Der Vorwärts diskutiert Netzpolitik - oder so...

von Siegfried Schlosser - 13.03.2010
Seit einigen Monaten beobachte ich die Rubrik "Netzpolitik und Web 2.0" und habe mir auch erlaubt, manchmal meinen Senf dazuzugeben. Nun möchte ich aus meiner Sicht zu beschreiben, was mir zu dieser Diskussion einfällt.

Zunächst - "Diskussion" ist das falsche Wort. Eine Diskussion findet nicht statt. Die Beiträge weniger Autoren erzeugen so gut wie kein Echo. Wenn ein Beitrag wie Karstens "Der Piratenpartei fehlt die Medienkompetenz" vom 15.09.2009 mal 9 Kommentare hat, dann ist das fast schon der Spitzenreiter.

Die Qualität der Beiträge ist - durchwachsen. Einer gelungenen Analyse zum Thema "Wie kann eine politische Bewegung noch effektiver und demokratischer werden?" (Igor Eidman, 01.02.2010) stehen Plattitüden entgegen wie "Weiche für das digitale Zeitalter" (Olaf Scholz, 02.03.2010, wobei ich mir grade zu diesem Thema von diesem Politiker eine etwas ausführlichere Analyse gewünscht hätte).

Der - auch und gerade für außenstehende - interessanteste Beitrag bislang ist m.E. "SPD Online-Beirat 2.0? " (Benedikt Schmitz, 18.02.2010). Dieser Artikel und die Kommentare dazu geben einen tiefen Einblick in die Abläufe innerhalb der SPD und die Probleme, die "Internet-Fans" wie Björn Böhning damit haben, die gute alte Tante SPD ins 21. Jahrhundert zu bringen.

Daß der ehemalige Online-Beirat nun unter anderem Namen wieder aufersteht, ist grundsätzlich positiv. Daß der Parteivorstand die Besetzungsliste weitgehend bestimmt hat und der "Netzgemeinde" im Nachhinein die Möglichkeit eingeräumt wird, 3 (drei!) Mitglieder des neuen Arbeitskreises innerhalb von knapp 3 Tagen bestimmen zu können (und Karsten stundenlang mit der händischen Auswertung der Abstimmung beschäftigt war), zeigt, daß die Strukturen der SPD noch lange nicht in diesem "Internetz" angekommen sind.

Einzelne Ideen wie die Mindmap (Henning Tillmann, 25.01.2010) sind zwar nett gemeint, scheitern m.E. aber: warum ist das Anmelden dort nur mit aktiviertem Javascript möglich? Was soll dieses Spinnennetz mir eigentlich sagen? Wo sind die Inhalte hinter den Schlagworten? Warum ist das bei einem externen Dienstleister gehostet, dessen Datenschutz-Statement in Englisch verfaßt ist?

Daß das Interview mit Martin Dörmann ("Die SPD hat in der Netzpolitik einen Nachholbedarf", 16.12.2009) ein für diesen Bereich recht großes Echo hervorgerufen hat (26 Kommentare, aber darunter ein paar Wiederholungen...), sagt auch viel über den Interviewten aus. Martin Dörmann ist für die "Internet-Gemeinde" das schwarze Schaf der SPD, steht er doch für das Versagen der SPD-Fraktion u.A. bei der Behandlung des Zensursula-Gesetzes wie auch als personifiziertes Beispiel eines "Umfallers".

Als Außenstehender bin ich sehr erstaunt darüber, daß er nun in die Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Bundestages einzieht. Wie es scheint, ist die Personaldecke der SPD(-Fraktion) in Sachen Internet recht dünn. Aber das ist ein ganz anderes Thema ...

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Nachrichten, Klatsch und Tratsch

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Wirklch sehr informativ! Werde aufjedenfall wieder kommen. Danke fuer den Beitrag.

Gruss
Andres

Open mind

Bild von Richard Detzer

Das ist ja mal erfreulich, daß jemand schnell, sicher und sachdienlich zu einem Thema Auskunft geben kann. Netzpolitik wird in der SPD schon bald ein anregendes Feld. Es besteht keine Verpflichtung, bei politischen Schnellschußübungen (von der Leyen) mehr als einmal mitzumachen.

Damit sind wir bei meinem Statement.
1. Netzpolitik ist ein offenes Thema.
2. SPD ist nicht das Alpha, Piratenpartei nicht das Omega in der Netzpolitik.
3. Wir sind die Wurst, gib uns deinen Senf!

Ich habe übrigends geholfen, mit Piratenpartei in Darmstadt einen Direktkandidaten aufzustellen. Das ist gelungen. Alles weitere in der Piratenpartei ist meiner Ansicht nach nicht gelungen.

Mitglied seit 01-11-2009.

Replik an Karsten

Bild von Siegfried Schlosser

Karsten,

Du schreibst "Andere Artikel wie der von Olaf Scholz sind etwas kürzer, weil die Politiker nicht die Zeit haben, lange Artikel zu verfassen".

Da möchte ich diesen Politikern doch einfach mal die Lektüre der "Anleitung zum frommen Leben" von Franz von Sales empfehlen, insbesondere Nr. 4 aus dem 5. Kapitel "Die innere Demut".

Ich glaube, es ist Volker Pispers, der diesen Absatz in einem einzigen, sehr bekannten Satz zusammengefaßt hat ...

Haltet Ihr es für sinnvoll

Bild von aloa5

Haltet Ihr es für sinnvoll die Diskussion um Netzpolitik über eine andere Seite (netzpolitik.vorwärts...) zu separieren? Die Kommentar-Hürde, so sie hier besteht, ist wohl eher eine ideelle oder optische denn eine praktische.

Separation führt i.d.R. nicht gerade zu Integration.

Wer die Hürde bei "Vorwärts" zu kommentieren (technisch) schon scheut wird bei Mindmap schon gleich zwei Mal nicht eingreifen. Ihr scheint nicht das Problem dabei zu haben die Diskussion zu strukturieren sondern die eine Diskussion in Gang zu bringen (und zu halten). Mindmap eignet sich eher dazu um Diskussionsergebisse festzuhalten bzw. zu visualisieren und weniger um zu diskutieren.

SPON hat Artikel und lässt verlinkt im Hauseigenen Forum unter "blogs" weiter diskutieren. Nehmt doch Vorwärts.de und lasst mit netzpolitik.vorwärts o.ä. ein Wordpress-Blog oder ein phpbb Forum im Hintergrund laufen. Das ist dann integriert und nicht separiert.

Grüße
ALOA

Feedback zu Aloa

> Haltet Ihr es für sinnvoll die Diskussion um Netzpolitik über eine andere Seite (netzpolitik.vorwärts...) zu separieren?

Siegfried hat sich in seinem Artikel ja vor allem auf Artikel hier bei vorwaerts.de bezogen.

> Die Kommentar-Hürde, so sie hier besteht, ist wohl eher eine ideelle oder optische denn eine praktische.

Was meinst Du damit? Wir können die Kommentare auf vorwaerts.de nicht so ohne weiteres den Kommentaren auf netzpolitik.vorwaerts.de zu ordnen?

> Separation führt i.d.R. nicht gerade zu Integration.

Stimmt. Wie kann man das anders lösen?

>Wer die Hürde bei "Vorwärts" zu kommentieren (technisch) schon scheut wird bei Mindmap schon gleich zwei Mal nicht eingreifen.

Das kann sein.

> Ihr scheint nicht das Problem dabei zu haben die Diskussion zu strukturieren sondern die eine Diskussion in Gang zu bringen (und zu halten). Mindmap eignet sich eher dazu um Diskussionsergebisse festzuhalten bzw. zu visualisieren und weniger um zu diskutieren.

Stimmt.

> SPON hat Artikel und lässt verlinkt im Hauseigenen Forum unter "blogs" weiter diskutieren. Nehmt doch Vorwärts.de und lasst mit netzpolitik.vorwärts o.ä. ein Wordpress-Blog oder ein phpbb Forum im Hintergrund laufen. Das ist dann integriert und nicht separiert.

Kannst Du das etwas ausführen, wie man das technisch macht.

Direktes Feedback

1) Erstmal herzlichen Dank für Deine ehrliche und umfassende Analyse zu der Behandlung von Netzpolitik auf http://www.vorwaerts.de - wir sind ein offenes Medium und freuen uns auch über uns wohlgesonnenen Lesern aus anderen Parteien, die sich hier einbringen wollen.

2) Ein Teil der Diskussion hat sich in Bezug auf Netzpolitik auf die Seite http://netzpolitik.vorwaerts.de verlagert, daher ist das was hier diskutiert wird, immer nur ein Ausschnitt der Debatte. Wie macht Ihr das bei den Piraten, dass die Diskussionen übersichtlich bleiben und sich in einer Plattform konzentrieren.

3) Grundsätzlich hast Du Recht, dass die Diskussion noch besser laufen könnte. Wir bekommen relativ viele Kommentare pro Tag, die wir auch meistens sofort freischalten. Allerdings erstellen wir auch viele Artikel am Tag, so dass die Kommentare sich auf viele Artikel verteilen. Eine richtig gute Lösung dazu habe ich noch nicht gefunden.

4) Es gibt allerdings auch technische Schranken. Hier bei vorwaerts.de nehmen wir das Open Source System Drupal. Bei http://netzpolitik.vorwaerts.de verwenden wir Wordpress. Viele Sachen, die dort recht einfach gehen, sind hier ziemlich schwer einzubauen (zum Beispiel Gravatare bei den Benutzerkommentaren, Trackbacks und Pingbacks). Außerdem scheint es so, dass sich die meisten Leute nicht so richtig trauen, hier zu kommentieren, auf http://netzpolitik.vorwaerts.de scheint die Hürde geringer zu sein.

5) Der Artikel mit den meisten Kommentaren ist übrigens dieser Artikel hier: http://www.vorwaerts.de/artikel/wie-soll-unser-leben-aussehen

6) Der Artikel von Igor Eidman ist sehr allgemein gehalten - daher für die konkrete Arbeit etwas weniger tauglich. Andere Artikel wie der von Olaf Scholz sind etwas kürzer, weil die Politiker nicht die Zeit haben, lange Artikel zu verfassen.

7) Der Artikel von Benedikt ist deswegen interessant, weil er provokant eine These vertritt. Für die ausgewogenen Debatten scheint das Interesse sehr gering zu sein - leider. Ich möchte aber nicht nur die reißerischen und provokativen Themen auf vorwaerts.de lesen.

8) Die Besetzung für den Gesprächskreis ist nicht optimal gelaufen, aber da ist die SPD noch in der Ausprobierphase. Ich hab ja schon geschrieben, dass es sehr viel Druck von allen Seiten gab, den Gesprächskreis zu besetzen - das Voting-Verfahren hat wenigstens etwas Nutzerpartizipation dort eingebracht. Aber eVoting ist auch nicht perfekt und hier müssen wir in der SPD noch ziemlich viel an den konkreten Schritten arbeiten.

9) Die Mindmap-Idee ist ein erster Schritt, um eine Diskussion zu strukturieren. Ich finde Mindmeister in Ordnung, ich finde auch Javascript in Ordnung. Welches Tool schlägst Du denn vor um Diskussionen zu strukturieren.

10) Zu Martin Dörmann - er ist in der SPD-Bundestagsfraktion ein Experte im Bereich Netzinfrastruktur.Klar ist er ein rotes Tuch für viele in der Netzgemeinde, aber ich finde, zu einer fairen Auseinandersetzung gehört, dass man die Leute nicht in Grund und Boden verdammt, sondern sich mit ihnen inhaltlich auseinandersetzt.

Bin auf weitere Kommentare gespannt!

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