Bundestagswahl Der Piratenpartei fehlt die Medienkompetenz

von Karsten Wenzlaff - 15.09.2009
In vielen Blogs und bei Twitter wird die Piratenpartei hochgejubelt, während an Häme über die klassischen Parteien nicht gespart wird. Dabei ist weder der Internetwahlkampf der Piratenpartei herausragend noch der Umgang von wichtigen Parteimitgliedern mit den neuen Medien.

Fehlende Medienkompetenz

Die aktuelle Episode von Andreas Popp, der aus Unwissenheit dem rechtslastigen Magazin "Junge Freiheit" ein Interview gibt, zeigt wie es in der Piratenpartei im Bereich der Medienkompetenz wirklich bestellt ist:  der stellvertretende Vorsitzende der Piratenpartei schreibt, dass er zuerst Wikipedia konsultierte, bevor er das Interview freigab.

Natürlich ist es schon mal etwas seltsam, dass ein Mitglied der Piratenpartei nicht weiß, dass man in der Regel auch mal über Wikipedia hinaus recherchieren sollte (wie dies Spreeblick tat), wenn es um so etwas Heikles geht wie Interviews mit rechten Zeitungen.  Dann hätte er vielleicht das ziemlich umfangreiche Archiv zu dem Thema "Junge Freiheit" hier bei Blick-nach-Rechts gefunden.

Allerdings gibt selbst Wikipedia eine deutliche Antwort: "Einige Politikwissenschaftler ordnen sie [die Junge Freiheit] als Sprachrohr der „Neuen Rechten" [...] ein." Um das mal ganz deutlich zu sagen: wer bei so einem Satz nicht hellhörig wird, der hat keine Ahnung vom politischen System in Deutschland und den Zielen der Nazis.

Die Piratenpartei hat viel Zulauf erhalten in den letzten Wochen - und da ist es vielleicht verständlich, dass die Funktionäre im Umgang mit Medien etwas schludrig sind. Aber gerade bei Medien am rechten Rand des politischen Spektrums kann man nicht vorsichtig genug sein.

Altbackener Internetwahlkampf der Piratenpartei

Auch ein anderer Punkt ist bezeichnend: in vielen Blogs und Medien wird gerne behauptet, dass die Piratenpartei einen tollen Internet-Wahlkampf hinlegt, weil sie es schafft, bei Abstimmungen auf StudiVZ und Xing ihre Anhänger zu mobilisieren.

Es ist für mich offensichtlich, dass eine Partei, deren wichtigstes Thema das Internet ist, in der Zielgruppe der Internetnutzer auch gut vertreten ist und diese mobilsieren kann.

Aus meiner Sicht geht aber guter Internetwahlkampf darüber hinaus, nur die eigene Klientel zu mobilisieren. Es geht darum, das Internet zu nutzen, um Informationen über politische Entscheidungsprozesse zur Verfügung zu stellen, über Inhalte und über Personen zu informieren.

Wenn man sich die Seiten der meisten Landesverbände oder des Bundesverbands der Piraten ansieht, dann findet man zwar einzelne witzige Ideen, aber irgendwie bleibt bei trotzdem das Gefühl zurück, dass man über die inneren Strukturen und Diskussionsprozesse der Piratenpartei so gut wie nichts weiß.

Man nimmt die Piratenpartei in den Medien überhaupt nicht wahr, und wenn dann nur als monolithischer Block beim Thema Internet-Sperren. Und auch im Internet gibt es kaum Informationen über die Aktivitäten der Piratenpartei, die darüber hinaus gehen, was im Grunde genommen alle Parteien machen: Pressemitteilungen, Videos, Termine ankündigen. Man tut so, als wäre man transparent, will immer den Kontostand veröffentlichen, aber der Link dorthin führt ins Leere. Warum soll so ein altbackener Internetwahlkampf etwas besonderes sein?

Kein Agenda-Setting und keine Reaktion auf aktuelle Themen

Obwohl die Piratenpartei sich für ihre Medienkompetenz rühmt, ist die Kompetenz, wie man mit Medien umgeht und Medien nutzt, um politische Prozesse anzuregen, doch noch recht dürftig.

Und auch bei dem Besetzen von politischen Inhalten ist die Partei nicht besonders schlagkräftig. Dazu gehört zum Beispiel, dass man Themen frühzeitig besetzt. Während mitterweile in fast allen großen Online-Medien heftig über die Hass-Martin-Stefan-Raab-Episode diskutiert wird, so ist von der Piratenpartei dazu nichts zu hören, obwohl das Thema Cybermobbing in sozialen Netzwerken eigentlich ein sehr wichtiges Thema sein sollte, gerade für Internetnutzer. Kein Statement vom Bundesvorsitzenden der Piratenpartei, keine Pressemitteilung, nichts.

"Pirat in der SPD" - die bessere Alternative

Fehlende Medienkompetenz, altbackener Internetwahlkampf und fehlendes politisches Gespür für die richtigen politischen Themen - das zeichnet die politische Arbeitsweise der Piratenpartei aus. Ich treibe lieber in der SPD die "Piraten-Themen" Internetfreiheit, Urheberrecht und Medienkompetenz voran, da ist wenigstens eine Chance da, dass man damit etwas gesellschaftlich erreichen kann.

Diese Meinung ist die private Meinung des Autors und stellt nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion dar.

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ACTA & ELENA

Was soll dieses Piraten-bashing bringen?

KW: "fehlendes politisches Gespür für die richtigen politischen Themen - das zeichnet die politische Arbeitsweise der Piratenpartei aus"

Das sehe ich vollkommen anders. Auf der Homepage der Piratenpartei finden sich Informationen zu "ELENA" und Aktionen gegen ACTA -politischen Themen, die für die SPD auch weiterhin Terra incognita scheinen.

PS: Der angegebene Link zum Kontostand der Piratenpartei, der angeblich ins Leere führt, funkt

Unzutreffende Kritik

Der angegebene Link zum Kontostand der Piratenpartei, der angeblich ins Leere führt, öffnet bei mir eine schöne Liste mit verschiedenen Kontoständen seit der Gründung, inklusive Infografik dazu (auch wenn es von März bis August keine Aktualisierung gab, was wahrscheinlich mit der Überlastung durch den enormen Mitgliederansturm zu tun hat).

Ich bitte Sie, die entsprechende Stelle in ihrem Artikel zu berichtigen, vor allem da die Versionsgeschichte andeutet, dass diese Liste nicht erst nach Erscheinen dieses Artikels hinzugefügt wurde.

Organisationsstrukturen in der Piratenpartei

"Wenn man sich die Seiten der meisten Landesverbände oder des Bundesverbands der Piraten ansieht, dann findet man zwar einzelne witzige Ideen, aber irgendwie bleibt bei trotzdem das Gefühl zurück, dass man über die inneren Strukturen und Diskussionsprozesse der Piratenpartei so gut wie nichts weiß."

Das liegt daran, dass auch die Piratenpartei selber noch nichts über ihre inneren Strukturen und Diskussionsprozesse weiß, denn in großen Teilen ist die Partei erst dieses Jahr entstanden (die Mitgliederzahl hat sich seit Jahresanfang verzehnfacht, und viele Landesverbände wurden erst vor ein paar Monaten gegründet).

Ich besuche öfter die (öffentlichen) Sitzungen der Piratenpartei in meiner Stadt. Eine sehr freundliche und sachliche Diskussionskultur pflegt man da, sobald das Internet als Indirektionsstelle der Kommunikation wegfällt.

Aber die Diskussionen laufen auf anderen Ebenen, als man das von den anderen Parteien gewohnt ist. Da werden nicht einzelne lokalpolitische Themen beackert, sondern man fragt sich, ob man lieber Bezirks- oder Ortsverbände gründen möchte.

Insofern halte ich es für etwas vermessen, einer im Prinzip noch in der Entstehung befindlichen Parteien fehlende Struktur vorzuwerfen. Die Frage, die wirklich über die Zukunft der Piraten entscheidet, ist nicht irgendein politisches Spektrum, sondern ob dort Organisationsstrukturen geschaffen und gleichzeitig die freiheitliche Diskussionskultur aufrechterhalten werden kann.

> aber irgendwie bleibt bei

> aber irgendwie bleibt bei trotzdem das Gefühl zurück, dass man über
> die inneren Strukturen und Diskussionsprozesse der Piratenpartei so > gut wie nichts weiß.

Was mich überzeugt hat, war die Herleitung einzelner Aussagen der PP z.B. bei www.wahlomat.de aus Mehrheitsbeschlüssen, Aussagen der Kandidaten etc. plus einem kurzem Besuch im PP-Wiki.

Aussagen wie "die XPD steht für" waren mir schon lange suspekt bei Vereinen von mehr als 3 Mitgliedern - bei der PP kann man wenigstens nachlesen, wie sie zustande kommen... ohne daß ich vom Public-Relations-Wahlkampf-Management gefiltert und gesteuert werde.

Piraten?.... (!)

Karsten, mit dem was du über die mediale Beachtung der "Piraten" beschreibst, ist durchaus richtig. Und es ist auch richtig, dass sie keinen "Wirklichen" Wahlkampf außerhalb des Netzes betreiben. D.h.: es gibt eine Partei, die uns mit Plattidüden verschont, wenn ich das mal so salopp sagen darf.

Die Inhalte eines Parteiprogramms dem potenziellen Wähler näher zu bringen wäre erstrebenswert, eine Plattform außerhalb des Netzes zu finden kostet aber.

Es gibt immer Kernfragen einer Politik, es gibt auch Zielsetzungen einer Politik. Dass die Piraten für ihre Kernfrage und ihre Zielsetzung einstehen ist für die Wählerschaft der Piraten allerdings glaubwürdiger, als das, was andere Parteien im Wahlkampf von sich geben. So setzt jeder Wähler und so setzt jede Partei ihre Prioritäten. Nur, der Wähler winkt ermüdet ab, wenn er die "großen" Parteien schwadronieren hört. Aus Erfahrung weiss der Wähler: Es ist alles unglaubwürdig.
Heute las ich in einem Newsletter (parteiunabhängig): Sammelt die Aussagen der einzelnen Parteien und vergleicht sie mit dem was nach der Wahl passiert (gerade bei Parteien, die dann die Regierung bilden werden.....)

Ja, deren Wahlkampf außerhalb des Netzes ist kaum beachtenswert. Die Aktion zur Petition gg. die Internetüberwachung wurde außerhalb des Netzes auch kaum wahrgenommen. Aber sie hat (was für Petitionen unüblich ist, weit mehr Stimmen erreicht, als für eine Anhörung erforderlich sind.

So bleibt zu hoffen, dass auch die Piratenpartei über "Mund-Zu-Mund-Propaganda" wenigstens einen Achtungserfolg erlangt, auch wenn ich Mitglied der mittlerweile gesichtslosen SPD bin. Und dieses persönliche Urteil musst du mir zugestehen.
LG
Edda

Kontostand

Also bei mir führt der Link zum Konto auf den Kontostand. Wo finde ich den Kontostand der Bundes-SPD? Und, wo finde ich die offizielle Stellungnahme der SPD zur "Hass-Martin-Stefan-Raab-Episode"?
Die Diskussionsprozesse der Piratenpartei scheinen eher chaotisch zu sein, das hat es die SPD natürlich einfacher, wo von oben nach unten di(s)k(u)tiert wird. Natürlich hat die SPD auch ein großes, langes, ausführliches Wahlprogramm, aber was hilft das, wenn sich der Parteichef nicht an Wahlversprechen messen lassen will (und die Partei sich auch nicht an Wahlversprechen hält, siehe MwSt, siehe Ypsilanti etc).
Die SPD verliert an allen Ecken und Enden Wähler, die Piratenpartei ist das kleinste Eurer Probleme.

Kontostand

Hallo,

der Kontostand ist natürlich abrufbar. Du hattest die falsch URL.

http://wiki.piratenpartei.de/Kontostand

Grüße

Seppl

p.s.: Internetausdrucker? Kleiner Scherz.

Ich wähl' die Piraten

Ich sehe keinen Grund, weshalb sich die Piraten bei der SPD engagieren sollten. Die Politik der letzten Jahre ist genau der Grund, weshalb die Piraten so wichtig sind und weshalb es so wichtig ist, sie zu wählen.

Zeitmangel

Lieber Karsten, bedenke, daß die Piraten keinerlei Fulltime-Politiker sind. Die meisten gehen einem Job nach und können nicht beliebig im Internet surfen, Pressetexte ausdenken oder so schnell agieren, wie dies eine SPD, CDU oder Co. machen können.

Die "großen" Parteien haben einen großen Stab, gerade in Wahlkampfzeiten, Medienberater bis zum Umfallen und Kohle, die anderswo sinnvoller einzusetzen wäre... Mit 27 Mio. Euro kann man tausende Menschen outgesourct arbeiten lassen...

Deine Kritik ist berechtigt, doch die Vorzeichen hast Du nicht berücksichtigt!

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