Eindrücke von der Wintertagung des Deutschen Atomforums Die andere Seite

von Wolfgang Gründinger - 10.02.2009
Das Deutsche Atomforum versammelte sich im Februar wieder zum jährlichen Branchentreffen in Berlin. Ein Insider-Bericht.

„Du willst aber nicht stören, oder?“ Bernd Arts war sichtlich überrascht, als ich ihm bei der Wintertagung des Deutschen Atomforums auf die Schulter klopfte. Man sah ihm in seinen Augen an, dass er ausgerechnet mich dort überhaupt nicht erwartet hatte. Bernd war bis vor kurzem als Pressechef des Deutschen Atomforums der Mann, der in der Öffentlichkeit immer die Nase hinhalten musste, wenn Umweltschützer bei Castor-Transporten oder brennenden Trafos in Reaktoren wieder gegen die Kernenergie wetterten. Der Buh-Mann also, schlimmer als Zigaretten-Lobby und Waffen-Lobby zusammen, bekommt man gelegentlich den Eindruck.

Für so einen Job braucht man ein dickes Fell, und wenn einer das hat, dann Bernd Arts. Ich habe ihn kennen gelernt, als wir bei einer Klimaschutz-Veranstaltung in Berlin zusammen auf dem Podium saßen: Ich als Verfechter der erneuerbaren Energien, er als Hüter des Atoms. Dass wir uns beim Vornamen ansprachen, war für den Moderator damals so verwirrend, dass Bernd witzelte, er habe mich gerade für die andere Seite eingekauft: „Sie wissen doch, wir sind die Atomlobby – wir kriegen sie alle!“

Die andere Seite trifft sich jetzt hier, im Hotel Maritim an der Friedrichstraße in Berlin. In den gleichen Räumen, in denen eine Woche zuvor die Bundeskanzlerin auf dem Neujahrsempfang des Bundesverbands der Erneuerbaren Energien in höchsten Tönen über Sonne und Wind gesprochen hatte, hat sich nun die Atomindustrie versammelt, um sich über energiepolitische Grundsatzfragen auszutauschen. Oben auf der Agenda stehen vor allem Klimaschutz und Endlagerung. Als akkreditierter Journalist erhielt ich freien Eintritt zu dem Branchentreffen, für das ansonsten ein Ticketpreis von stattlichen 890 Euro plus Hotelkosten berechnet wird.

Für diesen Preis ist dafür das Abendessen umso gediegener. Tomatenconsommé mit Krustentierragout, gefolgt von Seeteufelfilet im Zucchinimantel, dazu ein trockener Rotwein, lassen mein Wohlbefinden als wohl einziger Gegner der Atomenergie bei dieser Veranstaltung, und dazu wahrscheinlich jüngster Gast inmitten eines von grauhaarigen Herren gefüllten Tagungssaals fühlbar steigen. Nur meine Tischnachbarn sind etwa in meinem Alter, Mitte 20. Dimitri, links von mir, studiert Ingenieurwesen und macht gerade ein Praktikum in einem Atomkraftwerk. „Es ist unglaublich, wie sicher die sind. Da wird wirklich alles kontrolliert“, erzählt er. Sein Teilnahmebeitrag für die Veranstaltung wurde von EnBW übernommen, und so freut er sich auf zwei Tage in der Hauptstadt.

Draußen trommeln die Atomgegner. 500 wären nötig gewesen, um den Häuserblock zu umrunden. Gekommen sind dreimal so viele, die das Atomforum buchstäblich umzingeln, und deren Getrommel bis in den Saal dringt. „Eure Lügen bleiben drinnen!“, ist ihr Credo.

Drinnen ergreift derweil Walter Hohlefelder, der Chef des Atomforums, das Wort. „Soviel Aufmerksamkeit hätten wir uns auch mit der teuersten PR-Kampagne nicht erreichen können“, freut er sich über die Gegendemo, die tatsächlich viel Medienecho erzeugte. Im Jahr davor standen nur 60 Demonstranten einsam vor den Hoteltüren, und kein Mensch interessierte sich für die Atomindustrie. „Die andere Seite“, klagt Hohlefelder, habe noch nicht verstanden, dass die großen Energieversorger längst die Zeichen der Zeit erkannt habe und jetzt auch ganz entschieden für die Erneuerbaren sei. Aber auf Atomkraft könne man einige Zeit eben noch nicht verzichten, um sich genug Zeit für den Aufbau einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung aus Sonne und Wind zu verschaffen. Man selbst sei aus dieser Lagermentalität längst heraus, nur „die andere Seite“ müsse sich jetzt auch aus ihren Schützengraben bewegen.

Als Freundschaftsangebot habe man die Grünen-Chefin Claudia Roth eingeladen, um mit ihr zu diskutieren. Man sei gespannt, was sie zu sagen habe. Schließlich stehe diese Tagung unter dem Motto der „Energievernunft“, denn die andere Seite habe die Wahrheit nicht gepachtet. Vernünftig, das soll natürlich die Atomkraft sein. Später wird übrigens Claudia Roth absagen; denn die Einladung war erst am Tag der Veranstaltung selbst per Fax an ihr Büro übermittelt worden, das sei ihr zu spät gewesen, aber sie sei grundsätzlich zu einem Dialog bereit. Die Zuhörer im Plenarsaal lachten, wieder einmal gewonnen zu haben gegen die andere Seite, die zu feige war, Rede und Antwort zu stellen.

Als Unterhaltungsprogramm für das Abendessen hat man den Münchener Wirtschafts­professor Hans-Werner Sinn für eine „Dinner Speech“ nach Berlin geholt. Man erinnert sich an ihn: Das ist derselbe, der noch bis kürzlich die Segnungen freier Finanzmärkte pries, eine Halbierung der Rente fordert und meinte, Manager würden in Deutschland behandelt wie die Juden im Dritten Reich. Sinn ist gerne radikal, und das auch in seinem neuen 500-Seiten-Wälzer, in dem er das „grüne Paradoxon“ erklärt und warum das Erneuerbare-Energien-Gesetz „für die Katz“ sei. Das liege am System des Europäischen Emissionshandels: Wenn Deutschland mehr Kohlendioxid einspare, könnten andere Länder mehr von diesem Klimagas ausstoßen – denn die Deckelung für den europaweiten CO2-Ausstoß werde in Brüssel beschlossen und nicht in Berlin. Deshalb seien die vielen Milliarden, die wir Deutschen in die Entwicklung der erneuerbaren Energien stecken, verpulvertes Geld. Dann sollte man lieber eine schärfere Grenze im Emissionshandel setzen, dann macht der Markt den Klimaschutz ganz von alleine.

Die Argumentation stimmt sogar. Doch was Sinn übersieht: Der Zweck des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes ist nicht nur Klimaschutz, sondern vor allem Technologieentwicklung – von Technologien, die heute noch zum Teil enorm teuer sind, die wir morgen aber schon brauchen, bevor der Markt das antizipieren könnte. Amerikanische Denkfabriken beginnen sogar ganz am Emissionshandel, diesem ur-marktwirtschaftlichem System, zu zweifeln, weil es sich auf das Problem der Verschmutzung konzentriere anstatt auf die Entwicklung neuer Technologien. Da sollte man lieber das Geld, das man beim Emissionshandel spart, in bessere Energietechniken stecken. Das ist Sinn, nur andersherum.

Auch sonst hat der radikale Marktprediger einiges auf Lager. Die Zahlen, die er präsentiert, sind gewiss richtig, nur einige könnte man methodisch anzweifeln. Aber oft lässt er einfach Argumente beiseite, die es wert gewesen wäre zu erwähnen: So behauptet er, dass eine weltweite Renaissance der Atomenergie auf uns zukomme, und belegt seine Aussage mit Planungen zu Neubauten. Doch was Politiker sagen, die die Werke nicht finanzieren müssen, ist das eine, was die Betreiber machen, das andere. Seit 2002 sind weltweit fünf Atomkraft­werke mehr abgeschaltet, als neu ans Netz gingen. Wie da von einem Comeback gesprochen werden kann, ist schleierhaft.

Auch um die Vögel ist Hans-Werner Sinn besorgt, die seiner Ansicht nach nicht klug genug sind, an Windrädern vorbei zu fliegen. Deshalb verenden zehntausende Vögel an deutschen Windanlagen. Wie könne man das bitte als Naturschutz rechtfertigen? Grüne Politik, wie unehrlich und ideologisch! Dass auf Straßen und an Strommasten um Größenordnungen mehr Vögel verenden, vergisst Sinn wieder zu erwähnen. Dass Windräder aber die Landschaft verschandeln, das ist ihm emotionale Empörung wert.

Am nächsten Morgen versichern drei Wissenschaftler, dass die Endlagerung von Atommüll technisch lösbar ist. Das würde mich nicht wundern, wenn einer der Wissenschaftler nicht Michael Sailer wäre, seines Zeichens Atomexperte am Öko-Institut und damit über alle Zweifel neoliberaler Profitgier erhaben. Der Ingenieur, der von seinem Aussehen her einem Hippie ähnelt, erklärt dort: „Endlagerung ist prinzipiell technisch lösbar.“ Selbst gegen Gorleben spricht zunächst kein Einwand, aber man müsse den Standort noch genauer prüfen. So ein Standort müsste für eine Million Jahre sicher sein, und das sei nun mal schwierig.

Sailer redet in ruhigem Tonfall, er braucht sich nicht emotional erregen, obwohl er entschiedener Skeptiker der Kernenergie ist. Für ihn war die Endlagerfrage nie das größte Problem der Atomkraft. Doch über seine anderen Standpunkte redet er auf der Konferenz nicht. Etwa sagt er nicht, dass es seiner Meinung nach immer noch keine sicheren Atomkraftwerke gibt; dass es nur eine Frage der Zeit sei, wann der nächste schwere Unfall sich ereigne; dass Uran begrenzt ist und schon deshalb Atomenergie ein Auslaufmodell sei. Etwas Kritik dieser Art hätte dem Publikum sicher gut getan. Doch Sailer ist Profi, und so redet eben über das Thema, das man ihm aufgetragen hat.

Am Nachmittag hat man Journalisten eingeladen, die erklären sollen, was die PR-Abteilungen tun können, um die Bevölkerung wieder für Atomkraft zu begeistern. Kaum zu glauben, aber auf dem Podium entbrennt doch tatsächlich eine Kontroverse, als zwei der geladenen Journalisten allen Ernstes behaupten, der Klimawandel sei eine Inszenierung der Medien und wissenschaftlich nicht belegt. Das erforderte prompte und entschiedene Reaktion des Ex-Kulturstaatsministers Nida-Rümelin, der auf einsamem Posten die Fakten zurechtrücken musste.

Am Ende läuft mir mein Bekannter Bernd Arts noch mal über den Weg. Er fragt mich, ob ich denn wirklich zu den Betonköpfen gehöre, die Atomkraft partout ablehnen. Ich antwortete: Ja, ich bin ein Betonkopf. Wir unterhalten uns über Freunde, die am Ende des Monats nur noch 20 Euro in der Tasche haben, und für die höhere Energiepreise schlimm wären. Ob das nicht ein Argument für längere Laufzeiten sei. Denn neu bauen wolle ja auch die Industrie gar nicht. Es ginge nur um eine Übergangszeit, bis die erneuerbaren Energien das alles schaffen könnten. Ich sagte, ich sei da halt ein Betonkopf. Und dass es mir bei der Tagung trotzdem gefallen hat.

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