Euro-Vision 2010 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner 1+4 oder Blond am Samstag: Alle Eurovisions-Vorentscheidungen des Wochenendes

von Marc Schulte - 15.03.2010
Während in Deutschland zum USFO-Finale die Telefone heißliefen, gab es auch in anderen Ländern wunde Finger, denn auch hier standen die Finalentscheidungen auf dem Programm: am Freitag Estland, Großbritannien und Griechenland, am Samstag Serbien und Schweden und am Sonntag die Präsentation des Beitrags aus Bosnien-Herzegowina:

Am Freitag lautete das Erfolgsrezept: 1 + 4 Ein Mann und 4 weitere Personen auf der Bühne:

Estland

In Estland gewann ein Nachzügler, ein Ersatzmann gewissermaßen für einen Titel, der bereits vor dem 1. Oktober öffentlich zugänglich war und damit ausschied. Denn dies verstößt gegen die Regularien des ESCs. Im Finale am Freitag setzte sich Malcolm Lincoln, eigentlich  Robin Juhkental, mit seinem Lied Siren durch – den Sirenengesang als Begleitung liefert die Gruppe Manpower 4.
Malcolm hört eine Sirene in seinem Kopf, die ihm klar macht, dass es allerhöchste Zeit ist, sein Leben in den Griff zu bekommen. Dies verlief bisher ohne Höhepunkte, er hat mit dem Griff nach den Sternen schon Jahre vergeudet – doch dieser Lähmung will er entfliehen: Dann verlässt auch das Lied die „Lähmung“, wird schneller und rhythmischer, fast schon beschwörend und Malcolm fleht um Zeit, Stärke und Hoffnung, um alles zu überstehen.

Ende Mai bei Sonnenschein in Oslo könnte es dieser schwermütige Beitrag vielleicht ein wenig schwerer als im Winter haben, aber die Performance – anscheinend eine estnische Spezialität - ist wieder einmal sehr packend und eventuell findet Malcolm ja in Lena Meyer-Landrut eine Seelenverwandte.

 

Großbritannien

Mit 19 Jahren startet Josh Dubovie, ein Sänger aus Essex, für das Vereinigte Königreich. Auch er musste im Finale, ähnlich wie in Deutschland, zwei Runden  überstehen. Aus sechs Sängerinnen und Sängern wählte eine Jury drei aus, die dann mit dem Titel That sounds good to me gegeneinander antraten. Der Titel stammt aus der Feder von Pete Waterman und Mike Stock, die zusammen mit Matt Aitken die Popmusik der 80er Jahre maßgeblich geprägt hatten.
Eine Konkurrentin hatte einen Texthänger, doch Mitleid gab es nicht und so geht es für Josh, der mit 15 Jahren in einer Schulaufführung von Les Miserables mitsang und seitdem versucht, im Musikbusiness Fuß zu fassen, nach Oslo, begleitet von vier Frauen, die nicht so recht ins Bühnenbild und zu Josh passen wollen.
Das Lied selber ist ein Gute-Laune-ich-fühl-mich-gut-Lied, das an einem vorbei plätschert, das ideale Lied, um vor dem Fernsehen eine kurze Pause einzulegen.

 

Griechenland

Auch Griechenland wählte einen Mann – Giorgios Alkaios, allerdings wieder wie bei Estland, mit vier Männern, deren Hauptaufgabe hier allerdings das Tanzen ist.  Der 38 jähriger Sänger ist seit 1989 ein Begriff in Griechenland, als er durch eine Casting-Show berühmt wurde.
Der Titel lautet Opa (sprich: Hoppa!) und Opa ist eben ein fröhliches appellatives Wort, mit dem zum Ausdruck kommen soll, dass es jetzt wichtig ist, gerade in einer Zeit der Schwierigkeiten, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und trotz allem wieder neu anzufangen.

 

Als erste Sparmaßnahme hat Alkaios ein Opa gespart, denn im Jahre 1999 schrieb er für das schwedisch-griechische Duo Antique den Titel Opa Opa. Antique wiederum trat 2001 für Griechenland beim ESC in Kopenhagen mit dem Titel I Would Die for you an.
Da hat sich das Publikum mal wieder für den Sound entschieden, der seit Jahren für Griechenland steht und beschert uns das Gefühl, alles schon mal gesehen und gehört zu haben.

 

Am Samstag gesellten sich die Beiträge aus Schweden und Serbien hinzu. Das Motto des Abends: Blond!
 

Schweden

Anne Bergendahl, 18 Jahre alt, dem schwedischen Publikum durch ihren fünften Platz bei der lokalen Pop-Idol-Variante Idol 2008 bekannt, gewann fast schon erwartungsgemäß die schwedische Vorentscheidung. Denn ihre ruhige Pop-Ballade This is my life steht seit Anfang März in den schwedischen Charts auf Platz 1. 
Ich will nicht rennen, ich will nicht kämpfen, ich will mich nicht verstecken, ich will einfach frei sein, so zu sein, wie bin, denn es ist mein Leben, mein Freund, und ich kann niemand anderes sein.

Noch ist für uns nicht geklärt, wer Anne Bergendahl nach einer Minute auf der Bühne die Gitarre stiehlt, doch die Sängerin scheint es nicht zu stören und sie singt fröhlich gelöst weiter. Das wunderbare Kleid wird ergänzt durch rote Turnschuhe.

Bei den Jurys lag Anne Bergendahl übrigens nur auf Platz 2, Platz 1 gewann Salem Al Fakir, 28 Jahre,  der mit dem Lied Keep on Walking aber vom Publikum lediglich auf Platz 3 platziert wurde.

Wer übrigens noch keine Vorstellung davon hat, was der ESC in Skandinavien bedeutet, möge sich bei diesem Video mal die Halle und das Publikum ansehen – so ähnlich wie bei Melodifestivalen, dem schwedischen Vorentscheid, dürfte es auch in Oslo werden!
 

Serbien

Serbien überraschte mit seiner Auswahl manch einen Eurovisionsfan. Milan Stankovic singt mit Ovo je Balkan eine Ode an den Balkan und greift eine alte Tradition des Eurovision Song Contests wieder auf: den Kostümwechsel. Begonnen wird in der traditionellen Form des folkloristischen Volksmusikensemles, das sich dann nach Herunterreißen von Kleidungsstücken in eine Pop-Dance-Formation der frühen Achtziger verwandelt.
Im Text selber geht es um Belgrad und den Balkan:
Balkan, Balkan, Balkan, das ist der Balkan, come on, Hop, Hop, Hop, das ist der Balkan, come on.

Der 22jährige sympathische Sänger ist in Serbien auch durch Talentshows bekannt geworden. Ohne Zweifel wird der serbische Auftritt dieses Jahr in Erinnerung bleiben, nicht zuletzt, ohne Falsches sagen zu wollen, der auffälligen Erscheinung des Sängers wegen. Uns hat er ein wenig an einen blondierten Karel Gott erinnert.

 

Bosnien-Herzegowina

Den Abschluss des Wochenendes bot am gestrigen Abend Bosnien-Herzegowina. Einen Vorentscheid hatte es dort nicht gegeben – eine Jury hatte Vukasin Brajić als Interpreten bestimmt – dafür gab es zur Präsentation des Liedes gestern eine große Fernsehshow, bei der nicht nur Vorjahressieger Alexander Rybak sowie die Gruppe Regina (Bosnien-Herzegowina 2009) auftraten, sondern auch die diesjährigen Teilnehmer aus Irland, Polen, Serbien, Kroatien und  FYROM. Dies ist in vielen Ländern so üblich – das Publikum lernt dann gleich die Konkurrenz kennen, für die es dann ja schließlich im Mai anrufen kann. Das ist der Ursprung der so häufig gescholtenen Nachbarschaftswertung.
Insgesamt bildet der Balkan einfach nach wie vor ein homogenes Musikbild. Vukasin Brajić zum Beispiel war zweiter bei Operacija Trijumf 2008/09, einer Casting-Show, die in fünf Balkanländern ausgestrahlt wird.
Präsentiert wurde der Titel gleich zweimal – als Munja i Grom und auf englisch als Thunder and Lightning.
Es ist ein düsterer Rocksong. Brajić singt von Wut, vom Gefühl, alles sei ausgedörrt und nur im Traum können der  Regen und der daraus entstehende Fluss alle Sünden wegwaschen.

Möge das Eis auf den Lippen schmelzen,
ist sich jemand der Regeln des Herzens bewusst,
nur Donner und Blitz gehen immer zusammen Hand in Hand.
Und jeder ist in seiner eigenen Welt,
auch Du und ich...


Harter Stoff! Auch für das Publikum in Bosnien-Herzegowina nach dem ganzen fröhlichen Vorprogramm!

Update 17.3.: Gesungen werden soll in Oslo die englische Version des Liedes:

 

Drei Länder stehen nun nur noch aus: Israel, Frankreich und Aserbaidschan!

 

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