Bio ist zu wichtig, um elitär zu sein.

von Andrea Arcais - 17.02.2010
Derzeit findet in Nürnberg die weltweit größte und wichtigste Messe der Biobranche statt: Die BioFach. Dort kann die enorme Expansion der Branche ebenso bewundert werden, wie ein beginnendes Klagen über fallende Preise. Soll Bio elitär bleiben oder den Massenmarkt erobern?

 Richtig ist: Die Preise für Bio-Lebensmittel geraten in den allgemeinen Trend fallender Preise. Ebenso richtig ist: Bio-Lebensmittel sind nicht Bio-Lebensmittel. Die Branche hat sich ausdifferenziert. Es wächst der Massenmarkt. Die Belieferung der großen Lebensmittelhändler und der Discounter mit Bio-Produkten, vor allem für Eigenmarken der Handelshäuser, verlangt nach großen Produktionen. Ermöglicht werden dadurch Preise, die sich kaum noch über denen befinden, die für konventionelle Produkte verlangt werden.

Allen Bio-Lebensmitteln gemeinsam sind Mindeststandarts, die gesetzlich einzuhalten sind. Diese sind in der Regel niedriger, als die Meßlatten, die sich Anbauverbände wie Demeter oder Bioland u.a. selbst setzen. Dadurch werden auch unterschiedliche Qualitäten innerhalb des Angebotes von Bio-Lebensmitteln sichtbar. Ob sie jeweils auch schmeckbar sind, das sei an dieser Stelle zunächst einmal hintangestellt.

Tatsache ist aber auch, dass die Entlastung von Boden, Wasser, Luft, Tier und Mensch allein durch die Ausweitung einer zumindest nach Mindeststandards arbeitenden und wirtschaftenden Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittelindustrie, ein großer, sich ausbreitender Fortschritt ist.

Die Auffassung, dass Bio-Lebensmittel darüber hinaus immer und die schmackhafteren Produkte seien, war schon immer eine eher ideologisch begründete als durch Erfahrung nachzuweisende Behauptung: Ein Ammenmärchen.  Biologischer Landbau und Bio-Produktion sind ein Plus für alle Produkte. Für besonders schmackhafte Produkte ist Bio zunächst einmal eine wichtige, längst aber keine ausreichende Bedingung. Ebenso wichtige Bedingungen, damit beispielsweise aus einem banalen Wein, ein wirklich guter, nicht nur irgendwie schmackhafter, sondern charaktervoller, individueller Wein wird sind Faktoren wie: Weinbergslage mit ihren Bedingungen wie Gesteinsformation, Ausrichtung, Neigungsgrad, Alter der Rebstöcke und Dichte der Bepflanzung, Mengenbegrenzung und Art des Schnittes der Rebanlagen, Erfahrung und tradiertes Wissen des Winzers für die Arbeit in Weinberg und Keller, Offenheit für Neues und sinnvolles Beharren auf Bewährtes.

Für die Produktion von Bei-Speiseeis reicht es nicht aus, dass die Urprodukte, dass Milch und Frucht, Süße und Gewürz aus Bio-Produktion nach höchstem Standard kommen. Die handwerkliche Kunst, die Überführung dieses Wissens in eine industrielle Produktion und das Beharren auf „ungesunde“ Aspekte wie Süße beispielsweise, machen ebensoviel aus, damit aus einem Bio-Eis auch eine wirklich großartige Eiscreme aus Bioproduktion wird.

Diese Beispiele sollen nur eines verdeutlichen: Auch in der Bio-Branche wird und muss sich die Massenproduktion von einer Produktion auf hohem Qualitätsniveau trennen. Beides ist wichtig. Niemals wird es so sein, dass sich eine Mehrheit der Menschen sich vor allem von den Produkten ernähren will und kann, die auf dem höchsten Qualitätsniveau produziert werden. Dies hat viel mit den zwangsweise vorhandenen Preisunterschieden zu tun. Es beschränkt sich aber nicht darauf.

So wie der „Sonntagsbraten“ dadurch zu etwas Besonderem wurde, weil er tatsächlich nur einmal die Woche auf den Tisch kam, so entsteht Wertschätzung generell nicht durch inflationäre Aufblähung, sondern durch bewusste Reduktion. Dies gilt im besonderen Sinn für Geschmackseindrücke.

Der Anspruch einer Pseudo-Demokratisierung, eines Rechts für alle Menschen auf eigentlich seltene Produkte, führt nicht dazu, dass alle Menschen sich bald, nur um prägnante Beispiele zu nennen,  ihre Flasche Chateau d´Yquem, ihren wöchentlichen weißen Alba-Trüffel, werden leisten können. Dieser Anspruch führt aber dazu, dass billige süße Weine aus der Gegend um Bordeaux, aus der Appellation Sautern den Markt überschwemmen und vorgaukeln, ein d´Yquem ließe sich in Serie produzieren.

Bio ist aber zu wichtig, um elitär zu sein. Darum sollten wir uns über die Schritt für Schritt stattfindende Verdrängung der konventionellen Landwirtschaft durch eine auf große Produktion angelegte Biolandwirtschaft freuen. Sie schadet nicht, sondern ist gut für Umwelt, Tier und Mensch. Wichtig ist, dass sich innerhalb der Bioproduktion diejenigen Produzenten herausbilden, organisieren und sichtbar machen, die auf eine andere, auf eine hohe, auch schmeckbar hohe Qualität setzen. Und die wird nicht zu niedrigen Preisen zu bekommen sein.

 

Dass die Preise für Lebensmittel in Deutschland im Übrigen und im europäischen Vergleich viel zu niedrig sind ist wahr. Aber die Lösung dieses generellen Problems wird weder durch die Ausweitung, noch durch eine Verknappung der Bio-Produktion zu lösen sein. 

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Statt Bio massentauglich zu

Bild von Christian Alexander Tietgen

Statt Bio massentauglich zu machen, sollte man lieber den konventionellen Anbau reformieren. Bio ist zu radikal.

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