Nach Köln und Freiburg

Sexualisierte Gewalt: Schützt die deutsche Frau!

Julia Korbik19. Dezember 2016
Julia Korbik
Nachdem eine Freiburger Studentin mutmaßlich von einem afghanischen Flüchtling vergewaltigt und ermordet wurde, ist man wieder sehr besorgt um die Sicherheit der deutschen Frau. Dabei ist sexualisierte Gewalt in Deutschland alltäglich – und nichts Importiertes.

Das Jahr endet, wie es begonnen hat: Mit einer Diskussion über das vermeintliche Ende der deutschen Willkommenskultur. Nach der Silvesternacht 2015/2016, in der zahlreiche Frauen in mehreren deutschen Städten ausgeraubt, sexuell belästigt und genötigt wurden, war man plötzlich sehr besorgt um die Sicherheit der deutschen Frau – die Tatverdächtigen stammten aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum, unter ihnen waren auch Asylsuchende. Das passiere eben, so höhnische Stimmen, wenn man solche Menschen mit offenen Armen aufnähme. Deutsche Frauen müssten vor solchen Männern aus anderen Kulturkreisen geschützt werden.

Sexualisierte Gewalt ist in Deutschland real

Und nun auch noch das: Eine 19-jährige Medizinstudentin wurde in Freiburg erst vergewaltigt, dann ermordet. Bei dem Täter handelt es sich möglicherweise um einen 17-jährigen afghanischen Flüchtling. Wieder schlagen die Wellen der Empörung hoch: Im Presseclub empfahl ein Journalist deutschen Frauen, sie müssten sich jetzt besser schützen. Eine Kollegin schüttelte daraufhin nur ungläubig den Kopf: Sie habe seit Jahren Angst, wenn sie alleine joggen ginge – und das habe nun wirklich gar nichts mit Flüchtlingen zu tun.

Es ist eine Aussage, die viele Frauen in Deutschland wahrscheinlich unterschreiben würden. Die Gefahr sexualisierter Gewalt ist sehr real und sie ist es nicht erst, seitdem in kurzer Zeit hunderttausende von Flüchtlingen ins Land kamen. Über 90 Prozent der Opfer sexualisierter Gewalt sind Frauen. 2015 wurden laut Polizeilicher Kriminalstatistik 7022 Fälle von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung angezeigt, die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen. In einer EU-weiten Studie von 2014 gaben 35 Prozent der befragten deutschen Frauen an, sie hätten seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen Partner, eine Partnerin oder eine andere Person erfahren.

Umgang mit Gina-Lisa Lohfink

Die meisten Fälle von sexualisierter Gewalt sind Beziehungstaten, sie geschehen nicht im öffentlichen Raum, sondern dort, wo Frauen sich eigentlich sicher fühlen sollten – zu Hause. Die Silvesternacht und die Vergewaltigung der Freiburger Studentin sind deshalb Ausnahmen, denn meistens kennen Opfer und Täter sich vor der Tat bereits. Einerseits. Denn andererseits sind diese Vorfälle eben keine Ausnahmen: Sie stehen für einen generellen Umgang mit sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft.

Viel ist über den Begriff rape culture diskutiert worden, darüber, ob er nun angemessen ist oder nicht. Eine „Vergewaltigungs-Kultur“, das ist eine Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt alltäglich ist, aber verharmlost, verleugnet oder sogar gutgeheißen wird. Bestes Beispiel: Der Umgang mit Gina-Lisa Lohfink. Diese hatte behauptet, zwei Männer hätten sie 2012 mit K.-o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt. Lohfink verlor den Prozess wegen Falschaussage und wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Viele waren sich aber auch vorher schon sicher, dass so eine wie Lohfink ja gar nicht hätte vergewaltigt werden können: Wer solche engen Klamotten trägt und sich die Brüste operieren lässt, fordert sexualisierte Gewalt ja geradezu heraus!

Besserer Schutz

Geht es um sexualisierte Gewalt, schauen viele in Deutschland gerne weg. Frauen würden Vergewaltigungen in großer Zahl nur erfinden oder seien eben „selbst schuld“, wenn etwas passiert. Aber nicht, wenn die sexualisierte Gewalt „von außen“ kommt, von Männern, die man in Deutschland sowieso nicht haben will. Dann wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen plötzlich zum Riesenthema, harte Strafen werden gefordert. Die Wahrheit ist: Sexualisierte Gewalt an Frauen ist nichts Importiertes. Sie gehört für viele Frauen in Deutschland zum Alltag. Die Empfehlung, Frauen müssten besser geschützt werden, ist gutgemeint – aber nutzlos. Solange sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft nur als Problem begriffen wird, wenn sie nicht von „Deutschen“ ausgeht, bringt auch die vage Forderung nach besserem Schutz nichts.

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Kommentare

artikel "schützt die deutsche frau"

ich hätte mir eine andere überschrift gewünscht. es sollten ja wohl alle frauen geschützt werden, unabhängig von ihrer ethnie.

Die deutsche Frau?

Sind das die ersten Versuchsballons, ob man mit den populistischen Dumpfbacken verbal konkurieren kann ???
Ich bin entsetzt !!!

Mehr als eine Überschrift

Es lohnt sich, die Artikel ganz zu lesen. Dann hätten Sie schnell gemerkt, dass die Überschrift ein Zitat ist und keineswegs der Haltung der Autorin entspricht.

Deutscher Mann

Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden (Grundsatzprogramm der SPD !?). Mit dem og. Artikel kann man was beschleunigen, nämlich immer weniger männliche Wähler für eine sozialdemokratische finden (Tieferer Sinn der Programmidee !?). Das kann dann ganz ohne #Aufschrei gehen und lässt sich stumm am Wahlergebnis absehen. Damit es die Autorin weiß, ich bin (noch) Mitglied, Mann und weiß.

julia korbig sexualisierte Gewalt

Dieser Artikel ist ein weiterer Beweis dafür, warum so viele Bürger dieser Partei den Rücken kehren. dIch glaube, die Dame hat sie nicht mehr alle.

Gruß

Helmut Klamm