Mit diesen Worten hat der Ministerpräsident Italiens die Nachrichten zur jüngsten Naturkatastrophe auf Sizilien kommentiert. Um dann die Italiener dort zu packen, wo es ihnen „seit Verres“ (Umberto Eco) ans Existenzielle geht...
"Wir hatten das Unglück vorausgesehen." Mit diesen Worten hat der Ministerpräsident Italiens die Nachrichten zur jüngsten Naturkatastrophe auf Sizilien kommentiert. Um dann die Italiener dort zu packen, wo es ihnen „seit Verres“ (Umberto Eco) ans Existenzielle geht: „Ich habe viel ‚abusivismo‘ gesehen (wörtl.: Missbrauch + Ismus; gemeint sind die illegalen Hausbauten, für die keine Genehmigung eingeholt wurde), aber ich werde Euch nicht alleine lassen. So wie ich in den Abruzzen zurückgekehrt bin, werde ich auch zu Euch zurückkehren.“ Fast messianisch klingen diese Trostworte, die über die Lippen des Mediendiktators gehen, der soeben mit dem Hubschrauber über das Katastrophengebiet geflogen ist. Traurig scheint der Cavaliere [sic!] allerdings nicht zu sein. Warum denn auch?! Das gleiche, was für das Erdbebengebiet L’Aquila gilt, gilt doch ebenso hier – zumindest in der Krisenhermeneutik des peinlichen Ministerpräsidenten. Denn: Silvio Berlusconis Verbindungen zu den großen Bauunternehmen, insbesondere solchen, die man woanders zum kriminalistischen Sektor einer Volkswirtschaft zählen würde, sind allseits bekannt. Nur fehlen eben die Beweise, um einen Nationsretter dieses Kalibers strafrechtlich zu belangen. Wie denn auch, hat er doch – in für italienische Verhältnisse ungewöhnlich pünktlicher Weise – Immunität für die höchsten Staatsämter gefordert… und durchgesetzt. Hätte er doch gleich gesagt: Eine Hand wäscht die andere und beide waschen das Gesicht! Das hören die Sizilianer schon seit langer Zeit – inzwischen sagen es viele auch selbst, denn eines der wenigen Systeme, die auf dieser Insel funktionieren, ist die organisierte Kriminalität. Auf die kann man sich zumindest in Zeiten der Not verlassen, wenn die res publica die Insulaner sowieso nicht ernst nimmt und Rom so weit entfernt ist… Und wenn dann die Systemerhaltung Opfer fordert, gilt omertà: Schweigen.
„Wir hatten das Unglück vorausgesehen“, so die be(un)ruhigende Antwort des sich väterlich gebarenden Machos, den niemand so richtig zum Vater und erst Recht nicht als Identifikationsfigur Italiens haben will – außer natürlich die Escortdamen, die ihn zärtlich „Papi“ nennen und denen er zum Dank Repräsentationsämter in Brüssel verspricht. Ähnliches gilt wohl für die vielen Mediaset saturierten Menschen, an denen ein Großteil der Peinlichkeiten leider vorbeigeht, weil sie ihre Informationen ja nur aus den TV-Privatsendern entnehmen, die zufälligerweise keinem geringeren als dem Ministerpräsidenten selbst gehören. Ob das ein Grund für das schweigende Hinnehmen gegenüber Berlusconis selbstinszenierten Popularität ist? Ob dies erklärt, warum ihm nur wenige widersprechen, wenn er auf internationalen Pressekonferenzen behauptet: „Alle Italiener möchten so wie ich sein?“. Ob das ein Grund dafür ist, dass man sich auch über die Pressefreiheit in Italien sorgen, und auf die ausländischen Nobelpreisträger berufen muss, um einer Petition für Pressefreiheit und Regierungstransparenz ihre demokratische Relevanz nicht absprechen zu lassen? Beobachtbar ist jedenfalls, dass es kaum Widerstand gibt, und dass Rhetorik á la „cum tacent clamant“ (Cicero) die Verlegenheit nur weiter erhöht.
„Wir hatten das Unglück vorausgesehen“, so die lächerlichen Worte eines Staatsmanns auf die 22 Toten und 40 Vermissten, der seit Jahren nirgendwo anders als über der Straße von Messina die „größte Brücke der Welt“ bauen will. Freilich kann er sich hier genauso auf die tatkräftige Unterstützung seiner befreundeten Bauunternehmen verlassen. Denn die Aufträge für solche Staatsinterventionen, sei es im Bereich der nationalen Infrastruktur, sei es im Hinblick auf die naturkrisenzerstörten Heime, verteilt ja der Staat - die Repubblica Italiana - in persona und ad personam. Und eben diese wird immer mehr zur res privata eines selbstsüchtigen eineinhalbmeter großen Aviatars, der aus seinem Geld-Macht-Sex-Spiel ausgebrochen ist.
Vor diesem Hintergrund ist das Unglück für die italienische Demokratie voraus- und einsehbar. "Ich habe viel Missbrauch gesehen" und dieses Geständnis schreit zum Himmel.
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