Über den Sinn eines begrenzten Masterzugangs Bachelor für den Pöbel - Master für die Elite?

von Raimund Kaiser - 03.06.2010
Die Einführung von Bachelor und Masterstudiengängen hat nicht nur die Studiengänge geteilt, sondern auch die Studierende: Die Mehrheit soll sich mit dem Bachelorabschluss zufrieden geben, während eine ausgewählte Elite auch noch ihr Studium mit einem Master beenden darf. Es ist nicht nur ungerecht und widerspricht dem sozialdemokratischen Gedanken nach einem freien Zugang zu Bildung - es ist auch Teil der Ökonomisierung der Bildung und bringt noch viele weitere Nachteile.

Die wesentliche Änderung im Studium durch die Bolognareform war die Aufsplittung der Diplom- und Magisterstudiengänge in einen Bachelor und einen Master. Grundsätzlich ist die Einführung eines ersten berufsqualifizierenden Abschluss, den man an einer Uni auch schon in 6 statt 10 Semestern erwerben kann, erst einmal positiv. Manche wollen den früheren Berufseinstieg, den einfacheren Wechsel des Hochschulstandortes, den Wechsel von FH-Bachelor zum Uni-Master oder die neuen Kombinationsmöglichkeiten durch Kombination von Bachelor und nicht-konsekutivem Master. Die Liste ließe sich noch länger fortsetzen.

 

Doch diese Vorteile waren nicht die Ziele der Ba/Ma-Einführung und so wundert es nicht, dass durch die schlechte Umsetzung vor allem neue Probleme geschaffen wurden und die möglichen Vorteile kaum verwirklicht werden konnten. Aus einer falschen Sparmentalität heraus, die Deutschland im OECD-Vergleich der Bildungsausgaben auf einen der letzten Plätze geführt hat1, wurde die Umstellung vor allem unter dem Aspekt der Verkürzung der Studienzeit und damit zur Reduzierung der Kosten betrieben. Somit wurde der Bachelor Regelabschluss; und der Master soll nur einer ausgewählten, scheinbar besseren und elitären Minderheit vorbehalten sein.

 

Dass der Bachelor nicht mit einem Diplom oder Magister gleichwertig sein kann, ist angesichts der vorgesehenen Studienzeit nur logisch. Somit sinkt für die Mehrzahl der Studierenden die Qualität ihres Abschlusses. Angesichts der immer noch ungewissen Akzeptanz des Bachelors auf dem Arbeitsmarkt und dem eigenen Wunsch nach einer möglichst besten Bildung, streben die meisten Studierenden einen der begrenzten Masterplätze an.

 

Durch die Hintertür hat damit aber auch im Bildungssystem eine Lehre Einzug gehalten, die den Wettbewerb zum Wohle aller heiligt. Zu selten hat man dabei aber hintergefragt, ob sich etwas, was anscheinend auf den Märkten der Wirtschaft bei bspw. Autos funktioniert2, einfach so auf die Bildung übertragen lässt. Bringt es den Studierenden wirklich Vorteile, wenn ihnen am ersten Tag des Studiums verkündet wird, dass nur die 30% besten Bachelorabsolventen in den Master zugelassen werden? Wer gewinnt, wenn am zweiten Tag schon das Hauen und Stechen gegen die eigenen KommilitonInnen beginnt und der Wettbewerbsgedanke das Handeln beeinflusst?

 

Dazu gilt es zu entscheiden, ob das Studium dazu da ist, dass man in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Creditpoints mit - vor allem im Vergleich zu den anderen, den GegnerInnen, - gute Noten holt. Oder soll es eher zu einem wissenschaftlichen und emanzipierten Arbeiten und Leben dem Humboldtschen Bildungsideal3 entsprechend befähigen?

 

Der ausgelobte Wettbewerb um die wenigen Masterplätze führt zu mehreren schwerwiegenden Nachteilen:

  • Da jede Note ab dem ersten Semester ohne Gnade die Zulassung zum Master beeinflusst, entsteht sofort ein riesiger Druck. Stures notenfixiertes Lernen wird zu Lasten dem vielbeschworenen „Blick über den Tellerrand“ gefordert4.Bemerkenswerterweise führt einen selbst die Betrachtung des Studiums als möglichst gute Berufsqualifikation5 zur Bemängelung des Wettbewerbscharakters. Eine große Mehrheit der ArbeitgeberInnen bevorzugt Studierende, die nicht nur stur dem Studienplan gefolgt sind, sondern auch darüber hinaus sich engagiert haben und wertvolle Erfahrungen gesammelt haben.

  • Statt Leistung steht vor allem Konformität mit den Anforderungen der Zulassungsordnung im Vordergrund. Damit werden gezielt diejenigen benachteiligt, die neben dem Studium noch jobben, eine Familie haben oder sich ehrenamtlich engagieren. Das trifft vor allem schon jetzt im Bildungssystem stark benachteilligte Gruppen wie Kinder von ArbeiterInnen oder MigrantInnen6.

  •  Der Ausschluss von Bildung wie durch die Zulassungsbeschränkung zum Masterstudiengang widerspricht eklatant dem Gedanken von Bildung als Möglichkeit zur „volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte).

 

Dies haben mittlerweile auch die Rektoren der TU9 (9 wichtigsten Technischen Unis in Deutschland, u.a. auch Stuttgart) zumindest teilweise erkannt und gehen deswegen den Weg zum Master als Regelabschluss7.

 

Im Bildungsstreik fordern wir diesen Weg entschieden weiter zu gehen, den Master zum Regelabschluss im gesamten universitären Bereich zu machen und Beschränkungen bei der Zulassung zum Master aufzuheben!

 

 

 

1http://www.zeit.de/gesellschaft/2009-09/oecd-studie-bildungsausgaben

2Und selbst hier kann man berechtigterweise hinterfragen, ob das funktioniert!

3http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal, Stand: 1.6.10; Ähnlich: Artikel 26.2 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

4Zur gestiegenen zeitlichen Belastung siehe auch die 19. Sozialerhebung des Dachverbands deutscher Studentenwerke: http://www.studentenwerke.de/main/default.asp?id=02401

5Und damit eigentlich voll und ganz der wirtschaftlichen Verwertungslogik folgend aus der heraus Selektion begründet wurde

6http://www.boeckler.de/32014_104488.html

7http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/89461/

 

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Bundesland: Baden-Württemberg  

Bachelor

Bild von Rolf Ullrich

Fragt sich natürlich, wie elitär jemand sein muss, um den Doktorgrad zu erwerben. Unter diesen Auspizien ist es schon fast egal, ob man drei oder vier Jahre für einen unterklassigen Abschluss aufwenden muss. Schließlich kann man auch in sechs Semestern jede Menge Bildung anhäufen. Wenn es mit den akademischen Weihen nicht klappt, dann lieber möglichst früh "tschüss"!

Das dargestellte Problem hat darüberhinaus noch einen anderen Aspekt. Wenn die Jobsuche mit dem Bachelor-Grad erfolgreich ist, ist gegen ein gestrafftes Studium nichts einzuwenden. Aber wo parkt man, wenn das Master-Aufbaustudium versperrt ist?

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