Man konnte eigentlich die Uhr danach stellen. Im Zuge der Kritik an den umstrittenen Äußerungen Thilo Sarrazins bekommt dieser nun prominente Schützenhilfe.
Ein Konglomerat, zusammengestellt aus Hans-Olaf Henkel, Ralph Giordano, Michael Wolffsohn und einigen aufgescheuchten Journalisten, welche nun ohne genauere Definition ebenfalls die „Mitte“ für sich einnehmen, tritt dem ehemaligen Berliner Finanzsenator mit einer derartigen Eloquenz an die Seite, dass es sich lohnt, aufzupassen.
Sarrazin habe es auf den Punkt gebracht und für einen überaus sinnvollen Diskurs das Feld bestellt. Die nun erfolgte Reaktion der Bundesbank sei populistisch, würde jedoch in gleicher Weise die Meinungsfreiheit gefährden. Und überhaupt, alle anderen Sichtweisen seien vom Gutmenschentum irrgeleitet, Steigbügelhalter einer falschen „Political Correctness“ und somit die Verursacher einer nicht zur Stande gekommenen Integration. Soso...
Mit welcher Legitimation proklamieren diese Menschen eigentlich „die Wahrheit“ für sich? Erstens: Wenn man es in ihrem Sinne weiterdenkt und ihre geliebte Polemik bedienen will, dann dürften selbst Katastrophen - egal welcher Art - einen produktiven Diskursboden erschaffen. Man denkt ja nach ihnen über Vermeidungsstrategien nach. Aber sind sie deswegen auch wünschenswert? Zweitens: Vertreter des kritisierten „Gutmenschentums“ täten gut daran, die Gegenfrage zu stellen, ob ihnen weniger der „Realist“ sondern mehr der „Misanthrop“ gegenübersteht. Drittens: Es ist auffällig, dass undifferenzierte Kritiken an der „Political Correctness“ und Forderungen nach einem sprachlichen Normbruch immer erst dann aufkommen, wenn es der spezifischen politischen Sichtweise nutzen dürfte.
Die harschen Negativreaktionen auf Sarrazins Interview bleiben trotz dieser Einwürfe richtig. Obwohl der Fingerzeig auf die Geschichte bisweilen nervig erscheinen mag, darf die persönliche Bewertung von Menschen hinsichtlich ihrer „produktiven Funktion“ auch 64 Jahre nach Kriegsende beunruhigen. Darüber hinaus bedienen die im Interview mit dem Lokalmagazin „Lettre International“ benutzten Metaphern wie „Kopftuchmädchen“ oder „Gemüsehandel-Araber“ ein stereotypes Schubladendenken im ziemlich hohen Maße. Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sind zwar zwei Paar Schuhe. Aber das Andere ist ohne das Eine nicht denkbar. Den Vorwurf, den man Sarrazin machen muss, ist, dass er es besser hätte wissen müssen.
Seine Partei kann nichts für die Verbalinjurien ihres Mitglieds. Sie tut gut daran, im Gesamtauftreten trotz Umfrage-Gegenwinds auch weiterhin nicht die Repräsentantin für derartiges In-Artikeln-Denken zu spielen („die Türken“, „die Unterschicht“). In der Sache heißt das: Integration besteht nicht nur aus einer „Bring-Schuld“, sondern ist ein fragiler beidseitiger Prozess. Desintegrationsverläufe sind nicht durch die Ethnie naturgegeben, sondern werden vor allem durch soziale Ungleichheiten begünstigt.
Polemik im Stile Sarrazins ist jedenfalls destruktiv. Eine Distanzierung war und ist unabdingbar.
(Siehe auch: Meinung von Alan Posener)
NACHTRAG (vom 24.11.2010): "Der Beitrag endstand bereits ein Jahr vor dem umstrittenen roten Buch des Thilo Sarrazin. Insofern stellte der damalige Titel aus heutiger Sicht sicherlich nur einen frommen Wunsch dar. Ansonsten wurde alles gesagt und geschrieben zu diesem Thema."
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