Filmarbeiten - das Berlinale-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Die Teddy-Awards, der queere Filmpreis der Berlinale

von Martin Schmidtner - 20.02.2010
Unter Anwesenheit von Klaus Wowereit wurden gestern vor mehr als 2000 Gästen die Teddy-Awards verliehen, die queeren Filmpreise der Berlinale.

Zum 24. Mal wurden gestern Abend die Teddys vergeben – das sind die queeren Filmpreise der Berlinale. Aus allen Sektionen der Filmfestspiele standen 60 Filme zur Auswahl, die in einem Kontext zu LGBT-Themen stehen, also schwule, lesbische, bisexuelle oder transsexuelle/transindentische Fragestellungen zum Inhalt haben. Das waren so viel wie noch bei keiner Berlinale zuvor.
Der Teddy ist der weltweit wichtigste Preis seiner Art und hat schon vielen Filmen zu Aufmerksamkeit und Vertrieb und Verleih verholfen.


Entworfen wurde der Teddy von Komikzeichner Ralf König,
hier: The Daddy of the Teddy Wiedland Speck mit Gästen | Foto: Martin Schmidtner
 

Bester Spielfilm

Die gestrige Preisverleihung war für uns eine riesige Überraschung. In den letzten Jahren hatten es Filme, die im offiziellen Wettbewerb der Berlinale liefen, eher schwer, einen Teddy zu ergattern. Die Jury tendiert dazu, die 3000 € Preisgeld und – was viel wichtiger ist – die damit verbundene Aufmerksamkeit und Anerkennung eher unabhängigen, kleinen Filmproduktionen oder Produktionen aus Ländern, in denen es queere FilmemacherInnen schwerer haben als in den großen Industrienationen, zukommen zu lassen.
Dass dies in diesem Jahr anders sein würde, zeigten schon die Nominierungen für den Preis, denn auch Howl (auch ein Wettbewerbsbeitrag) und Mine Vaganti von Ferzan Ozpetek waren nominiert.
Es war dann schon eine kleine Sensation, dass mit dem Teddy für den besten Spielfilm The Kids Are All Right von Lisa Cholodenko geehrt wurde.
Die Jurybegründung: „Der Teddy für den Besten Spielfilm geht an Lisa Cholodenkos The Kids Are All Right für die humorvolle und gekonnte Darstellung eines zeitgenössischen lesbischen Elternpaares. Der Film zeigt einfühlsam die Komplexität von Sexualität und Familienleben.“


Annette Benning, Julianne Moore | Photo: Suzanne Tenner | © 2009 Overture Films

Gespielt wird dieses lesbische Elternpaar von einer fantastischen Annette Bening und einer ebenso großartigen Julianne Moore. Es ist eine Komödie voll Wortwitz und sehr viel Herz um ein lesbisches Elternpaar, dessen Kinder ihren Bio-Daddy, den leiblichen Erzeuger und Samenspender also, kennenlernen möchten. Auch wenn es sich um eine französische-amerikanische Produktion handelt, noch dazu mit so hochrangiger Besetzung, hatte die Regisseurin lange gebraucht, Mittel und Unterstützung für ihren Film zu bekommen. Doch es hat sich gelohnt. Eine Komödie zu drehen ist oft viel schwieriger als einen tragischen oder problematischen Stoff zu verarbeiten. Lisa Cholodenko hat dies großartig gemacht – unser Glückwunsch an sie und an die Teddy-Jury für diese ungewöhnliche Entscheidung! Unsere Besprechung des Films lässt sich hier nachlesen!

Er ist morgen, So, 21.2. noch einmal um 22:00 h in der Urania zu sehen – und dann hoffentlich bald im Kino!
 

Teddy-Jury-Award

Wenn die Jury sich nicht so ganz einig ist oder noch einen Film in der Hinterhand hat, den sie gerne auszeichnen möchte, hat sie die Möglichkeit, einen Spezialpreis zu vergeben. Dieses Jahr hat sie von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht – der Teddy Jury Award ging an die US-amerikanische Produktion Open von Jake Yuzna, einem queeren Road-Movie über einen Hermaphrodit sowie über Pandrogynie und Gender-Crossing. Begründung der Jury: „um einem mutigen Debütfilm Anerkennung zu zollen, der ein weites Spektrum von Transgender-Liebe und Transgender-Beziehungen darstellt.“

Noch einmal zu sehen: So, 21.2. um 21:00 h im Cinemaxx 7.
 

Bester Dokumentarfilm

Als bester Dokumentarfilm gewann den Teddy ein Film aus dem Forum: La bocca del lupo von Pietro Marcello „für die poetische Darstellung eines geografischen und persönlichen Universums und für das Aufbrechen konventioneller Macharten des Dokumentarfilms. Der Film ist eine wunderbare Meditation über die Liebe und eine Reise durch die Zeit“, so die Begründung der Jury. Der italienische Film über einen Kriminellen mit transsexueller Partnerin ist ein filmisches Gedicht über die Stadt Genua. Er gewann bereits beim Filmfestival Turin 2009 den Kritikerpreis.

Regisseur Pietro Marcello | © Berliner Filmfestspiele
 

Kurzfilm-Teddy

Der Preis für den besten Kurzfilm ging an The Feast Of Stephen von James Franco, der übrigens auch den Allen Ginsberg im Wettbewerbsbeitrag Howl spielte. Von der Jury gelobt: „Die unerschrockene filmische Adaption eines Gedichts, das dunkle Seiten der Leidenschaft und sexuellen Fantasie eines Jugendlichen auslotet.“


The Feast Of Stephen | © Berliner Filmfestspiele

Zu sehen morgen um 21:00 h im Cinemaxx7 im Rahmen der Teddy-Kurzfilm-Rolle!

 

Goldelse

Während die offizielle Teddy-Jury aus Filmschaffenden und Festival-OrganisatorInnen aus dem queeren Spektrum zusammen gesetzt ist, gibt es beim Teddy auch immer noch eine Art Publikums-Jury – das ist die Leser-Jury des queeren Berliner Monatsmagazins Siegessäule.
Der Siegessäulen-Award, genannt Goldelse und mit 1000 € dotiert, ging gestern an einen deutschen Dokumentarfilm: Postcard to Daddy von Michael Stock.


Michael Stock | © Berliner Filmfestspiele

Der autobiographische Film dokumentiert Stocks Versuch, den jahrelangen sexuellen Missbrauch durch seinen Vater in der Kindheit zu verarbeiten. Er taucht dabei in die Vergangenheit seiner linkliberalen Familie ein, in der so etwas wie sexueller Missbrauch unmöglich schien und konfrontiert die Familienmitglieder und schließlich auch den Vater mit der Vergangenheit. Die Jury der Siegessäule zeigte sich tief erschüttert über den Film: „Mit schonungsloser Offenheit, die aber nie zum Exhibitonismus wird, gewährt der Filmemacher einen intimen Einblick in sein Leiden während und nach des Missbrauchs. Seine kinematographische Selbstfindung bindet nicht nur ihn als Opfer ein, sondern seine gesamte Familie und sogar den Täter und zeigt damit umso deutlicher, dass dies ein universelles Thema ist. Dabei nimmt Stock kein Blatt vor den Mund. Keine Metaphern werden benutzt, das vermeintlich Unbeschreibliche wird ausgesprochen. Die Jury hat das Gefühl, dass Postcard to Daddy ein trauriger aber stets hoffnungsvoller Film ist, der endlich mit dem Schweigen und der Tabuisierung bricht und einen Weg heraus aus der Opferrolle und hinein in eine neues Leben aufzeigt.“

Zu sehen am Montag, 22.2. um 19:30 h im Kino International.

 

Spezial-Teddy für ein Lebenswerk

Neben diesen aktuellen Auszeichnungen gab es gestern auch einen Spezial-Teddy für ein Lebenswerk. Geehrt wurde der Opernfreund und Filmemacher Werner Schroeter, der 1980 mit Palermo oder Wolfsburg den Goldenen Bären gewann.
Aus der Begründung: „Werner Schroeter, dem radikalen Experimentierer und großen Außenseiter des Neuen Deutschen Films, wird der Special Teddy verliehen, weil er neben Fassbinder, Herzog oder Wenders zu einem der wichtigsten Exponenten des aufstrebenden jungen deutschen Kinos gehört und einer der ganz Großen ist, den die schwule Kultur in ihrer jungen Emanzipationsbewegung in der Nachkriegs-Bundesrepublik hervorgebracht hat.“
Die wunderbare und sehr persönliche Laudatio hielt der Schriftsteller Wolf Wondratschek, der Schroeter als einen der wenigen Menschen würdigte, "bei dem das Talent größer als der Ehrgeiz ist" und Ingrid Caven rezitierte ein Gedicht ihres Partners Jean-Jacques Schuhl. Schroeter selbst nahm den Preis sichtlich bewegt und ergriffen an.

 

Die Gala

Die Teddy-Gala fand in diesem Jahr in einer neuen Location statt – dem ehemaligen Lokschuppen der Station Berlin am Gleisdreieck in Fußnähe zum Berlinale-Zentrum am Potsdamer Platz. Ein sehr schöner Rahmen für die Gala, die in den letzen Jahren mehrmals umzog. Trotz des großen Renommees und der gewaltigen Medienaufmerksamkeit will sich nämlich nach wie vor kein „großer“ Sponsor für das Event selbst finden – ein Armutszeugnis in einer Stadt, in der eine queere Party keine Besonderheit mehr darstellen sollte!


Toll geschmückte Location für den Teddy | Foto: Martin Schmidtner

Doch mit der Station hat man mal wieder einen sehr schönen Raum gefunden. Zwar war die Halle etwas lang – gefühlte 300 Meter von der letzten Saalreihe bis zur Bühne, doch eine gute Videotechnik tröstete darüber hinweg. Lediglich gegen Ende der Gala störten die Nebengeräusche der anrückenden Party-Gäste aus dem Lounge-Bereich der Halle gewaltig; Werner Schroeters Dankrede war kaum mehr zu verstehen. Doch das sind Nebensächlichkeiten.

 
Vorhang auf für den Teddy | Fotos: Martin Schmidtner

Klaus Wowereit war gekommen und betonte in seinem Grußwort die weitere Notwendigkeit eines queeren Filmpreises (er selbst sprach politisch nicht ganz korrekt von einem „schwul/lesbischer Filmpreis“). Dieter Kosslick als Berlinale-Direktor konnte in diesem Jahr nicht dabei sein, schickte jedoch eine Grußbotschaft – aber vor allem die bunte Mischung aus Berliner Party-Publikum, der üblichen Prominenz von Claudia Roth bis Georg Uecker und den vielen Filmschaffenden aus aller Welt verleiht der Party immer ihren besonderen Reiz. Zudem handelt es sich im Gegensatz zu den meisten Berlinale-Partys um eine sehr demokratische Veranstaltung; die VIPs werden nicht groß abgesondert und jede und jeder kann eine Karte erwerben und dabei sein.
Warum Wolfgang Joop („und wenn sich Herr Joop hinsetzt, kann ich auch weitermachen“ – so oder so ähnlich Moderatorin Annette Gerlach von arte) und Hella von Sinnen den ganzen Abend im Stehen verbringen wollten und damit den Rekord an „Hallo - ich bin im Fernsehen“-Auftritten hinlegten, haben wir sie gar nicht weiter gefragt.

Alle waren gekommen: alt und jung und Bären | Foto: Marc Schulte (oben), Martin Schmidtner (unten)

 

Amnesty-Report: Uganda

Der Teddy will nicht nur im eigenen Saft schmoren, sondern immer auch über den Tellerrand hinaussehen, weshalb es immer auch ein Schwerpunkt-Thema Homophobie gibt. Diesmal ging es um Afrika, im Besonderen um Uganda, wo ein neues Gesetz zur Kriminalisierung von Homosexualität bis hin zur Todesstrafe geplant ist. Widerstand gegen dieses Gesetz ist weltweit nötig!
 

Bären feiern

Für die musikalische Umrahmung der Gala sorgten Ton Steine Scherben, die sich mal wieder auf der Bühne zusammenfanden, um ihren ehemaligen Frontmann Rio Reiser zu ehren, dem der Gala-Abend unter dem Motto „Mein Name ist Mensch“ gewidmet war. Adel Tawil von Ich+Ich sang gemeinsam mit ihnen. Akrobatik und Gelenkigkeit waren der Augenschmaus des Programms.


Musikerin Ellyott aus Israel | Foto: Martin Schmidtner

Joey Arias im Mitternachts-Programm | Foto: Martin Schmidtner
 
In einer Mitternachtsshow sorgten dann noch zwei DarstellerInnen aus zwei Filmen des Teddy-Programms für Stimmung: Die Sängerin Ellyot, die wir bereits im Dokumantarfilm Hazman Havarod kennenlernen durften sowie New-York-Ikone Joey Arias!

Natürlich gab es hinterher Party satt. Bleibt nur zu Wünschen, dass zum 25. Geburtstag des Teddys im nächsten Jahr die Sponsoren endlich Schlange stehen!

 

Eine Aufzeichnung der Veranstaltung zeigt arte heute Abend um 23:10 h sowie der RBB morgen, 21.2. um 23.30h


Berlinale-Blogger Schulte mit Teddy | Foto: Martin Schmidtner

 

 

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>>Adel Tawil von Ich+Ich

Bild von Baabu

>>Adel Tawil von Ich+Ich sang gemeinsam mit<<... >>Ton Steine Scherben, die sich mal wieder auf der Bühne zusammenfanden<<

Das stimmt so nach meiner Erinnerung nicht. Vielmehr sang angeblich ein angeblich 14-jähriger "Nico Robera". Trat der schon einmal irgendwo in Erscheinung? Ich kann nichts finden.

Adel Tawil

Bild von Martin Schmidtner

Beides stimmt - den Eröffnungssong sang der 14jährige, zu dem wir leider auch nichts beisteuern können und den wir deshalb "unterschlagen" haben.

Adel Tawil sang später gegen Ende der Gala mit den Scherben "Halt Dich an Deiner Liebe fest." - darauf bezog sich der Satz in unserem Bericht.

Martin Schmidtner

Der 14jährige heisst NICO

Bild von Thorsten

Der 14jährige heisst NICO ROVEIRA und wurde der Presse von den Organisatoren schon vor der Veranstaltung vorgestellt: http://teddyaward.tv/2010/index2.asp?KategorieID=1074&InhaltID=1958

Teddy-Gala2010

Bild von Christian-Berlin

Das ist ja ein sehr wohlwollender Bericht.
Die hinteren Plätze waren soweit entfernt, daß man die Bühne nur erahnen konnte. Aufgrund der akustischen Probleme konnte man vieles nicht hören. Verfolgen konnte man die Veranstaltung auf Leinwänden, in die man aber nur sehen konnte, wenn man gleichzeitig in die Saalscheinwerfer schaute.
Das nicht grad wenige Eintrittsgeld hätte man sich sparen können!

Hinzu kam eine permanent zum Lachen oder Weinen reizende Moderation von Annette Gerlach - inzwischen soll es auf Facebook eine Gruppe zum Annette Gerlach freien Teddy 2011 geben.

Die Eintrittspreise für die Gala kann man sich getrost schenken! Der Scheiß wird ja sowieso im Fernsehen wiederholt.

Annette Gerlach war wie

Bild von Thorsten

Annette Gerlach war wie immer hinreissend. Und ein Annette Gerlach freier Teddy 2011 wäre ein grosser Verlust.

Die facebook Gruppe wurde von einem verirrten TIMM Redakteur gegründet, der Annette mit Begriffen wie "sendeinterne frauenliebhaberin", "eva braun meets posh spice", "erotisch wie stahlbeton" oder "missy ist fällig" belegt.

Will jemand einer solchen Gruppe angehören? Wohl kaum.

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