'Stell Dir vor, es ist Krise und keiner geht hin' Buy german

von Karl-Heinz Föste - 13.02.2009
China, das Land das uns den Rang als Exportweltmeister streitig macht, die Werkbank der Welt, stand bis vor kurzem noch im Ruf, weniger anfällig für die Wirtschaftskrise zu sein als andere Länder, einerseits wegen enormer Währungsreserven, anderseits wegen des gigantischen Binnenmarktes. Die Krise führt jedoch auch dort schon bei den Heerscharen der Wanderarbeiter zu merklicher Arbeitslosigkeit.

Die chinesische Regierung setzt wegen der weg brechenden Aufträge aus dem Ausland auf eine Stärkung der Binnenkonjunktur und bezuschusst den Verkauf heimischer Produkte, vorzugsweise Elektroartikel. Und so wandern Unmengen von Kühlschränken in die Häuschen der Landbevölkerung. Eine Nachfragelawine, die den Einbruch beim Export wettmachen soll.

Auch der neue amerikanische Präsident, Barack Obama, ließ dem markigen 'yes, we can' ein 'buy american' folgen, in der Hoffnung, der patriotische Konsument werde nur noch inländische Produkte nachfragen. Zwar hat er schon wieder zurückgerudert und beteuert, dass seine Regierung den Welthandel nicht einschränken werde, aber die Botschaft ist auf dem Weg und wird vermutlich Wirkung zeigen.

Was heißt das nun für Deutschland? Was tut die deutsche Regierung, was die deutschen Konsumenten?

Eingebunden in die EU wird niemand mit politischer Verantwortung etwas gegen freien internationalen Handel innerhalb der EU und über EU-Grenzen hinaus unternehmen bzw. unternehmen wollen, schon wegen der zerbrechlichen Abhängigkeit der eigenen Wirtschaft vom Welthandel. Der inländische Markt wird durch milliardenschwere Konjunkturpakete mobilisiert. Die Wirkungen sind ungewiss, die Maßnahmen aber wohl alternativlos.
Könnte in diesem Umfeld ein 'buy german' der Konjunktur helfen? Welche Folgen hätte solch ein Appell und ist dieser überhaupt nötig?

Der deutsche Verbraucher wird nicht erst seit dem Weihnachtsgeschäft, sondern – deutlich vernehmbar - schon seit Beginn der Krise für sein unbeirrtes Konsumverhalten gelobt, nicht selten von irritierten Kommentaren der Journalisten begleitet, die nicht verstehen, warum sich zwar die Konsumschwerpunkte verändern, nicht aber die Konsumfreude, ganz so als wenn es keine dunklen Wolken am Himmel gäbe.   

Da stürzen sich plötzlich Tausende auf billig gewordene Autos und nutzen die Verschrottungsprämie. Andere sehen die gefallenen Bauzinsen und fragen die Banken nach Krediten, die sich erstaunlich wenig risikofreudig zeigen, sich an Basel II erinnern und die Hürden bei der Kreiditvergabe ängstlich hoch hängen. Wieso folgt der depressiven Verstimmung der Wirtschaft und des Daxes keine solche beim Verbraucher?

Ist es der berühmte Tanz auf dem Vulkan, die Lust am Untergang, oder ist der Verbraucher schlicht clever und gar schlauer als die Manager, die sich nur dem betriebswirtschaftlichen Blick bis zum Tellerrand des eigenen Unternehmens verpflichtet fühlen? Ahnt das werbemanipulierte und damit von der Wirtschaft mehr als Manövriermasse wahrgenommene Volk, dass es selbst es in der Hand hat, den Kelch der Wirtschaftskrise noch einmal glimpflich an ihm vorbei gehen zu lassen? In Abwandlung des alten Sponti-Spruchs scheint eine Stimmung nach dem Motto 'Stell Dir vor es ist Krise und keiner geht hin' Platz zu greifen.

Wenn diese Überzeugung von Erfolg gekrönt sein soll, braucht es allerdings eine dauerhafte Konsumfreude und das möglichst auf allen Ebenen. Dann besteht vielleicht die Chance, dass produzierendes, Handel treibendes und dienstleistendes Gewerbe das nötige Vertrauen aufbringen, zu investieren und möglichst keine oder nur wenige Stellen abzubauen.

Das setzt allerdings voraus, dass auch die Unternehmer und Manager diesen gesamtwirtschaftlichen Blick entwickeln und sich nicht den noch immer zart grünenden Sitzast absägen, indem sie den allzu eingeschliffenen Reflexen nachgeben, Kosten zuallererst durch das 'Freisetzen' von Arbeitnehmern zu senken. Naheliegend, gar banal? Vielleicht. Aber warum entlassen Unternehmen dann in vorauseilender Angst um Kostenrisiken Mitarbeiter?

Die Erkenntnis, dass erst durch den Einbruch der Nachfrage die Krise an Eigendynamik gewinnt, scheinen bislang nur die Konsumenten in die Tat umzusetzen. Sollte diese Erkenntnis indes auch bei den Unternehmen zu der Einsicht führen, dass Arbeitnehmer - wo immer möglich - im Betrieb gehalten werden, mag die Krise in seinen Wirkungen abgemildert werden, jedenfalls dort wo keine allzu starke Abhängigkeit von Nachfrage aus dem Ausland besteht. Dort wird kein 'buy german' helfen, allenfalls eine Umorientierung hin zu inländischer Nachfrage als zweites Standbein und im Sinne einer Risikostreuung.

Sowohl auf Verbraucher- wie auch auf Unternehmerseite wird eine stärkere Berücksichtigung des inländischen Marktes die Wirtschaft weniger krisenanfällig machen, ohne den Welthandel in Frage stellen müssen. Eine solche Erkenntnis hat schon Helmut Schmidt vor über zwanzig Jahren unter die Leute tragen wollen, als er den schon damals sich abzeichnenden Handelsbilanzüberschuss als ungesund brandmarkte.

Wie so oft wird sich zeigen, dass es der Mix macht. Deutschland muss nicht blind amerikanischen und chinesischen 'Buy-national-Parolen' folgen und als Pharisäer gelten, wenn es einerseits den Welthandel propagiert, vom Welthandel profitiert und gleichzeitig auf einen florierenden Binnenmarkt setzt.

Yin und Yang in der Wirtschaft? Warum nicht? Dialektisches Denken heißt jedenfalls nicht 'entweder oder', sondern manchmal 'sowohl als auch'.

 

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