Filmarbeiten - das Berlinale-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Eins, Zwei, Drei - Tanzen! - Moskauer Drag-Queens eröffneten das Panorama-Programm der Berlinale

von Marc Schulte - 12.02.2010
Die Sektion Panorama begann mit einem Film, der uns zurück nach Moskau brachte, das wir im Mai zum Eurovision Song Contest besuchten – Весельчаки (Veselchaki) oder auf Deutsch übersetzt "Lustige Typen".
Angekündigt war ein Film über Travestiekünstler in Moskau und deren Lebensgeschichten. Und kaum ertönten die ersten Klänge, horchten wir auf: Das klang doch wie Verka Serdutchka – und in der Tat der Komponist des Filmes Andrey Danilk ist niemand anderes als der Sänger, der sich 2007 mit dem großartigen Dancing Lasha Tumbai  („Eins, zwei, drei – Dansen“) in die ESC-Geschichte katapultierte.
 

Alexey Klimushkin und Danila Kozlovsky / Foto: Berliner Filmfestspiele

Als wir Moskau erlebten, stellten wir fest, dass es eine sehr florierende schwule Szene gibt, die aber nicht öffentlich werden durfte.

Весельчаки (Vesechaki) ist eine Komödie mit den typischen melancholischen russischen Elementen und viel, viel Wodka. Der Konflikt zwischen der Scheinwelt auf der Bühne als Fluchtpunkt und der vermeintlichen realen Welt fällt aber leider so klischeehaft aus, dass die Freude über die großartigen und mitreißenden Auftritte von Rosa, Lusya, Gelya, Lara und Fira schnell ein wenig verblasst. Warten in der Realität wirklich nur sturzbetrunkene Mütter in der Provinz, übergriffige Jugendlieben, jugendliche und Erwachsenen-Schlägerbanden, psychopathische Mörder, HIV-Infektionen, verklemmte Sowjetfunktionäre (natürlich nur im Rückblick) und eine Tochter, die den Vater nicht wirklich akzeptieren kann? Allzu sehr stehen die Drag Queens nicht als eigener Lebensstil, sondern als ausschließliche Möglichkeit, Homosexualität auszuleben.
Zu ernst erzählt Regisseur Felix Mikhailov die Geschichten, als dass man dies als ironisch überspitzte Stilmittel verstehen könnte.

Immerhin hat das Sujet 31 Jahre nach La Cage aux Folles und 15 Jahre nach Priscilla – Queen of the Dessert mit Veselchaki nun auch das russische Mainstream-Kino erreicht! (Moskaus Bürgermeister Lushkov, selbsternannter Kämpfer gegen die "Unmoral" hat den Film denn auch erwartungsgemäß mit einem Ausdruck kommentiert, der im Englischen mit  "Bullshit" wiedergegeben wird!)
Aber vielleicht geht es nicht anders, um im heutigen Russland die Botschaft auszusenden: Trotz aller Nischen bleibt Anders-Sein in Moskau eine tägliche Gefährdung für Leib und Leben.

Eins ist aber sicher: Man geht mit einem Ohrwurm aus dem Kino:Casta Diva:

 

A

 

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