Da hat selbst Stefan Raab gestaunt, den vorwärts in seiner heutigen Pressekonferenz sitzen zu haben. „Vorwärts, ist das nicht diese äh SPD…Zeitung?“ wunderte er sich – dabei gibt es gar nichts zum Staunen und Wundern – natürlich sind wir dabei, wenn Stefan Raab „dem deutschen Volke“ auf dem Dach des Reichstages Hoffnung bringen will: Als „Trümmerfrauen des Eurovision Song Contests“ seien er und die Verantwortlichen bei der ARD dabei, aus dem in Deutschland darniederliegenden Gesangswettbewerb wieder „blühende Landschaften“ zu schaffen!
Wie bereits bekannt hatten sich ARD und Pro7 zum gemeinsamen Casting für den deutschen Vorentscheid zum ESC verabredet. Im Herbst fanden in Köln die Castings statt – aus etwa 4500 Casting-Box-Aufnahmen wurden 20 Kandidatinnen und Kandidaten ausgesucht, die bei
Unser Star für Oslo 2010 – kurz
USFO genannt – ums Ticket nach Norwegen konkurrieren.
Gesucht wurde laut Stefan Raab „Ernsthaftigkeit, Spaß an der Sache, fundiertes gesangliches Talent und ein Fünkchen Charisma“.
Vorgestellt wurden die KandidatInnen leider noch nicht – da bleibt uns die Spannung auf den 2. Februar. Dann nämlich gehen um 20:15 bei Pro7 die ersten 10 von ihnen ins Rennen, nur 5 von ihnen werden weiter dabei bleiben; dasselbe passiert dann eine Woche später noch einmal. Von den verbleibenden 10 Finalisten werden anschließend wöchentlich ein oder zwei die Show verlassen, bis im von der ARD übertragenen Finale am 12. März zwei von ihnen übrig bleiben. Dort wird vom TV-Publikum zunächst aus verschiedenen Songs ein Lied für Oslo ausgewählt und anschließend aus den beiden Finalisten der „Star für Oslo“ gekürt.
Das Ganze orientiert sich ganz an den beiden Vorläufern SSDSGPS und SSDSDSSWEMUGABRTLAD, die 2004 Max Mutzke und 2008 Stefanie Heinzmann hervorgebracht hatten – mit einem kleinen Unterschied: Die Sendungen liefen damals bei Pro7 in der TV-Total-Schiene nach 22 Uhr – diesmal kommt es zur Prime-Time um 20:15h. „Wir werden da nicht verhindern können, dass auch der eine oder andere Dumme anrufen wird“ spottet Raab, eventuell könnte das Ergebnis ein wenig „mainstreamiger“ werden als bei den Vorgängern.
Max Mutzke: Can't Wait Until Tonight
(Foto: mIt zittrigen Händen bei der Stimme: Martin Schmidtner)
Moderiert werden die Sendungen von Matthias Opdenhövel von Pro7 und Sabine Heinrich von 1Live, dem Jugendsender des WDR-Hörfunks.
Stefan Raab begleitet alle Sendungen als Kopf der Jury, flankiert von jeweils zwei Größen der deutschen Musikszene: Xavier Naidoo, Sasha, Jan Delay, Peter Maffay, Marius Müller-Westernhagen, Adel Tawil (Ich+Ich), Barbara Schöneberger, Sarah Connor, Yvonne Catterfeld, Cassandra Steen, Rea Garvey, Joy Denalane und Stefanie Kloß von Silbermond. Sie alle haben aber nichts zu entscheiden, sondern geben nur eine Bewertung im Studio ab – alles Weitere entscheidet das Televoting.
Das war es wohl auch, was Stefan Raab, Pro7 und die
ARD mit der Pressekonferenz im Feinschmecker-Restaurant auf dem Reichstag deutlich machen wollten: alle sind dabei, alle ziehen an einem Strang und Deutschland soll wieder vom Eurovision Song Contest fasziniert und emotionalisiert werden.
Fast schon ein wenig pflichtschuldig durften dann zu Häppchen von „Biogemüse in Aspik“ und dem einen und anderen Gläschen Sekt auch dem Ort angemessene symbolträchtige national-martialische Sprüche nicht fehlen. Volker Herres, ARD-Programm-Direktor, berief sich bei der Verteidigung seiner Zusammenarbeit mit dem Privatsender Pro7 auf Wilhelm II.: „Dann kenne ich keine Konkurrenten mehr, dann kenne ich nur noch Deutsche“, aber dank Stefan Raabs Talent zur Ironie blieb das Spiel mit den nationalen Symbolen knapp diesseits der Geschmacksgrenze.
Und wenn es dann um die Musik und die Sängerinnen und Sänger geht, dann ist Raab in seinem Element. Dass er nämlich an Musik interessiert ist, nimmt man ihm ab. Kandidaten sollen bei ihm nicht verspottet oder in ein unpassendes musikalisches Korsett gezwängt werden. „Wir lassen jeden Kandidaten seinen Stil singen“ ist sein Motto, mit dem er bisher großen Erfolg hatte. Max Mutzke und Stefanie Heinzmann haben seit ihrem Sieg anhaltenden Erfolg und das Format der Bundesvision Song Contests (der in diesem Jahr auf den Herbst verlegt wurde) hat Raab beharrlich ausgebaut und zum Erfolg geführt. Dann noch Turmspringen, Wok-WM und Schlag den Raab – was Raab anfasst wird zu Gold, könnte man meinen.
Hoffen wir, dass es ihm auch diesmal gelingt. „Ein Platz unter den ersten 10 wäre klasse“ gibt er als Ziel vor, aber vor allem komme es ihm darauf an, in Deutschland selbst eine Leidenschaft zu entfachen – dann sei das Ergebnis in Oslo eigentlich egal.
So richtig planen kann er dies ja auch nicht. Er glaube, dass der Song für Oslo eher „mutzkig als hornig“ werde (unter dem Namen Alf Igel war Stefan Raab schließlich auch für Guildo Horns Beitrag 1998 verantwortlich), eventuell etwas mehr Mainstream als Stefanie Heinzmann, aber wissen kann er dies alles nicht, denn das Publikum entscheidet und ob er selbst einen möglichen Titel als Komponist und Autor beisteuern wolle, ließ er noch offen. Er habe ja schon die Titelmusik zu USFO geschrieben – das wäre für dieses Halbjahr doch genug, stapelt er etwas tief.
Neben den kulinarischen und musikalischen Häppchen – Max Mutzke sang natürlich Can't Wait Until Tonight - gingen wir mit dem schönen Gefühl, dass hier auf dem Dach des Bundestages tatsächlich ein Hauch von Euphorie und Begeisterung wehte. Der Rest liegt bei den Kandidaten und Kandidatinnen.
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