Digitalkram

Wahlkampf in der Filterbubble

Doris Aschenbrenner22. November 2016
Doris Aschenbrenner
Donald Trump wird amerikanischer Präsident – entgegen aller Umfragen. Das Internet hat im US-Wahlkampf so eine wichtige Rolle gespielt wie nie zuvor. Wir müssen lernen, damit umzugehen, denn auch in Deutschland kommt einiges auf uns zu.

Die US-Wahlnacht. Erst dieses tagelange Gefühl „Sie werden doch nicht….“ Und dann das Erwachen „Oh mein Gott, sie haben!“. Übrigens genauso wie beim Brexit gegen die Meinungsumfragen. Wie kann das sein? Bekanntermaßen hat Trump jedes Fernsehduell gegen Hillary „verloren“, wenn es nach Meinung der etablierten Medien geht. Über-Social-Media Kanäle wurde aber penetrant behauptet er hätte gewonnen – und irgendwie hat sich dadurch diese Meinung in den Köpfen vieler festgesetzt. User sprachen insgesamt während des Wahlkampfs 3,5 mal häufiger über #Trump als über #Hillary – und vermutlich sind ein nicht zu unterschätzender Anteil davon so genannte „Social Bots“: Algorithmen, die automatisch reagieren und Posts verbreiten.

Meldungen müssen weder wahr sein, noch Informationen enthalten

Gezielt lässt sich dadurch eine Meinung vielfach weiterverbreiten. Geteilt wird, was gut ankommt. Nicht umsonst ist einer der ersten derartigen Algorithmen (Bot „Tay“ von Microsoft) von harmlosen „Teenie-Gequatsche“ innerhalb kürzester Zeit zu Hassbotschaften übergegangen – neben denen bei „Tay“ noch unzureichend funktionierenden Algorithmen eignen sich derartige Kommentare offenbar auch am Besten, um Reichweite zu generieren. Die Meldungen müssen bedauerlicherweise weder wahr sein, noch größeren Informationsgehalt besitzen.

Eine Hypothese aus dem Trump-Wahlkampf: Social Media und Social Bots hatten vermutlich einen großen Einfluss auf das Wahlergebnis. Jürgen Pfeffer, Professor an der TU München,  meint, man könne niemanden von einer gegenteiligen Meinung überzeugen, aber Menschen in ihrer Meinung bestärken. Damit steige die Selbstsicherheit der Menschen, auch radikalere Äußerungen weiter nach außen zu tragen. (Im ORF lief dazu ein sehenswerter Beitrag).

„Troll“ als Hauptberuf

Dasselbe ist auch für Deutschland insbesondere bei der AfD zu erwarten. Kommentare, Likes und Views kann man kaufen – den „Troll“ gibt es mittlerweile als Hauptberuf und auch von der Entwicklung und Vermittlung von Social Bots kann man gut leben. Sehenswert dazu ist ein ZDFzoom Beitrag, der die Vermutung nahelegt, dass die AfD derartiges praktiziert. Spannend auch: Ein großer Teil der flüchtlings- und merkelkritischen Kommentare unter #merkelmussweg scheint aus den USA zu kommen (44 Prozent laut einer Analyse von Vladimir Shalak, Professor an der Russischen Akademie der Wissenschaften).

Obwohl dieser russische Wissenschaftler Putin nahe steht, wird diese Erkenntnis von Simon Hegelich, Professour an der TU München, nicht angezweifelt. Er selbst überträgt sie auf Deutschland und kann in einer Auswertung so genannte „hyperaktive User“ feststellen, die im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte für hohen Traffic sorgen und damit auch die Facebook-Algorithmen narren können. „Wir vermuten – da wir keine umfassende Kenntnis der Algorithmen haben –, dass Nutzern, die einmal im Pegida-Cluster landen, automatisch mehr Inhalte aus diesem Cluster vorgeschlagen werden als es ohne die hyperaktiven Nutzer der Fall wäre.“

Demokratische Kräfte sind auf Facebook unterrepräsentiert

Seit Jahren versuchen Informatiker bei Chatprogrammen den Eindruck zu vermitteln, man unterhalte sich mit einem Menschen. Der Turing-Test soll ermitteln, ob eine Maschine ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat. Laut Aussage der zitierten Wissenschaftler Hegelich und Pfeffer lässt sich für einen normalen Nutzer nur sehr schwer feststellen, ob es sich jetzt hier um einen Social Bot oder um einen Menschen handelt. Und nahezu unmöglich ist es, festzustellen, ob es ein gezielt bezahlter Troll oder ein motivierter User mit zu viel Zeit ist.

Nachdrücklich im Kopf bleibt mir das im ZDF-Zoom-Beitrag verwendete Zitat von Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Wenn ich mich nur über Facebook informiere, muss ich fast zwangsläufig zum Rechtsextremisten werden. [...] dass dort die demokratischen Kräfte weit unter repräsentiert sind.“

Die SPD muss ihre Reichweite erhöhen

Kommen wir daher abschließend nochmal zu unserer eigenen Reichweite. Wie ihr vermutlich auch, befinde ich mich in einer rot-rot-grünen Filterblase – das Gefühl in Twitter am Lagerfeuer mit vielen lieben Bekannten zu sitzen wird nur ab und zu durchbrochen, wenn das AfD-Netzwerk einen ins Störfeuer nimmt (Beispielsweise nach meiner Aussage zur „Stimme für Vernunft“). Unseren SpitzenpolitikerInnen geht das täglich so – und noch viel schlimmer. Ich habe schon mehrfach mit Leuten gesprochen, die eigens Mitarbeiter zur „Profilsäuberung“ einsetzen oder zum „Gegenhalten“ der zahlreichen, teilweise auch strafbaren Äußerungen der „Follower“. Trotzdem ist unsere Reichweite in die sozialen Netzwerke, zu den „normalen Menschen“ fernab der SPD Basis, fragwürdig und verbesserungsbedürftig – zahlreiche Hausaufgaben für den kommenden Bundestagswahlkampf.

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Kommentare

Social Bots?

Als älteres Semester bin ich Internet-affin, jedoch kein Nutzer von Fakebook, und dies mit Gründen. Was an den sogenannten "sozialen Medien" sozial sein soll, erschließt sich mir nicht. Meine Tageszeitung ist sicherlich sozialer als Fakebook. Was bitte ist sozial an einem "social bot"? Dies ist Betrug, Wählertäuschung mit digitaler Geschäftemacherei - und könnte ebenso sanktioniert werden wie unzulässige Parteienfinanzierung.
Entsprechende Regulierungen begrüße ich nachdrücklich.
Aus eigener Erfahrung kenne ich die üblen sexistischen und rassistischen Meinungsäußerungen, die von einer Partei erzeugt werden, die sich als "alternativ" darstellt. Vormals hieß "alternativ" etwas anderes.
Der Wahlerfolg von Trump in den USA ist unerfreulich. Gleichwohl hatte Clinton mehr Stimmen. Auch Obama hatte bereits Internet-Kampagnen.
Für einen Wahlerfolg entscheidend sind die Ziele und Programme sowie die Personen, die sie überzeugend vertreten. Im Wahljahr 2017 kommt es für die SPD sehr darauf an, wie die SpitzenkandidatInnen die Partei mitnehmen und vertreten werden. Darum geht es jetzt.
"Social bots"? Die "Bots"-Platte: "Aufstehn"
Gutes Gelingen und viele Grüße
Bernd Arnold