Eine Glosse Die Bahn und der ÖPNV

von Karl-Heinz Föste - 21.07.2010
Die Bahn hat nicht nur Probleme mit verwahrlosten Gleisanlagen, ICE-Achsen und jetzt sogar mit den jahreszeitlichen Temperaturschwankungen ('alle reden vom Wetter, wir am allermeisten'). Nachdem die Götter vor den Börsengang den Sparzwang gesetzt haben, leidet die Bahn an vielfältiger Auszehrung. Pendler kriegen dies tagtäglich schmerzhaft zu spüren.

ÖPNV heißt öffentlicher Personennahverkehr (wenn er denn stattfindet...doch dazu später).

Um an dieser grundsätzlich ja segensreichen und ökologisch sinnvollen Einrichtung teilnehmen zu können, muss man sich erst einmal dazu entschließen, das bequeme Auto stehen zu lassen und zu einer Bushaltestelle gehen. Die meiste Zeit des Jahres schlägt man sich dabei durch feucht-kalte, an Edgar-Wallace-Krimis erinnernde Dunkelheit.

An der zugigen Haltestelle angekommen, verkürzen einem Jugendliche die Wartezeit, indem sie liebevoll und ohne dessen überdrüssig zu werden die wenigen überdachten Quadratdezimeter vor der einzigen Holzbank – zumeist geräuschvoll – mit Sekretportiönchen versehen, ein Phänomen, das man – wie ich inzwischen weiß – so zuverlässig wie Teppiche von Zigarettenkippen an jeder Haltestelle findet.

Wenn man die emissionsfreie Zone im Bus erreicht, wird man meist regungslos, gelegentlich muffelig-maulig, von Busfahrern begrüßt, die es - wie abgesprochen – allesamt schaffen, in genau der Sekunde forsch anzufahren, in der man gerade Platz nehmen will. Ob es dafür Bakschisch von Orthopäden gibt, weiß ich nicht, aber es fiel mir auf, dass dieser Anfahrreflex auch vor einem Altenheim praktiziert wird.

Dann geht der Kampf um die Balance los, denn der behäbig scheinende Bus entwickelt sich zum achterbahnfahrenden Boliden, schließlich musste unser Fahrer seine Pause wohl mitten im spannendsten Bildzeitungsartikel unterbrechen. Zeit ist manchmal eben nicht nur Geld... Nach einigen solcher Busfahrten habe ich begriffen, dass die vielen Griffe und Haltestangen in Bussen nicht nur für stehende Fahrgäste gedacht sind.

Trotz dieser Eile sind die Fahrpläne so exakt aufeinander abgestimmt, dass man – wenn man die Bahnhoftreppen mit fliegenden Fahnen hinab und wieder zum Bahnsteig hinauf rennt - der gerade abfahrenden Regionalbahn nachwinken kann.

Nach diesen ersten morgendlichen Erniedrigungen beginnt ein Verwirrspiel, das einen nach versteckten Kameras Ausschau halten lässt: Ein kaum verständliche Lautsprecherstimme gibt das Gleis des nächsten Zuges an (wenn er nicht - relativ häufig - einfach ausfällt, denn ausgefallene Züge gelten nicht, in sich konsequent, als verspätet). Im sogleich angesteuerten Tunnel findet sich eine Leuchtschrifttafel, die dem sportiven Pendler aber ein anderes Gleis als das angesagte zuweist. Unsicher, welche Angabe denn nun stimmt, lugt man verschiedene Treppen hinauf, um die Leuchttafeln oben auf den Gleisen zu lesen. Hat man das vermeintlich richtige Gleis auf diese Weise endlich gefunden und die Treppe erklommen, wird man durch die moderne Leuchtschrift gleich mit dem Hinweis auf eine fünfminütige Verspätung belohnt. Es werden 10 Minuten. Fast rechtzeitig nach 9 Minuten kommt die Durchsage, dass soeben der Zug nach Hamburg auf dem Bahnsteig nebenan einläuft, den dann ca. 200 Menschen rechtzeitig zu erreichen versuchen, was nicht eben mit der Eleganz modernen Tanztheaters abläuft, stattdessen mit etlichen derben Flüchen und gelegentlichen Knüffen begleitet wird.

Wenn man dann die nötige Spurtstärke bewiesen hat, oder schlicht vom hektischen Menschenstrom mitgerissen wurde, dann – ja dann – kann man das Leben 'in vollen Zügen' genießen. Es beginnt nämlich sofort der subtile Kampf um die letzten Sitzplätze. An dem scheitern viele bereits aufgrund der eigenen Hemmschwelle, Rucksackbesitzer darum zu bitten, entweder für den Rucksack einen zweiten Fahrschein nachzulösen, oder ihn doch bitte auf den eigenen Platz zu nehmen, was dann auch immer – mit bösen Blicken bedacht – geschieht.

Nach all diesen Hinder- und Widernissen ist am Ende etwas Muße, die Zeitung aufzublättern und zu lesen. Theoretisch, denn man wird alsbald durch ein markiges 'die Fahrausweise bitte!' zum Zusammenfalten des Blattes genötigt. Der zweite Leseanlauf wird durch geschäftsmäßig-freundliche Lautsprecherdurchsagen unterbrochen. Menschen, die sonst nie darauf gekommen wären, wird gesagt, auf welcher Seite sie aussteigen müssen. Möglicherweise soll diese Art der Beglückung den sehr altertümlich-schmutzig-maroden Charme des Interieurs der Züge durch internationales Flair kaschieren, denn wir sind ja schließlich keine Servicewüste mehr. Dabei wird verkannt, dass 99,9% der Fahrgäste der Regionalzüge Pendler sind, die nur lesen oder dösen wollen und ihren Ausstieg noch im Halbschlaf finden. Der Rest hat eh' Knöpfe im Ohr und bekommt nichts mit.

Solcherart mit Service versorgt erreicht man - wenn man nicht wegen Gleisschäden, Signalstörungen, Brückenanfahrschäden oder was der fantasievollen Dinge mehr sind - den Hauptbahnhof und überlegt kurz, ob man nicht die eben durchgesagte Verbindung nach Binz nehmen sollte, um der im Büro lauernden Aktenlawine zu entgehen, seufzt wehmütig, steigt auf der immerhin richtig vorausgesagten Seite des Zuges aus und setzt sich dem Viehtrieb durch den Hauptbahnhof aus. Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, dass man auf öffentlichen Treppen und in Eile kam eine Chance hat, an den meist ausladenden Mitmenschen vorbei zu kommen. Aber gut, 'erratische Bewegungen von Individuen in der Masse' wären ein Thema für sich.

Nach etlichen body-checks und Drängeleien erreicht man genervt die S-Bahn und schiebt sich zwischen Tätowierte, Metallgespickte und ach so mannhafte Bierdosenträger. Ein Raucher pumpt sich noch den Rest der Kippe rein und schnippt diese durch die sich schließende Tür. Dann bläst er zur Begeisterung der Umstehenden die blau-grauen Abgase in die Menge.

Eine Kakophonie von MP3-Playern und Handy-Quasslern umfängt einen, wobei man haltlos zwischen wankenden Leibern steht und von der S-Bahn wie ein Wodka-Martini ungerührt durchgeschüttelt wird, bis man den letzten Abschnitt, den Bus zur Arbeit, erreicht.

Das 'Tor zur Welt' wird am 'Berliner Tor' zum Nadelöhr, durch das scheinbar wirklich alle hindurch müssen, denn den Bus muss man sich durch eine amorphe Masse von Haaren, Mänteln, Rucksäcken, Piercings, Tätowierungen, Bierdosen und Glimmstängeln erkämpfen.

Die Haltestelle ist voller Berufsschüler, die ebenfalls vielfältig emittieren. Dazwischen – sehr vereinzelt und mit stoisch-ausdrucksloser Körpersprache - finden sich ein paar Erwachsene, die nur noch erlöst werden und ins Büro wollen.

„Haste gestern Fußi gesehen, ey, Alda, ey? Boah, ey, ich schwör, Digga, ich hätt' das Ding rein gemacht, Alda, ey.“. Ich schau nach links, wo die begeistert überdrehte Stimme herkommt. „Ey, echt ey, Digga,“ kommt es von rechts. „Voll krass, ey, Digga, Alda, ey“, kommt es wieder von links. „Ich schwör, Digga.“ „Voll gei-i-i-l, ey, Digga.“ Die weitere Stimme kommt nun von hinten. Der junge Mann klatscht die Hände seiner Kumpel ab und ich versinke resigniert in derselben stoischen Haltung wie die anderen verloren wirkenden Männer und Frauen im Gedränge. „Alda, Digga, ey.“ Inhalte? Egal! Es kommt auf den verbindenden Code an.

Ich bleibe außerhalb dieser Ingroup, beschwöre meinen Anspruch an die eigene Toleranz und denke an die drei weisen Affen: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen!

„Ich schwör, Digga, ey.“ Wie nicht anders erwartet: Der ganze Bus ist voller 'Digga-Alda-eys'.

Es ist nur eine Haltestelle weit bis zum Ziel und die Fahrt dauert auch nur drei bis vier Minuten, aber ich bekomme eine Ahnung davon, was es heißt, einer Gehirnwäsche unterzogen zu werden.

Der Bus speit mich schließlich aus und ich genieße die letzten Schritte am Fleet entlang durch den dämmernden Morgen. Ich erreiche ich das Büro. Erleichtert!

Ich schwör.

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Zzz

Bild von Sebastian Lammermann

Ein langweiliger Meckerartikel. Innovativ wäre ja mal ein Ansatz zur Verbessung gewesen.

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