Digitaler Rückstand

Warum Deutschland eine erfolglose Internetnation ist

Wolfgang Gründinger21. März 2016
Die Debatte um die digitale Transformation erscheint vielen als Hype, doch in Wahrheit ist sie über eine kleine Avantgarde nicht hinausgedrungen. Weite Teile von Wirtschaft und Gesellschaft haben sich noch nie damit befasst – und selbst dort, wo Diskussionen geführt werden, bleiben sie inhaltsleer und folgenlos.

Für die große Mehrheit der Bundesbürger ist das Internet noch immer Neuland, also etwas, das als scheinbar unwirkliche Parallelwelt zu ihrem eigentlichen oder „realen“ Leben stattfindet; oder schlimmer noch: ein Hort für Kinderpornos, Killerspiele und kriminelle Raubkopierer.

Acht Punkte, bei denen Deutschland zurückliegt

Wir glauben, wir sind weit vorne mit dabei, wenn es um das Internet geht. Doch diese Wahrnehmung ist mehr gefühlt als real:

WLAN-Wüste: Beim Angebot offener Hotspots liegen wir im internationalen Vergleich meilenweit hinter Großbritannien, Schweden, Frankreich oder den USA.

Schulen von gestern: Bei der Nutzung von Computern im Unterricht ist Deutschland internationales Schlusslicht unter Industrieländern. Die IT-Ausstattung an deutschen Schulen befindet sich auf dem Stand von 2006. Nur acht Prozent der Schüler halten ihre Lehrer für kompetent im Umgang mit digitalen Medien. Kein Wunder, wenn Lehrer hierzulande fordern, man müsse Kinder aus pädagogischen Gründen vom Internet fernzuhalten.

Neuland Social Media: In keinem anderen Industrieland werden soziale Netzwerke so wenig genutzt wie in Deutschland. Wir sind außerdem das Land mit der höchsten Alterslücke bei der Nutzung sozialer Medien und das einzige Land in Europa, in dem höher Gebildete signifikant weniger Social Media nutzen als weniger Gebildete.

Unwissend: Weit mehr als die Hälfte aller Deutschen hat allenfalls rudimentäre Internetkenntnisse – so unwissend ist sonst kein Land in ganz Europa. 27 Prozent aller Deutschen gelten Milieustudien zufolge als „internetferne Verunsicherte“, weitere zehn Prozent als „ordnungsfordernde Internet-Laien“. Die Wirtschaftselite ist dabei übrigens nicht besser: 71 Prozent der Manager erreichen gerade mal Digital­kenntnisse auf Anfängerniveau.

Ängstlich: Zwei Drittel der Deutschen sehen in Big Data vor allem Nachteile – so viele wie in nirgendwo anders im europäischen Ländervergleich. 39 Prozent der Deutschen sagen, sie sehen der Digitalisierung „mit Befürchtungen entgegen“. Nur zehn Prozent der über-60jährigen können der Digitalisierung überhaupt etwas Positives abgewinnen.

Lahmes Netz: Die durchschnittliche Surfgeschwindigkeit liegt in Deutschland abgeschlagen im hinteren Mittelfeld der Industrienationen. Zwar kommen wir beim Ausbau mit Müh und Not voran, aber die USA, Großbritannien, Israel, Schweden und viele andere bauen deutlich schneller aus, obwohl sie ohnehin bereits schnelleres Internet haben. Beim Anteil schneller Internetanschlüsse ist Deutschland auf einen peinlichen Platz 31 abgerutscht (2015; im Vergleich: Platz 19 im Jahr 2013).

Letzter bei Glasfaser: Bei der Glasfaser-Verkabelung ist Deutschland nicht etwa nur Klassenletzter der ganzen EU, sondern sogar dermaßen schlecht aufgestellt, dass es in den internationalen Statistiken erst seit kurzem überhaupt auftaucht und noch heute unter „ferner liefen“ rangiert.

Hochpreisland: Zu allem Überfluss ist Internet hier auch noch sehr viel teurer als fast sonst überall: Ein Gigabyte mobiles Datenvolumen kostet in Deutschland fünfzigmal mehr als in Finnland und zwanzigmal mehr als in Frankreich, Großbritannien oder Dänemark. Nur in Ungarn bekommen die Kunden noch weniger Netz für ihr Geld.

Digital Progressive gegen analog Konservative

Es ist erstaunlich, wie es geschehen kann, dass eine erfolgreiche Industrienation eine solch erfolglose Internetnation sein kann. Ein derlei lähmender Zeitgeist ist aber nicht einfach nur ärgerlich für die urbane Bohème oder für die Bilanzen der Silicon-Valley-Konzerne. Nein, viel mehr: Er setzt den Wohlstand unseres Landes aufs Spiel.

Dabei geht es gar nicht darum, einem unreflektiertem Digitalisierungsrausch das Wort zu reden – im Gegenteil:  Es wäre angebracht, endlich die Schattenseiten und Ambivalenzen des digitalen Wandels, die hier nur zwischen den Zeilen angedeutet wurden, besser zu verstehen sowie strategisch und differenziert zu diskutieren. Wenn aber kulturromantische Fundamentaloppositionelle ein ums andere Mal aus ihren ideologischen Kanonen schießen, erstickt das jeden konstruktiven Diskurs im Keim. Digital Progressive und analog Konservative begeben sich damit in die selbstverschuldete Gefangenschaft des gegenseitigen Nicht­verstehens, anstatt darüber zu reden, wie wir den Wandel so organisieren können, dass nicht nur ein kleiner Teil der Gesellschaft profitiert, sondern möglichst viele.

Halb Deutschland steckt den Kopf in den Sand und glaubt, dadurch den Läufen der Zeit entgehen zu können. Man muss dem Zeitgeist ja nicht hinterherrennen. Aber man darf darüber auch nicht versäumen, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Chancen kann nur nutzen, wer sie sehen will.

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Kommentare

Weniger ist manchmal mehr

Die digitale Welt, nicht zum Lebensmittelpunkt zu erklären, öffnet das reale Leben. Es muß genug Platz für die reale Welt geben. Die Evolution der Menschheit kann nicht auf binären geführt werden. Das wahre Leben ist nicht online.

"reale Welt"

@Nieke: Woher wollen Sie wissen, was die reale Welt bzw. das wahre Leben ist? Warum gestehen Sie der "Evolution" (des Universums) nicht zu, dass es sich (das Universum) auf seinem weiteren Weg zur Selbsterkenntnis (gewagte Aussage [ich weiß]) nicht auf die binäre Ebene begibt? Die Evolution kennt bisher keinen wirklichen Stillstand und wir als "Individuen" erscheinen nur als eine biologische Zwischenstation. Sie werden diese Entwicklung nicht aufhalten können und Platz für die analoge (oder wie sie sagen "reale") Welt gibt es hier genug. 24 Stunden am Tag.

Nichts gegen bewusste Mediennutzung

...aber zu behaubten, dass das ware Leben nicht online ist, resp. die digitale Welt nicht real ist etwas gleich,wie wenn man sagen würde, das gedurckte Wort sei nicht real. Das Internet ändert nur das Medium. So wie man vom Pergament zum Buchdurck gekommen ist, ist heute Kommunikiiation und Information und Unterhaltung online und damit noch schneller verfügbar. Ob ich mit jemandem spreche, ihm Briefe schreibe oder Mails austausche ist letztlich nicht so relewand, die Inhalte machen es aus und da muss und darf jeder schliesslich selber entscheiden, was ihm wichtig ist.

Peinlich

Wir sind das einzige Land in Europa, in dem höher Gebildete signifikant weniger Social Media nutzen als weniger Gebildete.

Das ist so peinlich. Es gilt, nicht nur unter Lehrern, als "schick", keine Ahnung vom Internet zu haben in Deutschland. Und kein Facebook zu nutzen.

Daran sind sicher auch Menschen wie Ilse Aigner schuld, die als Verbraucherschutzministerin vor fünf Jahren öffentlichkeitswirksam bei Facebook ihren Account kündigte. Und die ihn jetzt heimlich, still und leise wieder angemeldet hat und fleißig nutzt. Statt öffentlich zu sagen: "Ich habe mich damals getäuscht". Feigheit vor dem Feind. Einfach nur peinlich.

Stimmt - und stimmte auch

Stimmt - und stimmte auch schon 2010, als ich diesen Text schrieb:
http://www.danielflorian.de/2010/03/29/der-neue-kulturkampf-buerger-vs-n...

Meine Schlussfolgerung damals:

"Eigentlich sollte das 21. Jahrhundert ein Heimspiel für Deutschland sein: wir haben nicht nur einige der größten Philosophen und Kulturschaffenden hervorgebracht, sondern gelten auch als eine Nation der Techniker und Ingenieure. Wenn beide Gruppen sich endlich zusammentun würden, anstatt über die Deutungshoheit im Netz zu streiten, könnten wir das Internet wirklich ändern."

Ich finde immer noch, dass das ein schönes Ziel wäre!

Da fühlt sich ja die Elite in

Da fühlt sich ja die Elite in ihren digitalen Elfenbeintürmen hervorragend in ihrer Meinung über andere Lebensentwürfe gestärkt. Da kann man so schön herabschauen auf jene, die Internet nicht nutzen wollen. Der Frust muss ja riesig sein, dass man nicht Erster bei der Glasfaser-Verkabelung landauf, landab ist.

Und was ist das für eine Ansicht, dass Internet gleich Facebook ist? Die sogenannten Sozialen Medien sind auch nicht mehr als ein Hype, der zwar ganz nett ist - den die Wirtschaft aber in Wirklichkeit viel dringender als die Konsumenten braucht.

PS: Ich nutze Facebook und betreibe mehrere Blogs. Und teile die Ansicht dieses Artikels nicht.

Ministerium der digitalen Anfänger

Und um das alles zu verbessern lässt das WiMi von Gabriel eine Minbroschüre drucken und als Zeitungsbeilage verbreiten. Sie enthält einige aufbereitete Fakten wie der Artikel, hat sicher 2 oder drei Leser und erreicht ohne Umweg millionenfach die Altpapiertonne. Das ist die großartige Digitaloffensive. Teuer und lässt darauf schließen, dass im Ministerium ebenfalls digitale Anfänger sitzen. Die Werbeagentur hat der Auftrag bestimmt gefreut. Dass die sich nicht geweigert haben solchen Unsinn zu produzieren, naja. Man ahnt, wieviel Abstimmungmeeting es gebraucht hat bis diese wichtige Aktion realisiert wurde.

Tja. Viel SPD-Politik dabei...

Tja, Privatjustiz à la Abmahnmafia, Störerhaftungsgonzo abschaffen... (gibt's im Baumarkt, Schützenverein oder Chemikaliengrundstoffhandel ja auch nicht, trotz weitaus schlimmerer Auswirkungen...)

Das würde auch die „WLAN-Wüste“ beleben... liebe Genossen.

Der Vorratsdatenschrott ist auch wirtschaflich kontraproduktiv. Und über jeder Form von Bewertungsportal kreisen in 'Schland die derer von Käfer und Buske (LG Hamburg) und Köln. Egal wo man sitzt. (Was Herrn Maas oder auch Till Steffen übrigens einen Scheiß interessiert)

Am Geld liegst jedenfalls nicht. Wer in Hamburg mit einer „innovativen“ IT-Startup-Idee kommt, kann relativ schnell Förderungen, Zuschüsse, Kredite kriegen. Und im Gegensatz zu normalen Gründen ohne (!) Privathaftung...

Ach nu ....

Ich bin seit 1994 im Internet-Business unterwegs und stimme Wolfgang Gründinger aus vollem Herzen zu. Deutschland hat keine digitale Perspektive, keine digitalen Innovatoren, keine digitale Phantasie, keine Risikobereitschaft und keinen Spaß an neuen spannenden Geschäftsideen und technischen Philosophien. Ich habe lange versucht, dass wenigstens ein wenig zu ändern. Aber es hat nichts genützt. Viel Papier ist geschrieben, viele Reden wurden gehalten, viele Gremien etabliert - geändert hat sich im Wesentlichen - nichts. Es war eine gute Zeit .. bis 1999. C'est la vie.

Schule von gestern

Die Thematik des Artikels zeigt sich ganz aktuell wieder anhand einer neuen Studie über Filtersoftware an Schulen. In Deutschland wird häufig eine Sicherheitssoftware eingesetzt, um den Zugang ins Web für die Schüler zu begrenzen.

Aus meiner Sicht ist das mal wieder genau der falsche Weg, um Medienkompetenz zu fördern. Die skandinavischen Länder sind uns da voraus, weil sie eben an den Schulen eine weniger restriktive Politik fahren und bewusst Risiken für Kinder beim Surfen zulassen.

Wir haben den Stand der Diskussion auch zusammengefasst und zeigen, wie man proaktiv als Verein zur Förderung von Medienkompetenz damit umgeht. https://www.medienmonster.info/mut-zu-mehr-freiraeumen-fuer-kinder-im-web/