Wie viele Dopinggeständnisse müssen wir noch hören? Bernhard Kohl: „198 Dopingkontrollen gingen den Bach runter“

von Andreas Griess - 27.05.2009
Wie viele Dopinggeständnisse müssen wir noch hören?

 

Am Montag habe ich die ARD-Sendung Beckmann gesehen. Der Grund: Bernhard Kohl, österreichischer Ex-Radprofi, war zu Gast um über die Dopingproblematik im Radsport zu reden.

Das, was er sagte, war erschütternd, für viele jedoch nicht unerwartet: Laut Kohl wurde auch im vergangenem Jahr bei der Tour der France noch systematisch gedopt. Die gezeigten Leistungen hält der Ex-Gerolsteiner-Fahrer sogar sauber nicht für zu erbringen. Natürlich nannte er keine, bzw. kaum konkrete Namen. Das ist verständlich, schließlich laufen zum einen Ermittlungen und zum anderen würden andernfalls Zivilklagen auf Kohl zukommen. Dennoch konnte man sich einiges erschließen:

So zum Beispiel, dass auch die Ärzte mindestens indirekt involviert waren. Kohl: „Wenn der Arzt eins und eins zusammenzählt, dann weiß er, dass meine Leistung ohne Doping nicht möglich ist.“ Als Beckmann, der das Interview in meinen Augen übrigens sehr gut führte, nachfragte, ob ein Arzt bei Eigenblut-Infusionen dabei war antwortete der Ex-Radfahrer ziemlich bestimmt: Dazu möchte ich hier nichts weiter sagen.Kohl sprach zudem davon, dass nicht nur Radprofis Eigenblutdoping bei der Firma „Humanplasma“ betrieben, sondern auch Schwimmer und Leichtathleten, sowie Wintersportler.

Das dopen begann bei Kohl laut eigener Aussage schon mit 19 Jahren. Natürlich sei er häufig kontrolliert worden- doch trotz Dopings nur einmal positiv aufgefallen (im vergangen Jahr). Gegenüber der Nachrichtenagentur APA sagte er:

„Bei mir waren es 200 Kontrollen und 198 gingen den Bach runter. Und ich sage mal, 100 müssten positiv gewesen sein. Ich habe mir in der Früh was gespritzt, eine Stunde später waren die Kontrollore da – völlig egal. Ich sage nur Wachstumshormon. Wenn es einen Test geben würde, der einen Monat Wachstumshormon nachweist, und es bleibt geheim, bis der Test da ist, wird es nicht mehr viele Sportler geben.“

Laut Kohl wäre es am sinnvollsten, verstärkt  junge Athleten zu testen, da neben der abschreckenden Wirkung hier auch billigere Mittel eingesetzt würden. Dies läuft leider vollkommen Konträr zur Praxis: Bei den Leichtathleten in Deutschland ist vor kurzem erst aus Kapazitätsgründen die Abmeldepflicht für die meisten der jugendlichen Athleten abgeschafft worden. Ihren Aufenthaltsort angeben müssen nur Athleten der Spitze. Das konkrete Ein-Stunden-Fenster gilt für die wenigsten Athleten-und musste erst jüngst wegen EU-Vorgaben angepasst werden.

Meiner Meinung nach, muss Doping deutlich aggressiver bekämpft werden. Dafür sind natürlich internationale Abkommen notwendig, aber diese werden ihren Anfang vermutlich in nationalen Gesetzen finden müssen. Auch Deutschland ist hier gefordert. Gerne feiert sich das Land als „Testweltmeister“. Wie viel Tests im konkreten Fall Bernhard Kohl jedoch wert waren, hat man gesehen. Ich denke es ist vor allem an zwei Ebenen anzusetzen: 

Zum einen müssen Dopingkontrollen effektiver gemacht werden. Die Forschung in diesem Bereich ist stärker zu unterstützen. Zum anderen müssen die Strafen für Doping und „Beihilfe zum Doping“ deutlich höher sein. In vielen Fällen würde ich mir nicht nur Sperren, sondern auch harte Zivilstrafen wünschen. Hier könnte der Sport viel von der Anti-Raubkopie-Fraktion lernen.

Doping muss ein als eigenständiges Verbrechen angesehen werden, nicht nur als Medikamentenmissbrauch. Ihr meint das sei überzogen? Ich sehe es so: Sport ist ein Kulturgut und das gilt es zu verteidigen. Für unsere Kultur und die Jugend! Wenn der Kampf gegen Doping nicht aggressiv geführt wird, geht er verloren. Und wer will dann noch seine Kinder in den Sportverein schicken?

PS: Nicht zuletzt wegen des Dopings halte ich ein Sportministerium in Deutschland für längst überfällig! Sport gehört derzeit zum Bereich des Innenministeriums. Und das hat genug Probleme mit Terrorbekämpfung, Internetüberwachung u.ä. In vielen Ländern sind Sportministerien bereits seit Jahren existent.

im Original erschienen auf http://griess.wordpress.com  

 

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