In beiden Fällen diente der Missbrauch Schwächerer nicht der sexuellen Befriedigung, sondern der Machtdemonstration durch Unterdrückung und Demütigung. Doch während an den Schulen immer wieder Betreuer und Lehrer in die Vorfälle verwickelt waren, sind bei den jüngst aufgedeckten Missbräuchen auf Ameland Jugendliche die Täter
Hierarchie der Starken
Jungs vergingen sich an Jungs, wobei sie ihr aus dem Internet entzogenes Halbwissen über Fisting – gemeint ist damit das vaginale oder anale Einführen von Finger, Hand oder Faust – anwendeten. In einem Gemeinschaftsschlafsaal kristallisierte sich eine Hierarchie der Starken heraus, die sich regelmäßig an Jüngeren vergriffen, ihnen Flaschen und Besenstiele rektal einführten und dabei von den Betreuern unbeobachtet blieben.
Gelegentliche Andeutungen der Opfer und Zeugen gegenüber dem Camppersonal stießen auf Gutgläubigkeit und Unwissen: Niemand ahnte so recht, was es denn mit dem Fisting so auf sich habe – man hielt es für einen Szenebegriff der Jugendlichen und ging der Sache nicht weiter nach. Wer konnte auch vermuten, dass es derart perverse Übergriffe in einem Ferienlager geben würde?
Empathie ausgeschalten
Die Vorfälle von Ameland richten wieder einmal den Fokus auf den richtigen Umgang mit Jugendlichen. Nicht nur deren soziale Gruppierungen in Gangs und Cliquen machen es Erwachsenen seit jeher schwer, den Zugang zu ihnen zu finden. Auch das Internet bietet eine unendliche Fülle an Möglichkeiten, sich dem Zugriff der Eltern, der Lehrer und Betreuer zu entziehen.
Online werden Jugendliche mit einer Welt konfrontiert, die sie nicht immer verstehen, die aber anonym und distanziert genug ist, um Empathie und moralische Bedenken auszuschalten. Killerspiele, Pornografie und Spionage über Kameras sind nur einige mögliche Wege des world wide webs in die Gefühlsleere. So bezeichneten sich die Täter von Ameland im Chat als „Analindianer auf der Fist-Prärie“ und zeigten sich wesentlich stärker betroffen von den polizeilichen Verhören gegen sie als von den Opferberichten. So hart sei das doch alles gar nicht gewesen, wie es anschließend in der Zeitung stand, heißt es da.
Richtiger Umgang mit neuen Medien
Und schon steigt wieder das Bild von einer neuen Generation von Jugendlichen auf, von Jugendlichen, die im Alltag verschlossen, unkommunikativ und eigenbrötlerisch wirken, die nur in den Weiten des Internets wirklich aufleben und dort durch unreflektierte Erlebnisse Gedanken entwickeln, die sich in plötzlichen Horrorszenarien entladen. Angesichts dieser überspitzten Darstellung liegt die Erinnerung an den Amokläufer von Winnenden auf der Hand, und die Frage, wie mit solchen Jugendlichen umzugehen ist.
Nach Antworten wird händeringend gesucht. Sicher ist, dass nicht alle Teenager im Sinne eines gewaltigen und unüberwindlichen Generationskonfliktes über einen Kamm zu scheren sind. Sicher ist auch, dass die Schuld nicht allein auf das namenlose Internet abzuwälzen ist, denn nicht über eine Zugangsbeschränkung zum Netz sollte nachgedacht werden – wer möchte das schon kontrollieren können? –, sondern vielmehr über das Erlernen des richtigen Umgangs mit den neuen Medien. Dies gehört in vielen Schulen schon zum Lehrplan, doch durchgängig zu greifen scheint dieses Konzept bislang nicht.
Kollektives Versagen des Umfeldes
Beachtet sollte aber auch, welchen Zweck das Internet für viele Jugendlichen hat. Oft dient es zwar nicht unbedingt gleich als Ersatz für Freunde oder familiäre Nähe, aber allzu häufig werden Themen, die im Internet aufgeschnappt werden, nicht auswertend besprochen. Die Betreffenden werden weder moralisch gefestigt, noch werden Veränderungen an ihnen wahrgenommen – das soziale Umfeld der Heranwachsenden versagt kollektiv.
Worin liegt die Ursache hierfür? Sind Schulklassen zu überfüllt, als dass der Lehrer jeden Schüler einzeln einschätzen kann? Sind Elternhäuser überfordert? Sind Jugendliche zu wenig in Vereine und Verbände eingebunden, um intensive Freundschaften aufzubauen? Es spielen wohl all diese Faktoren und einige weitere zusammen. Das Ergebnis ist bekannt: Immer wieder werden Jugendliche zu alleingelassenen und somit schuldlosen Tätern.
Während noch nicht einmal eine abschließende Antwort auf die Frage der Prävention von Jugendgewalt gefunden wurde, steht die Gesellschaft schon vor dem nächsten Problem: Wie umgehen mit straffälligen Jugendlichen? Die harte Tour im Sinne eines amerikanischen Bootcamps führt gewiss ins soziale Abseits. Doch von einer umfassenden Umstrukturierung des Jugendrechts hin zu einer psychologischen Auswertung des Geschehenen zur Einsichtsförderung ist der deutsche Rechtsstaat noch weit entfernt. Die Einsicht, dass jugendliche Täter auch vernachlässigte Opfer sein können, ist noch nicht überall gereift, und so bleiben wir bei einem unbequemen, aber wegschauerischen Status quo.



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