Euro-Vision 2010 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Am Rande Europas? Litauen und die Türkei haben ihren Titel gewählt

von Martin Schmidtner - 05.03.2010
Langsam kommt die Sache ins Rollen: kurz vor dem ersten von zwei Super-Wahlwochenenden hat die Türkei ihren Beitrag zum Eurovision Song Contest bekannt gegeben und Litauen hat gewählt.

Die türkische Band maNga wurde ja bereits Ende letzten Jahres für den ESC in Oslo nominiert – vorgestern folgte dann die Präsentation des Titels – live und als Hauptnachricht im türkischen Fernsehen.

We Could Be The Same heißt der Song. Eine politische Aussage zur EU-Vollmitgliedschaft der Türkei, vorgetragen beim Eurovision Song Contest? – darüber ließe sich mit etwas Phantasie angesichts des Titels durchaus spekulieren.
Spekulationen, denen die Jungs von maNga auf einer Pressekonferenz auch noch neue Nahrung gaben: man habe sich für Englisch als Sprache entschieden, können wir bei esctoday nachlesen, damit der Titel auch überall verstanden würde, doch die Interpretation seiner Thematik würden sie gerne den Zuhörern überlassen.
Es geht in dem Liebeslied („For all this time I’ve been loving you, don’t even know your name”) um eine unmögliche Liebe, die große Differenzen überbrücken muss – egal was die Welt drumherum sagt,  der Sänger der Zeilen kann die Differenzen überbrücken, kann mehr lieben als „die anderen“ hassen können und für eine Nacht können die beiden Liebenden zusammen sein, auch wenn die Welt drumherum ihren Widerstand nicht aufgeben wird („We could be the same, no matter what they say“).

Es ist ein wunderschöner Text, der sofort begeistert – der Song selbst hat es da erst mal schwerer.
Ein Rock-Song mit orientalischem Klang- und Rhythmuseinfluss. Ich gebe zu – beim ersten Hören war ich enttäuscht, hatte mehr erwartet. Bands haben es sowieso schwer beim Song Contest, das bewiesen zuletzt die Lovebugs aus der Schweiz. Doch maNga haben immerhin eine europäische Fanbase. Gegründet im Jahr 2002 waren sie zunächst als Coverband unterwegs, bis sie 2004 ihren ersten Plattenvertrag bekamen. Im November 2009 erhielten sie in Berlin den MTV Music Award als Bester europäischer Act.

Der präsentierte Titel erschien mir zunächst etwas zahm, etwas sehr europäisch, aber er steigert sich mit jedem Hören. Das liegt vor allem an den Tempi-Wechseln zwischen Refrains und Strophen und am schönen Text, der vom 30jährigen Ferman Akgül rhythmisch mitreißend akzentuiert wird.

We could Be The Same ist mein erster Hinhörer und inzwischen Favorit in dem bisher frustrierenden Jahrgang.

Der zweite folgte dann gleich gestern Abend. Via Internet wurde das Finale des litauischen Vorentscheids übertragen. Am Ende lief es auf einen Richtungsstreit hinaus – ein Duell zwischen Aiste Pilvelyte, die schon gefühlte 20mal den zweiten Platz belegt hatte, und der Formation InCulto, die es 2006 auch schon einmal versucht hatten. Aistes Melancolia, eine klassische doch wenig überzeugende Grand-Prix-Ballade gegen modernes Musiktheater mit politischem Anspruch – sowohl bei Publikum als auch bei der Jury gewann InCulto mit EastEuropeanFunk.

Die Band mit dem provozierenden Namen (Die Kulturlosen!) macht seit 2003 zusammen Tanzmusik, die man gut und gerne mal eine Zeitlang als Hintergrundmusik von der Homepage der Band anhören kann!
Auf der Bühne sehen wir fünf nette, junggebliebene Männer in schicken Hosen, die mit viel Elan, Körper- und Stimmbandeinsatz das Publikum zum Mittanzen zu „so einer Art Ost-Europäischem Funk“ animieren:
"Get up and dance to our Eastern European kinda funk"

 

Funk ist ein Musikstil, bei dem Rhythmus oft stärker als Melodie gewichtet wird. Und es ist ein originär schwarzer Musikstil. Sehr passend adaptieren die Musiker aus Litauen diesen Stil und geben ihrem Auftritt den Touch von politischem Straßentheater –und tatsächlich birgt der Text des harmlos erscheinenden Liedchens eine große Ladung Sprengstoff:

Ihr solltet uns eine Chance geben, wir sind doch Opfer der Verhältnisse,
haben die Roten und zwei Weltkriege überlebt.
Ja, Sir, wir sind legal, auch wenn wir nicht ganz so legal wie Sie sind.
Nein, Sir, gleich sind wir nicht, auch wenn wir beide aus der EU sind,
wir bauen Ihre Häuser und waschen Ihr Geschirr,
halten Sie Ihre Hände ruhig weich und sauber,
aber eines Tages werden Sie erkennen, dass Osteuropa in Ihren Genen ist.
Steh auf und tanze mit mir……

Da müssen wir im Gegensatz zum türkischen Beitrag gar nicht überinterpretieren: der Grand Prix ist hier in Litauen mal wieder richtig politisch – ein rebellischer Beitrag vom Rande der EU - hoffentlich drängt nicht wieder irgendwer auf Ausschluss. Kein klassischer Chanson, aber ein Song, der absolut richtig am Platze ist beim Eurovision Song Contest – und endlich einer, dessen Rhythmus in die Beine geht!

 

Heute Abend geht es weiter mit den Vorentscheiden: in Irland findet das Finale statt und auch der französische Titel soll präsentiert werden, aber vor allem findet bei uns das Viertelfinale von Unser Star für Oslo statt.

Im Presseecho inzwischen schon als Speerspitze eines Kampfes der Kulturen erhoben, ist heute die ARD dran, zusätzlich zur Begeisterung auch die Quoten zu steigern. Als Gastjuroren werden Adel Tawil und Anke Engelke erwartet!

 

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