Zur Zukunft der SPD Erneuerung ernst nehmen!

von Andre Gilles - 05.10.2009
Also ich muss gestehen, was mich im Rahmen der gesamten Diskussion um die Zukunft der SPD sehr nachdenklich stimmt ist das derzeitige Verhalten der Jusos und Ihrer Repräsentanten auf Bundesebene mit der einseitigen Fokussierung auf die Abkehr von Agenda Politik und der Rente mit 67.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass sich die Partei programmatisch neuen Sachlagen stellen muss und es strategisch an der Zeit ist die Tür zur Linkspartei zumindest orientiert an den jeweiligen Inhalten zu öffnen. Auch darf eine kritisch reflektierte Betrachtung der Regierungsjahre sicherlich nicht fehlen.

Will die SPD aus ihrem jetzigen Dasein treten, muss sie jedoch vor allem zeigen wofür sie in Zukunft stehen wird, wie sie sich definiert und wie sie aus dem Dreier-Würgegriff (CDU in der Mitte, Grüne, Linke) herausgelangen will.
 
Dazu bedarf es vor allem neuer innovativer Köpfe, kluger Ideen und einer gehörigen Portion linkem Pragmatismus. Mit dem Verweis auf die Agenda-Jahre lässt sich zwar wohl möglich die teilweise durchaus verständliche Wut über Basta-Politik und Sozialabbau kanalisieren, aber nicht neues, dringend benötigtes Engagement gerade bei jungen Leuten generieren.
 
Wir sind uns einig, die SPD muss sich innerparteilich neuen Partizipationsmöglichkeiten öffnen und auch personell einen Generationswechsel vollziehen. Programmatisch jedoch mit dem dauerhaften Fingerzeig auf die Vergangenheit voranzuschreiten halte ich weder für besonders ideenreich, noch für zeitgemäß. Vielmehr sollte man den Blick nach vorne richten und fragen wie sozialdemokratische Politik im 21.Jahrhundert aussehen kann. Der dabei erforderliche Spagat zwischen Links/Mitte/Grün ist zugegeben und gelinde gesagt schwierig. Nimmt man ihn ernst und begreift man ihn als Herausforderung ist er indes sicherlich nicht unmöglich.

 Der isolierte Rückzug in ideologische Grabenkämpfe und soziale Heilsversprechungen kann diesen Spagatsprung jedoch keineswegs leisten und wird mitnichten als glaubhafte Erneuerung verstanden werden.

Was wir vielmehr brauchen ist eine klares Gesamtkonzept, wie man Demokratie und Wirtschaft in Deutschland wirklich nachhaltig, vernünftig und realistisch gestalten kann. Hierbei muss die Frage der sozialen Gerechtigkeit und Balance selbstverständlich eine Schlüsselstellung einnehmen. Auf den Deutschlandplan und das Hamburger Programm lässt sich dabei sicherlich aufbauen.

Diese programmatische Richtung sollte jedoch auch in einem weiteren Punkt mehr Ehrlichkeit wagen: Und zwar darin, dass Politik auf nationaler Ebene an Gestaltungsspielraum verliert, welchen sie sich nur auf internationaler Ebene wiederholen kann! Aus diesem nicht neuem, aber gleichwohl programmatisch nicht hinreichend aufgearbeitetem Faktum die richtigen und wegweisenden Schlüsse zu ziehen, auch daran sollte sich die neue SPD messen lassen. Oder um es mit Henning Scherf zu sagen: „Wir brauchen eine für junge Menschen überzeugende internationale Antwort auf die unübersichtlich gewordenen globalen Themen und Risiken.“ Hierin liegt vielleicht die größte und gemeinsame Aufgabe der gesamten weitgehend brachliegenden europäischen Sozialdemokratie.

Der derzeitige Ruf nach konsequenter und kompromissloser Abkehr von Agenda 2010 und Rente mit 67, so verständlich er vielleicht auch sein mag, wirkt in diesem gesamten Kontext erschreckend eindimensional.

Engagement für eine wirklich pragmatische linke SPD tut daher gerade unter jungen SozialdemokratInnen Not!

 

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Meinungen akzeptieren statt mit dem Finger zeigen

Bild von Jan Kellermann

Sicherlich existiert zur Zeit eine Kontroverse über Notwendigkeit, Menschenbild, Instrumente und Erfolge der Agenda 2010. Dies jedoch empfinde ich zur Zeit als Stärke unserer Partei: Dass wir nun frei miteinander diskutieren können. Und dies sollten wir nutzen. Mit der ganzen Bandbreite, die unsere Partei so hergibt.

Was ich hingegen zur Zeit sehr unangenehm finde: Dass man sofort in eine Schublade gesteckt wird, nur weil man seine Meinung sagt. Dies illustriert Dein Beitrag sehr gut: Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung (das hat Jens Vogel dankenswerter Weise erledigt) zeigst Du mit dem Zeigefinger und öffnest den von Dir scheinbar verurteilten Graben.

Schade. Wir brauchen eigentlich mehr Diskussionen und weniger Gräben.

Situation der Partei

Bild von Anonymous

Was sich der Bürger nunmehr wünscht ist, dass die Partei ihr Dilemma als Chance begreift und es einen Dialog vom entlegensten Ortsverein bis zum WBH gib. Ebenso muss die Partei endlich einmal in den Dialog mit dem Bürger treten. Die neue Personalauswal per ordere de Mufti ist dazu wenig hilfreich. Laßt über die Zusammensetzung oberer Zirkel die Mitglieder entscheiden ebenso den Kanzlerkandidaten. Partei geh endlich raus aus den Hinterzimmern.

Willy Brandt sagte einmal "mehr Demokratie wagen" laßt uns in seiner Partei zu erst damit anfangen.

Nicht nur die Jusos sondern auch die SPD-Basis

Bild von jensvogel

Also wenn man mal genauer hinschaut sind nicht nur die Jusos die die von dir angesprochenen Punkte kritisieren. Sondern es ist auch die Basis wo genau die Agenda2010 kritisiert wird und wir dort einen Kurswechsel vollziehen müssen. Allerdings darf man nicht die Agenda2010 auf die sozialpolitischen Bereiche reduzieren und das wird leider auch von AfA und Teilen der Jusos gemacht.

Fakt ist, es muss eine kritische Hinterfragung der Agenda-Politik geben, dabei müssen die positiven Aspekte herausgestellt und in einen neuen Gesamtkonzept aufgenommen werden, die eine komplette überarbeitete sozialpolitische Konzeption beeinhalten muss.

Die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe war im Grundkern richtig, aber die Umsetzung mit niedrigen Regelsätzen und nicht nachvollziehbaren Sanktionsmaßnahmen haben die sozialpolitischen Konzeption zu einer sozialpolitischen Katastrophe gemacht.

Die Rente mit 67 ist auch fragwürdig und löst nicht wirklich das Problem und bedarf einer Rentenreform, die ihren Namen verdient. Denn die bisherigen "Reformen" waren keine Reformen, sondern Sozialabbau hoch zehn.

Ich weiß, dass es im WBH ein Papier zu einer umfassenden Rentenreform gibt, welches von den Jusos und einen Ortsverein aus Minden-Lübbecke erarbeitet wurde und nach dem könnte man das Renteneintrittsalter sogar auf 60 absenken und die Renten erhöhen.

Dieses Konzept könnte einfließen mit den positiven Maßnahmen der Agenda2010 und dem Deutschlandplan in einer neuen Gesamtkonzeption.

Man muss sich aber erstmal einer kritischen Diskussion zur Agenda2010 stellen und dies hat man in den letzten Jahren nicht gemacht und jetzt haben wir die Chance dazu.

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