Zur den Ideen von Thilo Sarrazin Ein weites Feld

von Daniel Schneider - 01.09.2010
Einige Gedanken angesichts der heftigen Erregung um Thilo Sarrazin.

1.Es hat mir wehgetan, bei der Buchvorstellung  Thilo Sarrazin Necla Kelek an seiner Seite zu entdecken. Ich habe diese tapfere Frau bei einer Diskussion mit dem Berliner Bischof Wolfgang Huber kennengelernt. Ihre Bücher schildern anschaulich die Probleme im Immigrantenmilieu und ich habe durch die Lektüre viel gelernt.

 

Eine Anekdote in ihrem ersten Buch hat mich  sehr berührt. Sie erzählt, dass ihr die gewerkschaftliche Bildungsarbeit   viel geholfen hat. Oft ging man nach den Schulungen ein Bier trinken. Keiner fragte nach, warum sie nicht mitging. Sie hätte antworten müssen: "weil ich kein Geld habe!".So unsensibel war man selbst im linken Milieu, wo oft und gerne die internationale Solidarität beschworen wird.

 

Denkfaulheit und Arroganz erlebt Necla Kelek bis heute. Die Vertreter orthodoxer islamischer Gruppen finden sie und ihre Ansichten unsympathisch. Aber auch die Gut-Menschen sind nicht gut auf sie zu sprechen. Einmal bedrängte sie und andere türkische Frauenrechtlerinnen eine bekannte, grüne Integrationsbeauftragte. Lautstark machten sie auf die in der Türkei geduldete Zwangsheirat  aufmerksam. Die Angesprochene reagierte heftig: "Bringen  Sie mir Beweise! Bringen Sie mir Beweise!

 

Offensichtlich hatte sie sich bisher nicht mit der Situation türkischer Mädchen auseinandergesetzt. Vielleicht sah sie ihre Aufgabe darin, in der Öffentlichkeit die Lebenswelt der Immigranten schön zu reden. Viele Multi-Kulti-Freunde   teilen diesen Wunsch.  Das Immigrantenmilieu wird romantisiert, die entstandene Parallelgesellschaft ignoriert.  

 

Trotzdem ist es bitter, das sich Necla Kelek ausgerechnet von den Zusammenschluss mit dem eifernden Thilo Sarrazin mehr Unterstützung  für ihre Anliegen erhofft.

 

2. Ich kam 1968 nach Westberlin. Damals gab es an den Straßen noch keine  Obst- oder Gemüsestände.   Sie waren aus hygienischen Gründen verboten. Auf den Märkten war es nicht erlaubt, etwas anzufassen. Türkische Frauen waren aus ihrer Heimat anderes gewohnt. Ganz selbstverständlich überzeugten sie sich durch Abtasten von der Qualität einer Tomate oder Zucchini. Jahrelang kämpften die Behörden mit Abmahnungen, Geldstrafen und  Polizeieinsätzen gegen die  drohende Anarchie. Die Zugewanderten haben sich als zäher erwiesen. Dank ihrer Lebensart ist Berlin farbiger und sinnenfroher geworden.

 

3. Vorurteile sind nicht wahr oder falsch. Fast jedes enthält einen  richtigen Kern, der aber von seinem Vertreter oft (maßlos) dramatisiert wird. Natürlich gibt es Missbrauch im Hartz-IV-Milieu  wie es Reiche gibt, die ihr Vermögen an der Steuer vorbei ins Ausland schaffen. Natürlich wird im vietnamesischen Milieu mehr auf Bildung geachtet als im türkischen Zuwandererfamilien. Dieser Hinweis unterschlägt, dass nicht wenige türkische Männer der ersten Generation noch Analphabeten waren. Sie waren mit ihrer Arbeitskraft trotzdem hochwillkommen.

 

Als bildungsfern wurden vor vierzig Jahren auch deutsche Arbeiter oder auf dem Land lebende Katholiken eingestuft. Damals wurden Bildung und Ausbildung kritisch überprüft, zahlreiche neue Bildungseinrichtungen geschaffen. Vielen aus diesen benachteiligten Milieus ist der Aufstieg geglückt.

 

Aktuelle Untersuchungen verweisen auf neue Probleme.  Nicht nur unqualifizierte Türken, sondern immer mehr gut Qualifizierte  müssen um einen sicheren und ordentlich bezahlten Arbeitsplatz kämpfen. Auch mit Bildung kann man inzwischen auf der Strecke bleiben.

 

4. Banker müssen vielleicht  eine magische, ja erotische Beziehung zu Zahlen haben. Deshalb ist es sicher kein Zufall, dass Thilo Sarrazin seine düsteren Visionen mit Statistiken zu belegen hofft. Er beruft sich auf die demographische Entwicklung.  Die Demographie hat sich Ende des 18. Jahrhundert als Folge eines neuen Krisenbewusstseins  entwickelt. In diesem Jahrhundert ging dank besserer hygienischer Verhältnisse  und des medizinischen Fortschritts die Kindersterblichkeit deutlich zurück.

 

Statt sich über diesen Fortschritt zu freuen, entwickelten die wohlhabenden Schichten, in denen weniger Kinder geboren wurden,  Überwältigungsängste. Sie fühlten sich in ihrem Reichtum durch die armen und kinderreichen Familien, die noch immer die Mehrheit bildeten,  bedroht. Die Demographie schien mit ihrem Zahlenmaterial ihre Befürchtung als richtig zu belegen. Ihre Vertreter warnten vor einem "Volk ohne Raum". 

 

Was  die Statistik belegt, ist,  dass mit steigendem Wohlstand die Gebärfreudigkeit der Frauen abnimmt. Also wäre es vernünftiger gewesen, möglichst viele an der Wohlstandsentwicklung teilhaben zu lassen, als immer neue Ängste zu entwickeln. Dazu aber waren die Reichen nicht bereit.

 

Thilo Sarrazin malt nun ein Deutschland, in dem die Deutschen immer älter werden und schließlich aussterben. In dieses Vakuum drängen Türken und Araber  , die zwar dumm, aber potent sind. Der pessimistische Prophet scheint keine all zu guten Erfahrungen mit seiner Potenz gemacht zu haben.

 

Unabhängig davon, ob die Bevölkerungszahlen ab- oder zunehmen: die Zunft der Demographen wittert immer eine neue Katastrophe. So wurden wir in den sechziger Jahren gewarnt:    wenn in dem alten Europa die Lust, Kinder zu bekommen, noch weiter abnimmt, wird dieser schöne Kontinent irgendwann einmal von den chinesischen Massen überrollt werden.

 

5. Gott sei Dank steht es um unser armes Deutschland nicht so schlecht, wie es unsere Agitatoren ausmalen. Natürlich muss über die Verwahrlosung der Arbeitsverhältnisse und über die Umverteilung der Vermögen von unten nach oben nachgedacht werden. Rot-Grün hat durch manche Reform diese Entwicklung beschleunigt. Nach dem mit der Atomindustrie ausgehandelten Ausstieg wagte dieses Bündnis nicht mehr, die Machtkonzentration im Energiebereich auch nur zu problematisieren. Jetzt, in der Opposition,  wird das Mann-Weib Angela Merkel aufgefordert, die Energieriesen  in die Knie zu zwingen. RWE hat allen Grund, weiter zu schmunzeln.

 

Auch im Immigrationsbereich ist vieles in Bewegung gekommen. Ich denke nur an Neukölln mit seinem rührigen Bürgermeister und jener engagierten Richterin, die sich leider das Leben genommen hat. Auch Thilo Sarrazin hat sicher seine Verdienste. Er hat Mut bewiesen, als er das undankbare Amt des Finanzministers im tief verschuldeten Berlin annahm. Im Gegensatz zu Oskar Lafontaine hat er sich nicht nach ein paar Wochen wieder aus dem Staub gemacht. Gemessen an seinem Einsatz war die Anerkennung sicher mäßig. all seinem Wüten ist immer auch ein  tief verletzter Mensch zu hören.

 

 

 

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