Einer Therapie muss allerdings eine gründliche Diagnose vorausgehen, und dazu scheinen die zur Zeit Verantwortlichen, wie schon der „Bildungsgipfel“ zeigte, nicht fähig oder nicht willens zu sein. So entsteht der bedauerliche Eindruck einer „Flickschusterei“, häufig an falschen Stellen. Ein Konzept, das den Zusammenhang von Bildung und Gesellschaft erkennen lässt und sich an der Zukunft orientiert, ist nicht vorhanden.
Effektive Bildungspolitik ist engagierte Sozialpolitik
Zwischen Bildungs- und Sozialausgaben des Staates besteht ein enger Zusammenhang. Je weniger in Bildung investiert wird, umso höher steigen später die notwendigen Sozialausgaben, es sei denn, der Staat überlässt einen Teil seiner Gesellschaft seinem Schicksal. Mit Bildung allein ist aber ein sozialer Schutz für alle nicht gewährleistet. Es kommt darauf an, eine optimale Bildung einem Jeden in gleicher Weise zukommen zu lassen und die Bildungs- und Sozialausgaben in ebenso gleicher Weise vorzunehmen, das heißt eine effektive Bildungspolitik und eine engagierte Sozialpolitik zu betreiben.
Das aber ist in den Ansätzen der jetzigen Bildungspolitik nicht erkennbar. Unsere Bundesregierung überlässt immer größere Teile des Bildungswesens Privatinitiativen und zieht sich im übertriebenen föderativen System zu Lasten der Bundesländer aus der Verantwortung zurück. Sie fördert vorzugsweise so genannte Eliten und damit in der Regel diejenigen, die schon „oben“ sind und einer zusätzlichen finanziellen Unterstützung nicht immer bedürfen. Sie schadet und behindert damit den in Zeiten des „Wirtschaftswunders“ gepriesenen „Aufstieg durch Bildung“. Dass die Bildungsbeteiligung weiter ungleich verteilt und unzureichend bleibt, wird in Kauf genommen. Dass die nachgewiesene hohe soziale Selektion im deutschen Bildungswesen weiterhin besteht, scheint die dafür Verantwortlichen in ihrer ideologischen Festlegung auf elitäre Bildung nicht zu stören. Und so werden Kinder aus so genannten „bildungsfernen Schichten“, Kinder von Migranten und Kinder mit Behinderungen auch in Zukunft benachteiligt. Dieser Teil der kommenden Generation wird der Volkswirtschaft nicht nur entzogen, er wird die Gesellschaft zunehmend belasten.
Was also ist zu tun?
Die ausschließliche oder vorzugsweise Förderung von so genannten Eliten muss mindestens in gleicher Weise ergänzt werden durch eine Förderung von Kindern und Jugendlichen so genannter bildungsferner Schichten.
Eine frühe meist sozial bedingte Selektion in der Schule muss zugunsten einer gerechten Förderung aller Schülerinnen und Schüler beendet werden.
Die Gesamtlernzeit in Schuljahren und an einzelnen Schultagen muss durch geeignete Maßnahmen wie etwa Ganztagsschulen erweitert werden.
Die Ziele des Lernens und des Lehrens müssen neu gefasst werden und Basiskompetenzen für Lebens- und Handlungsfähigkeit sowie personale Schlüsselqualifikationen für das persönliche und das Berufsleben umfassen.
Unterricht muss zunehmend als Aktivität des Lernenden und Lernen immer mehr als operatives und problemlösendes Lernen verstanden werden.
Für die in der Regel hoch motivierten Lehrerinnen und Lehrer muss eine schlüssige und wirksame Fort- und Weiterbildung eingerichtet und intensiviert werden.
Eine besondere Aufmerksamkeit muss den Lehrerinnen und Lehrern gelten, die in einer großen Verantwortung für die kommende Generation und für die Gesellschaft allgemein stehen und in der Regel unter schweren Bedingungen arbeiten, in denen sie oft allein gelassen werden.
Das deutsche Bildungswesen steht erneut vor einer großen Herausforderung. Es wird ihr nur gerecht werden, wenn Begriff und Bedeutung von Bildung für den Einzelnen und für die Gesellschaft erkannt und daraus die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Das ist mit „Bildungsgipfeln“ und bloßen Absichtserklärungen nicht getan. Jede Festlegung auf ein Schulsystem, das nur elitären Vorstellungen folgt, eine soziale Selektion nicht verhindert, versperrt nicht nur einem großen Teil der Gesellschaft einen „Aufstieg durch Bildung“, sondern belastet auch die künftige Gesellschaft und das Sozialsystem. Es wird weder dem Bildungsauftrag, noch den Aufgaben unseres demokratischen Staates gerecht.
Literatur
Allmendinger, Jutta, Der Sozialstaat braucht zwei Beine.
Lenzen, Dieter, Eine neue Chance für die Bildung? In: Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ 45 /2009 vom 2. November 2009



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