Die Programmreihe Berlinale Goes Kiez
300.000 verkaufte Tickets – die Berlinale machte ihrem Ruf als Publikumsfestival mal wieder alle Ehre. Auch wenn für manche Tickets früh aufgestanden werden muss, so bietet die Berlinale doch immerhin die Chance, mit dabei sein zu können. In diesem Jahr ist sie noch einen Schritt weiter gegangen. Zum 60. Jubiläum gab es als Geschenk an die Fans das Public Viewing von Metropolis am Brandenburger Tor und in der Alten Oper in Frankfurt – und es gab die Reihe Berlinale Goes Kiez. Aus den verschiedenen Sektionen des Festivals waren Filme ausgewählt worden, an den Orten gezeigt zu werden, die für lebendiges und engagiertes Kino in der Stadt stehen – die Programmkinos der Berliner Bezirke.
Jeden Abend ein anderes Kino, ein roter Teppich wurde ausgerollt, die Crew der ausgewählten Filme wurde verpflichtet, diese Vorführung als offiziellen Termin wahrzunehmen und für jedes Kino wurde ein Filmpate gesucht: ein Filmschaffender, der selbst Stammgast des jeweiligen Kiez-Kinos ist.
Die Kinobesitzer mussten an einer Schulung in den Büros der Filmfestspiele teilnehmen. Es sollte ja gewährleistet sein, dass zum Beispiel die Einlassregelungen der Berlinale auch vor Ort bekannt sein würden. Und dann konnte mehr als die Hälfte des zur Verfügung stehenden Kontingents an Karten direkt vom Kino verkauft werden. Damit war sichergestellt, dass die Programmkinos nicht einfach ein Abspielort mehr fürs Festivalprogramm darstellten, sondern die Stammgäste des Kinos auch wirklich erreicht wurden.
Das Programmkino
Wir haben uns gestern die Eva-Lichtspiele in der Blissestraße ausgesucht, das älteste Kino Wilmersdorf. Das Lichtspielhaus feiert in zwei Jahren seinen 100. Geburtstag. 1912 als Roland-Lichtspiele erbaut, bekam es 1921 seinen jetzigen Namen. Das Kino erwarb sich in den Zwanzigern einen guten Ruf wegen seiner orchesterbegleiteten Filmvorführungen ohne Spulenwechsel-Pausen. Der schwungvolle Neon-Namenszug über dem Eingang stammt noch aus dieser Zeit; das Kino hatte den Krieg zum Glück nahezu unbeschadet überstanden.
Ambitioniertes Traditions-Haus: Die Eva.Lichtspiele
Die 250 Plätze sind trotz traditionellem Mobiliar ausgesprochen bequem; in der letzten Reihe steht sogar eine große Ledercouch; an den meisten Plätzen gibt es noch ein Bord zum Abstellen auch eines Glases oder einer Kaffeetasse. Der Vorhang ist ein wunderbar nostalgischer Wolken-Vorhang. Trotzdem ist das Kino mit neuer Leinwand ausgestattet, einem guten Sound-System und natürlich behindertengerecht zugänglich.
2006 hat Karlheinz Opitz die Geschäftsführung im Eva übernommen und bietet seinem Publikum ein ausgesuchtes Programm – immer mit dem Kampf um gute Filme und Verleihfirmen verbunden, die die kleinen Kinos leider immer mehr vernachlässigen bzw. mit Knebel-Verträgen ins Abseits bugsieren.
Die Eva-Lichtspiele wollen ein reiferes und gebildetes Publikum ansprechen. Feste Reihen sind Dokumentarfilme in der Sonntags-Matinee sowie die Reihe „Der alte deutsche Film“, die jeden Mittwoch einem begeisterten Fan-Publikum neben einem Stückchen Kuchen bekannte und unbekannte deutsche Vorkriegsfilme nahe bringt.
Roter Teppich in Wilmersdorf | Foto: Martin Schmidtner
Für den gestrigen Abend hat Schauspieler Sebastian Schipper die Patenschaft übernommen. Er fühle sich in diesem Kino immer „wie bei Oma zuhause“ beschrieb er seine Begeisterung für die Eva-Lichtspiele. Es sei einfach eine wunderbar nostalgische Atmosphäre hier – nicht abgenutzt und altmodisch, sondern gemütlich, freundlich und mit jenem Gefühl verbunden, das man als Kind hatte, wenn man Oma besuchen durfte!
Tatsächlich fühlen auch wir uns während des Films so, wie es vor einem halben Jahrhundert und früher bei einem Kinobesuch gewesen sein muss: gerammelt volle Reihen, gespannte Erwartung und während des Films immer einen ganzen Saal voller spür- und hörbarer Reaktionen.
Sebastian Schipper (li) | Foto: Martin Schmidtner
Die erste Kiez-Vorstellung des Abends war nicht ganz erwartungsgemäß verlaufen. Hanna Schygulla war mit ihrem Fassbinder-Film Die Ehe der Maria Braun, der in der Retrospektive der Berlinale lief, angekündigt gewesen. In letzter Minute entschied sich Frau Schygulla ganz undivenhaft, doch nicht zu kommen – das war doch eine herbe Enttäuschung, die zum Glück Hark Bohm als adäquater Ersatz gut wieder wettmachen konnte.
Der Film
In der zweiten Vorstellung gab es dann Die Fremde von Feo Aladag mit Sibel Kekilli in der Hauptrolle. Beginnen sollte es um 21:30 h, doch bereits vor 21:00 war bis auf die ersten 4 Reihen bereits jeder Sessel besetzt. Unter den Gästen auch die Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, Carola Bluhm, doch überwiegend waren es Besucher und Besucherinnen aus dem Kiez.
Sebastian Schipper, Serhad Can, Almila Bagriacik, Feo Aladag | © Martin Schmidtner
Die Regisseurin war gekommen, um ihren Film, der im Panorama der Festspiele lief, vorzustellen. Mitgebracht hatte sie ihre beiden sympathischen jungen Erstlings-Darsteller Almila Bagriacik und Serhad Can.
Die Fremde ist ein Drama über eine junge deutsche Türkin, Umay (große Klasse: Sibel Kekilli), die Kemal, einen Mann aus Istanbul, geheiratet hat. Doch die Ehe scheitert, denn Kemal misshandelt sowohl sie als auch den gemeinsamen kleinen Sohn. Umay verlässt Kemal heimlich und flieht mit ihrem Sohn zurück zu ihrer Familie nach Berlin.

Liebe und Grausamkeit zwischen Vater und Tochter: Settar Tanriögen und Sibel Kekilli
| © Berliner Filmfestspiele
Großartig werden uns die beiden Gesichter dieser Berliner Familie dargestellt: ein liebevoller und humorvoller Vater, eine beim Wiedersehen mit der Tochter überglückliche Mutter, die jüngere Schwester und der jüngere Bruder, die sie vermisst haben – alle sind zerrissen zwischen ihrer Liebe zu Umay und den traditionellen Familienwerten ihrer türkischen Heimat. Sie leben schon lange in Deutschland, sprechen die Sprache, wirken integriert, doch als von allen Seiten Druck auf sie ausgeübt wird, wenden sie sich von ihrer Tochter ab. Die Entscheidung über das Schicksal der Familie fällt schließlich in der fernen Türkei.
Umay wird zur Fremden in ihrer eigenen Familie, die sie über alles liebt und von der sie sich nicht völlig losreißen will.
110 der 118 Filmminuten sind absolut überzeugend, packend und erschütternd. Lange Zeit wird auf Filmmusik völlig verzichtet – stattdessen lebt der Film von seinen überzeugenden Darstellerinnen und Darstellern, von den Gefühlen, die in ihren Blicken liegen und von den Dingen, die zwischen ihnen ungesagt bleiben. Lediglich die Figur von Umays älterem Bruder Mehmet und dessen Charakter und Motivation blieben etwas zu stereotyp und abstrakt.
Leider enttäuscht das Finale des Films dann mit unnötiger Dramatik und unnötiger Begleitmusik. Weniger wäre an dieser Stelle mehr gewesen! Dennoch auf jeden Fall ein sehenswerter Film – am 11. März wird er in den Kinos anlaufen.

Zerissene Familie: Settar Tanriögen, Ufuk Bayraktar, Sibel Kekilli | © Berliner Filmfestspiele
Kollektives Durchschnaufen in den vollbesetzten Eva-Lichtspielen. Ein erfolgreicher Kinoabend nicht nur für die Regisseurin Feo Aladag, sondern eine gelungene Präsentation für engagiertes Kino! In die Eva-Lichtspiele werden wir gerne wieder gehen und von der Berlinale wünschen wir uns, dass es nicht bei diesem Jubiläums-Geschenk an das Publikum bleibt, sondern dass mit Berlinale Goes Kiez hoffentlich eine neue und dauerhafte Tradition ins Leben gerufen wurde!
Berlinale Goes Kiez - das schreit nach Fortsetzung! | Foto: Martin Schmidtner
Kinostart von Die Fremde: 11. März 2010
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