„Das ist so verdammt krass, so derbe, ich zittere…ganz schön fett, so fett“ diese Sprache steht für Lena Meyer-Landrut und so kommentierte sie ihren Sieg am Freitag Abend – mit brüchiger Stimme, noch unentschlossen, ob sie nun glücklich über den Sieg oder unglücklich darüber sein soll, dass das Publikum nicht den Song gewählt hatte, den sie zusammen mit Stefan Raab geschrieben hatte.
Doch seit ihrem Sieg vorgestern führt Lena alle deutschen Download-Charts an – mit allen drei Liedern. Das ist grandios und ein Sieg, der endlich mal wieder das von Stefan Raab im Vorfeld gewünschte „Wir-Gefühl“ für den Song Contest in Oslo stärken könnte. Herzlichen Glückwunsch, Lena Meyer-Landrut!
Ein paar Stündchen sind seitdem vergangen – Zeit für einen kurzen Rückblick und ein erstes Resumee.
Das Finale:
Erstmalig sahen wir Unser Star für Oslo nicht am Fernseher, sondern wollten bei der Vorentscheidung natürlich live mit im Studio dabei sein!
Das Studio
Natürlich hatten wir schon mal eine Vorentscheidung mitgemacht, aber das war diesmal etwas anderes. Als Saalpublikum, das natürlich keine Mobiltelefone benutzen durfte, waren wir nicht diejenigen, die durch das Geschehen auf der Bühne erreicht werden sollten, sondern gehörten zur Fernsehproduktion wie die Scheinwerfer und die laut brummende Belüftungsanlage – kein Stimmvieh, sondern lebende Applaus-Maschinerie.

USFO-Studio in Köln-Mülheim, Freitag, 17:15h
Am Eingang gab es zwar noch keinen Nacktscanner, aber nächstes Jahr werden die Verantwortlichen der Produktionsfirma Brainpool den wahrscheinlich auch einführen – lediglich den Geldbeutel durfte man mit ins Studio nehmen – alles andere musste raus aus den Taschen, ob Lippenstift oder Hustenbonbon-Döschen – es könnte ja geschmissen werden!
„Spätestens“ um 18 Uhr sollten wir uns einfinden – da kommt man natürlich eine halbe Stunde vorher, doch dann hieß es warten – eingepfercht in einer Vorhalle, nahezu ohne Sitzmöglichkeiten. Die einzige Abwechslung waren das Ausfüllen eines Zettels, mit dem man gewissermaßen alle persönlichen Rechte an die Veranstalter abgibt und ein paar kurze Worte mit Christian Durstewitz, der sich ebenso wie alle anderen durch die Massen drängeln musste, um an seine Gästekarten zu kommen. Nach zwei Stunden war Einlass für unsere Kartenkategorie. Drinnen dann noch kurz von einem Platzanweiser angepflaumt, weil man ihn akustisch nicht sofort verstanden hatte – doch dann konnte es losgehen mit der guten Laune – wir üben Applaus („auch die mit Abitur bitte“), erfreuen uns an einem typischen Privat-TV-Animateur und um 20 Uhr kommt Meister Raab auf die Bühne und singt mit den Heavytones ein paar Liedchen. Da stieg die Laune dann langsam wieder und außerdem waren wir doch eh viel zu aufgeregt, um uns wirklich ärgern zu lassen.
Schön in unserem Blickfeld sitzen die Ex-Kandidatinnen und Kandidaten, die fast alle gekommen waren und deren Reaktionen während der Show wir gut beobachten konnten.
„Meine Damen und Herren, hier ist das erste deutsche Fernsehen…“ – auf diesen Satz hatte Stefan Raab sich lange gefreut.
Die Songs
Jennifer startet mit dem ersten Lied - Bee. Das war noch ein wenig Warm-Up und passte einen Tick besser zu Lena, erschien uns aber noch kein wirklicher Hit zu werden.
Beim zweiten Lied – Satellite, geschrieben von Julie Frost und John Gordan – dann etwas Befremden darüber, dass weiterhin Jennifer starten muss und Lena die Chance bekommt, es schneller und flotter vorzutragen.
So richtig glücklich machte es uns da auch noch nicht – wir hofften noch sehr, dass der dritte Song, den sich die beiden Kandidatinnen selbst aussuchen durften und der ihnen auf den Leib geschneidert sein sollte, der große Renner werden würde.

Gut aufgeholt: Jennifer Braun | © USFO/Pro Sieben
Dann fetzte Jennifer ihr I Care for You und es war klar – das war ihr Lied! Gestört hat mich persönlich nur, dass es mir am Ende zu laut vorkam – bei I Care For You habe ich etwas ruhigere und sanftere Töne im Kopf, Aber Jennifer hat es mit großer Leidenschaft vorgetragen – dass es zu ihrem Song werden würde, war klar. Beteiligt an dem Song, so konnten wir nach dem Finale erfahren, war Max Mutzke!
Riesige Spannung also vor Lenas drittem Lied: würde Love Me unser Lied für Oslo werden? Nein, einer kleinen Mehrheit im Studio und einer ebenso kleinen Mehrheit an den Telefonen hat es nicht so gut gefallen. Eigentlich war deutlich zu merken, dass Lena dieses Lied wollte und auch Stefan Raab weigerte sich anschließend beim Jurystatement so beharrlich, etwas zu Lenas Songwahl zu sagen, dass eigentlich klar war, dass er persönlich bei diesem Lied seine Hände mit im Spiel hatte. Er hatte es zusammen mit Lena Meyer-Landrut geschrieben, war nach der Show zu erfahren. Schön, dass beide so fair waren, dies nicht mit in die Waagschale zu schmeißen, sondern das Publikum alleine entscheiden zu lassen.
Im Saal hatten wir den Eindruck, dass gezielt für Satellite geklatscht wurde – Lenas Gesicht wurde da ein wenig lang – und auch später entschied das Televoting zugunsten Satellites, was erst mal bei Lena nicht zu einem Freudensturm, sondern zu einem traurigen Blick in Richtung Stefan Raab führte. Doch Satellite ist die bessere Wahl für Oslo, finden auch wir – Love Me war im Refrain live wirklich einen Tick zu unsauber gesungen, zu unruhig und fürs große Publikum vermutlich etwas zu jazzig und es blieb nach dem erstmaligen Hören nicht wirklich haften. (Auch in den Download-Charts liegt es momentan hinter Satellite und hinter Bee)
Schade fanden wir, dass es in Lenas Repertoire kein ruhiges und nachdenkliches Lied gab. Mr Curiosity war ihre allerbeste Darbietung während des ganzen Castings – diese Facette hätten wir gerne noch zur Auswahl gehabt!
Die Entscheidung
Doch die Entscheidung ist gefallen. Lena hat erwartungsgemäß den Sieg geholt. Obwohl Jennifer Braun großartig aufholen konnte, fehlte ihr doch eben genau die Ausstrahlung und Einzigartigkeit ihrer Gegenkandidatin.
Wir hoffen, dass Lena Meyer-Landrut sich inzwischen auch mit ihrem Siegerlied so anfreunden kann, dass sie es in zwei Monaten in Oslo ebenso frisch und überzeugend wie bei ihrer Performance der ersten Runde abrufen kann – und nicht so unwillig wie im zweiten Durchgang, bzw. bei der abschließenden Performance am Ende der Show! Bei dieser dritten Performance hatten wir etwas Angst bekommen, ob Lenas Nerven dem ESC dann auch wirklich gewachsen sind – doch es war sicher der anfänglichen Enttäuschung über das Televoting zugunsten Satellites und der Erschöpfung nach den anstrengenden Tagen geschuldet.
Ein Siegertitel für Oslo wird es sicher nicht werden, aber es wird nicht auf den hinteren Plätzen landen. Sicher wird es in einigen Ländern gar nicht ankommen, aber vor allem bei den Jurys dürfte es nicht leer ausgehen. Außerdem war es nicht die Zielsetzung für dieses Jahr, den Sieg zu holen, sondern – so hatte Stefan Raab die "nationale Aufgabe" bei der Pressekonferenz Ende Januar im Reichstag formuliert – ein Lied und eine Künstlerin zu finden, mit der sich das Publikum hier in Deutschland identifizieren kann und auf die wir stolz sind.

Unser Star für Oslo. Lena Meyer-Landrut | Foto: USFO/Pro Sieben
Ein Lied für Oslo?
Und immerhin konnte Lena bereits in der allerersten Casting-Show eine riesige Fangemeinde aufbauen, die von ihrer Art der interpretierenden und darstellenden Performance angetan war, ohne sie überhaupt zu kennen – warum sollte es solche Menschen nicht auch Ende Mai in ganz Europa geben?!
Natürlich polarisiert sie auch stark – wie vor Jahren bei Guildo Horn und bei Stefan Raab gibt es in den einschlägigen Fan-Foren auch bittere Gegenstimmen zu ihrer Wahl. Sie könne kein Englisch, könne überhaupt gar nicht singen und sei so doof zu denken, Oslo liege in Finnland (was daran liegen könnte, dass einige den Ausspruch „Alter Finne“ als etymologische Abwandlung zu Alter Schwede nicht kennen). 58 Mitglieder haben sich der Facebook-Gruppe „Lena Meyer-Landrut fährt für uns nach Oslo... ich wandere aus!“ angeschlossen – das ist nicht wirklich viel und soll Lena nicht stören - mehr als 26.000 Mitglieder hat dort ihre Fan-Site. Insgesamt erntet sie auch mehr Unterstützung als Ablehnung in den ESC-Fan-Kreisen und auch aus dem Ausland gibt es sowohl positive wie negative Reaktionen.
Wir freuen uns auf jeden Fall, nach zwei Jahren der Scham wieder auf den eigenen Titel beim ESC stolz sein zu können und hoffen, dass Lena in Oslo, wenige Tage nach ihrem 19.Geburtstag, den Spaß bei der Sache weiterhin so ansteckend transportieren kann:
Während Lena Meyer-Landrut nach Sendung und Pressekonferenz nicht feiern durfte, sondern gleich zum Videodreh musste, ließen wir den Abend bei einer After-Show-Party des ECG-Fanclubs ausklingen. Tanzen ausschließlich zu Titeln des Eurovison Song Contests – das sollte jeder und jede mal mitgemacht haben!
Insofern scheint die Rechnung für Unser Star für Oslo aufgegangen zu sein. Keine Spitzenquoten, aber hohe Marktanteile beim jugendlichen Publikum – und eine Künstlerin, die vom Publikum anerkannt und unterstützt wird.
Wir hoffen, dass das Modell beibehalten wird, hätten nurt ein paar wenige Änderungsvorschläge:
Das Modell USFO
1) Die Castings könnten etwas eher beginnen im nächsten Jahr, die Shows ebenso. Es ist nicht nötig, in den letzten beiden Wochen zwei Mal wöchentlich zu senden und die Kandidaten und Kandidatinnen des Finales bräuchten sicher etwas mehr Zeit, sich aufs Finale vorzubereiten.
2) Die Finalshow sollte unbedingt raus aus dem Studio in ein echtes Theater oder eine Halle. Dank Weitwinkeltechnik wirkte das Studio im TV zwar groß und imposant – in Wirklichkeit war es ein Wohnzimmer, die Heimat der Kandidatinnen für die letzten 6 Wochen. Als Vorbereitung auf den ESC und als Test für die Nerven der Finalteilnehmerinnen wäre ein solcher Ortswechsel sicher hilfreich. Und auch das Publikum würde einen Vorentscheid richtig miterleben und müsste sich hinterher nicht die Fernsehaufzeichnung ansehen!
3) Noch vor kurzem dachten wir, es wäre schön gewesen, die Finalsongs etwas eher zu kennen – dies würden wir jetzt nicht mehr unterschreiben. Denn die Wirkung des Liedes beim Song Contest ist für die allermeisten Fernsehzuschauer europaweit eben auch nur von einem einzigen Auftritt abhängig. Da ist es gut, dass auch beim Vorentscheid die allererste Wirkung eines Liedes getestet wird.
4) Dessen ungeachtet gibt es europaweit viele Fans, die bereits vorab auch die Vorentscheidungen anderer Länder beobachten. Aus allen anderen Teilnehmerländern ist es üblich, dass kurz nach der Bekanntgabe des Siegertitels ein Video auf Youtube zu finden ist. Da macht es keinen Sinn, dass die Produktionsfirma Brainpool seit Freitagnacht alle Videos auf Youtube löschen lässt – wegen Urheberrechtsverletzung! Selbst rechtlich ist dies zweifelhaft, denn die Sendung lief in der ARD und wurde damit bereits von uns allen durch Rundfunkgebühren bezahlt. Warum sollen wir uns jetzt immer noch Werbung ansehen, um das Lied ausschließlich auf der USFO-Homepage sehen zu können? So ein deutscher Sonderweg ist peinlich
5) Generell halten wir es für überflüssig, sich ständig von den anderen abgrenzen zu wollen. Da wird alljährlich über zu wenige Punkte aus dem Ausland geklagt, wird gejammert, dass man uns Deutsche dort nicht möge und unseren Musikgeschmack nicht verstehen würde – und dann erfolgt der Blick auf die anderen Länder in einem Trailer der Finalshow ausschließlich unter dem Aspekt: Wie komisch sind die denn? Was für blöde Klamotten tragen die denn?
Der Reiz der Song Contestes liegt eben daran, auch andere musikalische Sitten und Geschmäcker kennenzulernen, auch wenn einem manches komisch vorkommt. Bestimmt werden im Ausland auch manche unsere Lena komisch finden – Arroganz steht jedoch niemandem gut. Und wenn man ernsthaft mitmachen will beim Eurovision Song Contest sollte man sich nicht immer überheblich abgrenzen. Und ein Blick auf die Nachbarschaft hätte auch Stefan Raab gezeigt, dass die Ukraine eben diesmal ganz anders agiert als in den Vorjahren!
Ansonsten bitte weiter so im nächsten Jahr!
Die weiteren Entscheidungen dieses Wochenendes werden wir in Kürze vorstellen!
Alle bisherigen Beiträge unseres Blogs finden sich über den Link: ESC-Blogs
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