Wer übernimmt die Verantwortung für das Atommülldebakel? Asse, Kasse ohne Klasse

von Karl-Heinz Föste - 21.05.2009
Mit der Sprache ist das so eine Sache. Manchmal schafft sie Klarheit. Oft wird sie jedoch benutzt, um Nebelkerzen zu werfen, um zu verwirren, um einfache Sachverhalte scheinbar komplex und damit undurchschaubar zu machen. Anwälte sind Meister darin. Übertroffen werden sie nicht selten von Politikern und die wiederum um Längen von Pressesprechern von Firmen und Verbänden (bestes Beispiel sind die Verlautbarungen zu Benzinpreiserhöhungen vor Ferien und Feiertagen). Eine einfache dieser gern verkomplizierten Wahrheiten ist, dass Naturzerstörung und Naturvergiftung uns auf gar nicht mehr lange Sicht die Lebensgrundlage entziehen werden.

Solch eine Erkenntnis ist natürlich schwer mit gierigen Geschäften in Einklang zu bringen, die eben solche Risiken und Nebenwirkungen im Beipackzettel stehen haben. Klassische naturinkompatible Branchen sind die Chemie- und Energieindustrie. Chemieunternehmen mussten sich nach dem 'Kippen' diverser Bäche verbunden mit spektakulären Fischsterben etwas einfallen lassen, das weniger bemerkt wird. Und so begab man sich mit der Entsorgung von Säuren und anderen heiklen Chemieabfällen aufs Meer. Man sprach von 'Verklappung' statt von Verpestung oder gar Umweltzerstörung. 'Verklappung' klingt irgendwie technisch, durchdacht, sozusagen 'state of the art'. Pressesprecher verlautbarten nach dieser Umweltsauerei, 'Verklappung' sei Standard, gängige Methode und im Hinblick auf die Verdünnungswirkung im Meer vertretbar. Diese Nebelkerze hat zum Glück niemanden überzeugt und musste auf Druck der Öffentlichkeit eingestellt werden.

In der Asse und weiteren Atommülllagern wurden jahrelang Fässer mit leicht und mittelschwer strahlendem radioaktiven Abfall nicht fein säuberlich gestapelt und für die Ewigkeit versiegelt, sondern von Radladerschaufeln über Rampen mehrere Meter in die Tiefe gekippt. Es waren wohlgemerkt keine katastrophensicheren Castorbehälter - die wären ja auch zu teuer -, sondern einfache Metallfässer, die dabei nachweisbar beschädigt wurden und nun durch 'Zutrittswässer' (auch solch eine Nebelkerze) ihren Dreck ins Erdreich und wohl bald ins Grundwasser abgeben.

'Versturztechnik' wird diese Art des 'sorgsamen' Umgangs mit auf Jahrtausende hin gefährlichem Abfall genannt. Wieder solch ein terminus technicus, der einen tieferen Sinngehalt suggeriert, aber in Wahrheit nur das Wort 'Wegschmeißen' vernebeln soll. Zerlegt man dieses Wort in seine Bestandteile wird es völlig sinnleer, Ver-sturz-technik, völliger Nonsens, für sprachlich sensible Menschen ein Graus, allenfalls dazu gedacht, die Assoziation mit dem negativ besetzten Wort 'Sturz' abzumildern. Beim Stürzen verletzt man sich, geht etwas kaputt. Nicht so beim 'Verstürzen'?

Kein Grund indes für Frau Merkel als damalige Bundesumweltministerin, sich an dieser sprachlichen Perversion zu stören, oder gar diese haarsträubende Praxis zu verbieten. Die gelernte Physikerin sah keine Probleme darin, Atommüllfässer einfach in unterirdische Gruben abzukippen und das Elend dann mit dem gnädigen Mantel des Erdreichs zuzudecken. Sie gab 1997 das denkwürdige Statement ab, die Versturztechnik sei sicher, um Monika Griefahn – seinerzeit Umweltministerin in Niedersachsen – Steine in den Weg zu legen. Die nämlich hatte verfahrensrechtliche Bedenken ins Feld geführt, um diese Art der verantwortungslosen Entsorgung zu verhindern. Frau Merkel war damals weisungsbefugt und hat diese Befugnis genutzt, um den Weg frei zu machen, für die Billiglösung. Die Billiglösung löst sich indes nur wenige Jahre später in Zutrittswässern auf und wird fortgespült. Wohin? Im Zweifel ins Grundwasser. Die Entsorgung wird zur konkreten Besorgnis für die betroffenen Anwohner in Wolfenbüttel und Umgebung, und nicht nur dort!

Wer übernimmt nun die Verantwortung dafür? Die Verursacher? Die Politik? Frau Merkel, die als damalige Bundesumweltministerin und Physikerin anscheinend nicht wusste, dass Fässer bei einem Fall aus mehreren Metern Höhe nicht unversehrt bleiben können?

Nun setzt sich die CDU - beseelt von der Vorstellung, es sei endlich das richtige Umfeld für den Ausstieg aus dem Atomausstieg gekommen - für Atomkraft als 'saubere Energie' ein und will den Menschen weiß machen, man könne den hochgefährlichen radioaktiven Abfall in menschengemachten und von Menschen verwalteten Anlagen über Jahrtausende hinweg sicher aufbewahren, sicher vor Naturgewalten, vor Zutrittswässern, vor Terroristen oder gar vor Bürokraten und Technokraten - vor Sachverstand, der sich gegen raffgierige Billiglösungen behaupten soll, wenn es um viel Geld und billige Lösungen geht. Eine lächerliche Vorstellung. Eine unglaubliche Hybris, denn Halbwertszeiten von Atommüll dauern Jahrzehntausende, länger als unsere Kultur alt ist, länger jedenfalls als die Halbwertszeit von verantwortlicher Politik währt, wenn sie gegen die kurzzeitigen Vorteile giergeborener Profite bestehen soll.

P.S.: Frau Merkel hat den neuen/alten Bundespräsident direkt nach der Wahl vor laufender Kamera sehr gewürdigt und sogleich leutselig eingeschränkt, er sei allerdings für die Politik nicht immer bequem und bringe laufend 'neue Ideen auf, so wie gestern den Umweltschutz'... Manchmal erklärt sich vieles doch aus einem simplen Versprecher und Sprache schafft dann doch wieder Klarheit, wenn auch nur durch eine freud'sche Fehlleistung.

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