurückgewiesen - mit Recht.
Polke schreibt, dass wir "erst am Anfang einer längeren gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die Frage nach der Religion stehen". Das hätte er gerne! Die religiöse Missionierung der "gottlosen, westlichen Gesellschaft", die er und andere Eiferer anstreben, können sie aber zum Glück nicht herbei schreiben. Das haben seine Kollegen ja schon nach der Wahl Ratzingers zum Papst versucht. Die Wahl eines deutschen Papstes hatte keinen Einfluss auf unsere Gesellschaft, die Kirchen verlieren weiter Mitglieder und Bedeutung, das Kirchensterben setzt sich fort.
Ich bin sehr dafür, dass Herr Polke und seine Freunde offen über Ihre Religion und ihre Missionsabsicht sprechen: Je mehr die Leute nämlich über die Kirchen, ihr Personal und ihre Praktiken erfahren - denken wir nur an die Pius-Bruderschaft oder die unselige Kampagne von "Pro Reli" in Berlin - umso mehr wenden sie sich ab. Die Menschen wollen nicht zurück ins Mittelalter, sie wollen nicht einmal zurück in die 50er Jahre, die Menschen wollen ihre Freiheit verteidigen. Darauf kann die Demokratie stolz sein.
Die liberale Gesellschaft hat die Kampfansage der Klerikalen verstanden und beim Volksentscheid in Berlin eindeutig beantwortet. Sie wird sich auch zukünftig gegen religiöse Fundamentalisten egal welcher Couleur wehren müssen. Seien wir wachsam!



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