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Warum die Digitalisierung vor allem eins verlangt: gute Politik

Doris Aschenbrenner15. Dezember 2015
Doris Aschenbrenner
tl;dr oder auch Zusammenfassung: Der digitale Wandel ist in der Gesamtgesellschaft angekommen und wird sich weiter beschleunigen. Dies führt zu einem unmittelbaren politischen Handlungsdruck, dem immer noch unzureichend begegnet wird.

Ich behaupte, dass die meisten Menschen sich nicht darüber im Klaren sind, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Und solange wir das nicht verstanden haben, wird es schwierig, gute Politik zu diesem Thema zu machen. Ja gut, irgendwie kommt da ständig der neueste technische Kram heraus und klar, die Welt ändert sich und vielleicht wird man halt auch langsam zu alt, da mitzuhalten, aber an sich ist alles normal….

Falsch gedacht. Laut dem Mooreschen Gesetz verdoppelt sich die Komplexität integrierter Schaltungen regelmäßig. Je nach Quelle werden 12 bis 24 Monate als Zeitraum genannt. Damit wächst die Digitalisierung sehr schnell und beschleunigt sich weiter.

Früher gab es mal Disketten

Das kann jeder individuell nachfühlen, wenn man darüber nachdenkt: War es nicht erst gestern, als das iPhone erfunden wurde? Und die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht (endlich darf ich den Satz auch mal sagen): Es gab auch mal sowas wie Disketten, früher ;) Unser Zeitstrahl und die Visualisierung des Mooreschen Gesetzes verdeutlichen den Prozess. Radikal gesagt: Ungefähr im Jahr 2045 (manche sagen auch bereits 2020) werden Computer dieselbe Rechenkapazität wie das menschliche Gehirn besitzen, die Singularität. Und das werden die meisten von uns noch erleben.

Zeitstrahl der Digitalisierung:

  • 1976 Erster PC
  • 1990 Internet
  • 2007 iPhone
  • 2014 Neuland (Aussage Merkel)
  • 2045 Singularität

Was ich damit sagen will: Wenn sich der VW Käfer genau so entwickelt hätte wie Computerchips, dann wäre der Käfer jetzt so groß wie ein wirklicher Käfer, seine Maximalgeschwindigkeit wäre annähernd Lichtgeschwindigkeit und er würde noch 3 Cent kosten („Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ 2015 von Karl-Heinz Land und Ralf T. Kreutzer).

Digitale Spaltung

Solche Texte wie diesen gibt es viele im Internet. Trotzdem ist es bei der Mehrheit da draußen noch nicht angekommen: Durch die Technologie verändert sich auch das Leben der Menschen massiv (Clay Shirky: „When we change the way we communicate, we change society – lest seine Bücher!). Dies hat bereits große wirtschaftliche Auswirkungen („disruptive Technologien“) wie z.B. die Insolvenz von Quelle oder Osram, verändert die Berufswelt umfassend und hat Einzug in das Privatleben nahezu jedes Menschen in Deutschland gefunden. Eine digitale Spaltung zwischen denjenigen, die beim Digitalen Wandel „noch mitkommen“ und denen, die scheitern, deutet sich auf allen Ebenen an.

Dies legitimiert einen politischen Handlungsdruck für die unmittelbare politische Arbeit und läuft gleichzeitig auf eine nötige Umstrukturierung der Parteien und der Politik hinaus.

Denn ganz ehrlich: Bange machen gilt nicht. Die Vogel-Strauß-Taktik wird nicht funktionieren. In Panik verfallen und erstarren ist auch falsch. Und ein „Haben wir euch schon immer gesagt, dass das ne blöde Idee war“ hilft im Nachhinein auch nicht. Wir werden konkrete Lösungen brauchen. Ein bissl mehr als Gemeckere.

Lasst die Spiele beginnen

Meine persönliche Einschätzung ist, dass sich in der nächsten Zeit – und da meine ich lediglich den Zeitraum weniger Jahre – die Weichen für unsere Zukunft stellen werden. Für die Zukunft des Internets, aber auch die Zukunft unserer digitalisierten (oder eben halt auch nicht digitalisierten) Gesellschaft. Einige Weichen haben sich dieses Jahr bereits gestellt (VDS, Netzneutralität *schnüff*).

Es wird eine harte Zeit. Ich bin froh, dass die SPD den  Prozess #digitalLeben gestartet hat. Das Papier wurde übrigens am Samstag vom Bundesparteitag verabschiedet. Ähnlich wie D64 sehe ich es lediglich als ersten Schritt. Ich hab als „Themenpatin“ für den Bereich „Bildung und Familie“ sehr viel gelernt. Es war der Versuch, die Fachpolitiker*innen aus den „traditionellen“ Politikbereichen mit den „Netzpolitiker*innen“ zusammenzubringen. Ich habe mit vielen tollen Menschen zusammenarbeiten können. Und – das ist in keinster Weise gegenüber irgendjemandem negativ gemeint – es wird noch ein langer Weg werden, bis wir eine gemeinsame Sprache gefunden haben und die Hintergründe der jeweilig anderen verstanden haben.

Sicher wäre es ein leichtes, mich einfach jetzt über die „dummen“ „Alt“-Politiker*innen aufzuregen und mir – typisch Netzcommunity – an Anekdoten selbst zu beweisen wie überlegen die „Digitalos“ doch sind. Ich denke, das ist der falsche Weg. Die Menschen haben gute Gründe für ihre Ansicht und aus unseren Elfenbeintürmen heraus ändern wir nichts. Wenn es „die DAUs da draußen“ (oder um es mit Sascha Lobo zu sagen „deine Mutter“) nicht mitkommen, wird es nichts bringen – und ohne die „Niederungen“ der tatsächlichen Politik wird es keine Lösungen geben, die auch gesamtgesellschaftlich etwas voranbringen. Also: Lasst die Spiele beginnen!

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