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Wider den Antisemitismus

Josefine Geib11. Januar 2016
"Israelkritik“ ist längst salonfähig geworden. Und auch die Hochschulen sind nicht frei von einem modernen Antisemitismus. Kooperationen und Austauschprogramme können sensibilisieren.

Anfang Dezember war ich eine von 200 jungen Deutschen, die auf Einladung des israelischen Außenministeriums im Zuge des 50-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel die Möglichkeit hatten, auf einer Reise einen tieferen und vielfältigen Einblick in das Land Israel zu erhalten.

„Israelkritik“ ist längst salonfähig

Am ersten Abend, beim Dinner in einem Hotel in Jerusalem, hielt David Grossmann, bekannter zeitgenössischer israelischer Autor und bekennender Regierungskritiker, eine Rede. Die Reaktionen darauf haben mich sehr zum Nachdenken gebracht. Viele äußerten ihre Verwunderung, teilten mit, dass sie nie gedacht hätten, dass bei dieser Reise ein Regierungskritiker zu Wort kommen würde. Ich fragte sie, was sie denn gedacht hätten - dass Israel ein totalitärer Staat sei, in dem keine Meinungspluralität zugelassen wird?

Ein einseitiges Bild von Israel und Antisemitismus waren leider auch auf dieser Reise präsent. Das als überraschend zu bewerten, wäre falsch und würde den vorherrschenden modernen Antisemitismus verkennen. Der sich zum Beispiel zeigt, indem an die Schlusstrich-Mentalität in Bezug auf den Holocaust angeknüpft wird. Oder auch, etwas verschleierter, indem eine sogenannte „Israelkritik“ längst salonfähig und in deutschen Medien Alltag ist.

Moderner Antisemitismus an Hochschulen

Das gefährliche bleibt die Welterklärungsfunktion von Antisemitismus, die in Verschwörungstheorien sichtbar wird und zum eliminatorischen Antisemitismus führt, der den Nationalsozialismus prägte. Dieser basiert auf einem Denkmuster, nach dem alles Schlechte dieser Welt (das zuvor auf Jüd*innen projiziert wurden) sich in Luft auflöste, wenn es keine Jüd*innen mehr gäbe.

Von Antisemitismus sind auch die Hochschulen nicht frei. Studierende, die in Seminaren postulieren, „die Juden machen mit den Palästinensern ja jetzt das gleiche, was die Nazis mit ihnen gemacht haben“, Kommiliton*innen, die die internationale BDS-Kampagne unterstützen und israelische Wissenschaft und Produkte boykottieren oder Lehrende, die Israel als maßgeblichen Aggressor im Nahostkonflikt darstellen, sind Alltag an deutschen Hochschulen. Statt solche Zustände zu dulden, müssten gerade die Hochschulen als Bildungsinstitutionen ihren Teil zum Wirken gegen Antisemitismus beitragen.

Eine Hochschullandschaft, die sich der Erziehung zur Mündigkeit verschriebe, die also demokratische Strukturen, kritisches Denken und selbstbestimmtes Lernen in den Vordergrund stellt, wäre auch für das wirksame Bekämpfen von antisemitischen Denkmustern vonnöten.

Aufarbeitung der NS-Zeit dringend notwendig

Was jedoch zuvorderst geschehen müsste, wäre eine grundlegende und umfassende Aufarbeitung der NS-Zeit und der Rolle der Hochschulen, eine Auseinandersetzung mit den Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Nationalsozialismus. Viele Hochschulen wählen in dieser Hinsicht immer noch Vermeidungsstrategien oder bekämpfen Aufarbeitungsinitiativen sogar.

An Hochschulen muss mehr Sensibilisierungsarbeit stattfinden, zum Beispiel durch das Einführen und Etablieren von Projekten gegen Antisemitismus und durch die Ahndung antisemitischer Äußerungen und Haltungen von Hochschulmitgliedern. Die Unterstützung von anti-israelischen Boykott-Initiativen im Wissenschaftsbereich muss verboten werden, alleine schon, weil sie einen Eingriff in die akademische Freiheit darstellt. Vielmehr sollten die Kooperationen zwischen deutschen und israelischen Hochschulen ausgebaut werden, vor allem auch die Austauschprogramme für Studierende und Lehrende.

Denn immerhin haben am Ende der Reise, an der ich teilnahm, ein paar Menschen ihre am ersten Abend nach der Rede von David Grossmann formulierte Haltung gegenüber Israel überdenken müssen. Auch wenn ein Aufenthalt in Israel den modernen Antisemitismus wohl kaum beheben kann, so kann er zumindest zu einem differenzierteren Blick auf den Staat Israel und den Nahostkonflikt beitragen. Es sollte den Hochschulen ein hohes Anliegen sein, an dieser gesamt gesellschaflichen Aufgabe mitzuwirken und Antisemitismus zu bekämpfen.

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