Die Bodenhaftung verloren
Die Bodenhaftung verloren
Liebe Antonia,
Deine Wut kann ich nur allzugut nachvollziehen, auch wenn Sie inhaltlich von der völlig anderen Seite kommt. Gestern habe ich - ebenfalls sehr verärgert - einen nicht ganz akzeptablen Kommentar zu unserer Juso-Bundesvorsitzenden abgegeben. Der steht nicht mehr, weil die Redaktion und ich dann doch entschieden haben, das Beste wäre es, wir nehmen ihn ganz ohne Verbesserungen wieder raus. Das ist nun nicht, was ich vorschlagen will. Aber:
Beim zweiten Lesen eines Textes, einen Tag später, geht einem manchmal auf, - bei mir war das gestern nacht jedenfalls so - dass nach der ersten Wut die NAchdenklichkeit wieder Platz ergreifen muss. Björns Artikel und Stil wirbt für eine Sache, die man nicht teilen muss - so wie ich die in meinen Augen unsinnige Bemerkung von Franziska Drohsel über den neuen Frktionsvorsitzenden nicht teile, ja als politischen Fehler bezeichne. Aber die Auseinandersetzung muss auf der Ebene der Argumentation erfolgen.
Die Anzahl der Suppenküchen in Deutschland ist dramatisch gestiegen, das weiß ich durch Bekanntschaft mit den Diakonischen Werken auch. Aber daran ist weder an sich Helmut Kohl und auch nicht Franz Müntefering oder Gerhard Schröder schuld. Gute Politik kann stets nur die Rahmenbedingungen schaffen, damit immer weniger solcher gesellschaftlichen Stützen, wie es die Suppenkirchen GottseiDank sind, benötigt werden. Alles andere überfordert Politik und überzogene Wünsche und Forderungen schaffen ein Bild von Politik in den Augen der Bevölkerung, das nur enttäuscht werden kann. Aber zur sozialdemokratischen BEwegung gehört doch noch mehr als Partei- und Regierungspolitik: wir sind Teil der Zivilgesellschaft, und hoffentlich ein aktiver. Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und Religionsgemeinschaften sind dies ebenso. Gesellschaft sind wir alle, nicht nur die Politik. Es liegt auch an uns, wenn diese Gesellschaft so ist, wie sie geworden ist. Und es liegt an jedem einzelnen von uns, seinen Beitrag zur Veränderung zu machen. Das sollten wir mit Selbstkritik und gemeinsam unternehmen, im Vertrauen darauf, dass andere "da oben" in Berlin und "da unten" vor Ort ähnliche Ziele verfolgen.
Mit solidarischen GRüßen
Christian
"Gute Politik kann stets nur die Rahmenbedingungen schaffen"
Demnach lässt sich "gute Politik" nur noch an der Höhe der Wahlniederlagen messen?
"Die Anzahl der Suppenküchen in Deutschland ist dramatisch gestiegen, das weiß ich durch Bekanntschaft mit den Diakonischen Werken auch."
Das wäre vielleicht noch ein Punkt, über den gerade die SPD mal nachdenken sollte. Es hilft nichts, wenn man "über Bekannte, die einen Armen auch durch Bekannte kennen" schreibt, man sollte das auch selbst erleben, dann zumindest weis man, was man schreibt.
Bei der ganzen Agenda-Politik müsste doch klar sein, das sie weder die richtigen Ansätze hatte, noch wirklich etwas zum Besseren bewegt hatte.
Die angebliche "Absenkung der Arbeitslosigkeit" beruht doch nur aus Statistische Tricks, wer in irgendeine Maßnahme kam, war nicht mehr drin, wer einen Ein-Euro-Job hatte, war auch nicht mehr in der Statistik, dazu der Ausbau des Niedriglohnsektors mit Löhnen, die man mit Alg 2 aufstocken muss und dann wurde diese "Agenda" als "Erfolg" verkauft, ohne wirklich zu sagen, was dahinter steckt.
Durch den Niedriglohn und auch Hartz IV, ebenso die geringen Steigerungen der Renten wurde doch nur eins vorangetrieben, den Binnenmarkt zu schädigen.
Ein Handwerker kann "nicht einfach mal so" seine Dienstleistungen im Ausland anbieten, ein Einkaufscenter auch nicht, sie sind nämlich auf das Geld der Kunden angewiesen, weniger Umsatz, weniger Steuern. Auch eine Senkung der Unternehmenssteuern hat nichts gebracht, denn der Umsatz stieg dadurch auch nicht.
Diese Kaufkraft wurde aber auch durch die Agenda und der von der SPD mit beschlossenen MwSt.-Erhöhung weiter verringert und dann wunderte man sich, das die Einnahmen zurück gingen. Man kann sich aber trotzdem alles schön reden.
Die Rente mit 67 war auch so ein Ding, während die "Alten" länger arbeiten sollten, mussten die Jüngeren länger warten, einen frei gewordenen Arbeitsplatz zu finden, wenn die nicht durch diese Ein-Euro-Jobs ersetzt wurden.
Ebenso mit den Senkungen der Arbeitslosenversicherung, wer keine Steuern aufgrund des zu niedrigen Einkommens zahlen muss, hatte davon nichts, wer am unteren Rand der Einkommensgruppen verdiente, hatte nur wenig und meistens wurde diese "Senkung" gleich wieder von der MwSt.-Erhöhung aufgefressen. Wer mehr verdiente, hatte dann etwas davon.
Was war daran "sozial"?
Gerade auch die SPD hatte jetzt genügend Zeit, etwas für die (normale) Bevölkerung zu tun, hat es aber nicht, eher das Gegenteil und deswegen wurde sie abgestraft.
Statt dessen nur ein "Weiter so und Basta" (?)
"... dass den Bürgern unsere Beweggründe für die Umsetzung der Agenda 2010 [...] nicht richtig erklärt worden sind."
BITTE?
Lebst Du irgendwo "eingebunkert", um nicht zu sehen, was mit der Agenda in Rekordzeit aus diesem Land, aus unserer Gesellschaft gemacht wurde (!?) - Eure Entrechtungs- und Armuts-Agenda ließ u. a. die Anzahl der Suppentafeln nach oben katapultieren - gegenüber H. Kohl-Zeit wurden sie gar "sozialdemokratisch" verNEUNfacht!!
Und dann schwadronierst auch Du noch immer vom "erklären", als ob selbst existenzielle Dinge nicht schön längst viele Menschen haben BEGREIFEN lassen!
Es ist wirklich nicht zu fassen ... selbst nach dem Wahlsonntag dergleichen lesen müssen ...
Ich bin zwar "nur" Wähler, aber ich möchte trotzdem meine Meinung dazu abgeben.
Die Erkenntnisse, die hier geschrieben wurden, sind zwar richtig, aber um Jahre zu spät.
Nach den ersten Wahlniederlagen, gab es weder ein Nachdenken über das Warum, noch eine richtige Analyse, nur ein "Weiter so".
Diese "Lüge" aus Hessen fand ich nicht mal so schlimm, denn wer etwas nachgeschlagen hätte, hätte auch nachlesen können, das Frau Merkel es 2005 auch so gemacht hat.
"Ich sage, es wird mit der SPD keine Koalition geben und dazu stehe ich".
Schlimmer fand ich, das auf meine Frage an die Bayern-SPD vor der letzten Landtagswahl nicht richtig geantwortet wurde. Ich fragte, wie die Bayern-SPD zu Ein-Euro-Jobs stand und das sie ja schon nachweislich Arbeitsplätze vernichteten und bekam als Antwort, das ein Mindestlohn nötig ist und das die SPD dafür kämpft. Soviel zur Arroganz.
Herrn Steinmeiers "Deutschland-Plan" war schon sehr durchsichtig, wenn man sich die anderen Programme ansah. Die Grünen wollten 1 Mio. Arbeitsplätze schaffen, die Linken 2 Mio und der "Deutschland-Plan" dann schließlich 4 Mio.. Es wurde nur verdoppelt, die Finanzierung, gerade auch was diese Jobs für die möglichen "Neu-Arbeitnehmer" an Löhnen erhalten würden, wurde bewusst ausgelassen.
Alleine schon das "Spitzen-Duo" Müntefering und Steinmeier waren für viele Wählerinnen und Wähler eher ein Grund, die SPD nicht zu wählen. Das hörte ich nicht nur in meinem Bekanntenkreis, sondern auch auf der Straße.
Da auch ich weis, das gerade dieses Duo für die "kleinen Leute" und besonders den Erwerbslosen mehr Nach- als Vorteile geschaffen hat, gab es auch für mich keinen Grund, die SPD zu wählen.
Am Glaubwürdigsten fand und finde ich noch immer Frau Drohsel, sowie die Herren Schreiner und Dreßler. Diese Personen vertreten meiner Meinung nach noch das S für Sozial in der SPD.
Gruß aus Bayern
Lieber Björn,
volle Zustimmung. Die Schwierigkeiten mit der Glaubwürdigkeit haben uns in den letzten Jahren viele Stimmen aus der Reihe der eigenen Sympathisanten gekostet. Weniger die notwendigen Agendareformen, als deren Kommunikation und der Umgang mit Kritikern in den eigenen Reihen waren da das Problem. Zudem die "alte Leier": die SPD zerfleischt sich stets lieber selbst, links gegen rechts et vice versa, da braucht es dann keine Opposition mehr...Und die Vorgänge in Hessen kann man keinem vernünftigen Menschen verständlich machen, außer reumütig einzugestehen: "Wir haben gelogen!"
Zudem:wenn man sieht, wie schon in den Jusos die Gremienarbeit meist als bloßes praktisches Übungsfeld jenseits des Studiums bspw. der Politikwissenschaften auf dem Weg hin zum Beruf des sog. Vollblutpolitikers mit 28 betrachtet wird, gleichzeitig andere junge Menschen, die neben Beruf und Familiengründung, im Rahmen Ihrer Möglichkeiten mitarbeiten wollen zu bloßen Vollzugsgehilfen gemacht werden, weil angeblich der Parteigeruch fehlt, dann wundert man sich kaum mehr, wie es um die Verjüngung in einer Volkspartei bestellt ist.
In diesem Sinne hoffe ich wirklich auf mehr kluge Leute wie Dich, das gilt nicht zuletzt angesichts so mancher ideologischen Führungskraft auch bei uns Jusos
Mit lieben GRüßen aus dem großen "Hansebruder"
Christian
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