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Cyberkrank: Ist das Internet tödlicher als Rauchen?

Wolfgang Gründinger09. Februar 2016
Deutschland rüstet sich für das Internet-Zeitalter. Alle haben verstanden, dass wir nachziehen müssen, um von der digitalen Transformation nicht überrollt zu werden. Alle? Die deutsche intellektuelle Elite wehrt sich tapfer – und betreiben Anti-Aufklärung.

„Die Digitalisierung unseres Alltags schreitet immer weiter voran – mit fatalen Auswirkungen“, warnt der Klappentext auf dem Buch. Es heißt „Cyberkrank!“ und beschreibt ausführlich, „wie das digitale Leben unsere Gesundheit ruiniert“. Und der Autor meint es ernst: Am liebsten möchte er alle Kinder von den Smartphones und Computern verbannen. Ansonsten prophezeit er fürchterliche Folgen.

Das Buch ist nicht von irgendwem, sondern von Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Psychatrischen Universitätsklinik in Ulm und umtriebiger Publizist. Und seine Bücher sind keine Ladenhüter, sondern stehen auf Spiegel-Bestsellerlisten. Spitzer gehört zur intellektuellen Elite unserer Republik und prägt die Debatte um Digitalisierung wie kaum ein anderer.

Über digitale Demenz, Internetsucht und ADHS

Bereits 2012 schöpfte er den Begriff „Digitale Demenz“, der seither als geflügeltes Wort die Diskussionen in Deutschland bestimmt. In seiner gleichnamigen Kampfschrift erläutert er ausführlich, wie wir uns das Hirn wegklicken. Internet ist eigentlich wie Fernsehen, nur schlimmer. Wer das anzweifle, sei entweder unwissend oder verlogen. Sein ärztlicher Rat: „Meiden Sie digitale Medien. Sie machen dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ Uns allen drohen Internetsucht und ADHS, mit der Folge totaler Verblödung und kulturell-sozial-geistigen Verfalls.

Einziger Ausweg: zurück zu Büchern und Bleistiften! Als Medienhasser oder Technikfeind aber, so versichert Spitzer, möchte er nicht missverstanden werden. Den Kindern ihre Laptops und Smartphones wegnehmen müsse man aber trotzdem, um sie vor dem Schlimmsten zu behüten. Endlich spricht da mal einer aus, was alle schon instinktiv wussten: Wir haben noch richtige Bücher gelesen, doch unsere Kinder verblöden wegen diesem neumodischen Technikkrams. Das wird man doch noch sagen dürfen!

Handys gefährlicher als Zigaretten

Im Handelsblatt durfte Spitzer erklären, die Digitalisieurng führe zu Gesundheitsschäden „von Depressionen bis zu Suchtsymptomen und von Schlaflosigkeit über Bluthoch­druck bis zu Krebs“. Doch dabei blieb es nicht. Allen Ernstes behauptete er sogar, das Internet erhöhe „zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung“ und sei damit tödlicher als Rauchen: „Nach der Auswertung von Hunderten neuer Studien sage ich Ihnen: Die Folgen der Digitalära sind weit schlimmer für die Menschheit, als es Nikotin je war. Schon jetzt sind global 4,5 Milliarden Smartphones verkauft. Wir reden von der Weltbevölkerung! Natürlich stirbt niemand unmittelbar wegen seines Handys,  aber es fällt ja auch niemand mit der Zigarette in der Hand und Krebs in der Lunge um!“ Die Weltgesundheitsorganisation ist zwar anderer Ansicht, aber das stört den Professor aus Ulm natürlich keineswegs. Mit wissenschaftlicher Evidenz hat Spitzer ohnehin so manche Berührungsängste.

Es lohnt ein Blick zurück: Schon 2005, als das Internet noch nicht für Horrorszenarien sorgte, warne Spitzer in seiner Streitschrift „Vorsicht Bildschirm“ vor einem anderen schreckens­bringendem Medium: dem Fernsehen. Fernsehen, so warnte er, mache „dick, dumm und gewalttätig“ und sei eine Katastrophe für „Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“. Nachdem schon das Fernsehen nicht den Untergang des Abendlandes bewirkt hat, muss nun das Internet die Büßerrolle übernehmen.

Tausend Statistiken, wirre Thesen

Mit seinem Gepolter klingt der Professor wie ein alter Mann, der die Welt um ihn nicht mehr versteht. Manfred Spitzer ist der Thilo Sarrazin der Hirnforschung: tausend Statistiken, wirre Thesen. Doch genau damit steht er für den Mainstream in der intellektuellen Elite unseres Landes, genau damit prägt er die Debatte. Das Versagen der intellektuellen Elite trägt Mitverantwortung dafür, dass Deutschland bei so ziemlich allen Parametern der Digitalisierung bestenfalls im hinteren Mittelfeld rangiert.

Klar: Auch über die Risiken und Ambivalenzen des digitalen Wandels lohnt es sich zu streiten – aber kulturpessimistische Untergangsszenarien vergiften jede differenzierte Debatte. Man muss ja nicht alles gut finden am Internet-Zeitalter. Kaum ein technologischer Wandel kommt ohne Schattenseiten. Aber bei aller Lust am Risiko-Diskurs täten wir auch einmal gut daran, über die Chancen und die Sonnenseiten zu sprechen.

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Kommentare

Opakratie

Herr Gründiger betreibt Anti-Aufklärung, denn er nimmt wissenschaftliche Erkenntnisse einfach nicht zur Kenntnis. Die heutige Jugend ist da weiter: Das Jungendwort des Jahres 2015 – Smombie, die Zusammensetzung aus Smartphone und Zombie (seiner Seele beraubter willenloser Mensch) – trifft die Einsicht, dass Smartphones den eigenen Willen und damit die eigene Autonomie zerstören, punktgenau. Das ist wohlgemerkt nicht die Behauptung eines alternden Ulmer Psychiaters, sondern die zum Wort geronnene Einsicht der jungen Leute in unserem Land, die ganz offenbar kritischer sind als von Google, Apple und Microsoft bestochene Blogger. Wahrscheinlich hat er auch das Digitale Manifest nicht zur Kenntnis genommen, in dem 9 Experten vor der gesellschaftlichen Katastrophe warnen, die durch den Verlust von Autonomie und damit Demokratie droht! Der Schluss Ihrer Ausführungen ist lächerlich: die ganze Welt lullt uns täglich mit dem Gerede über die "Sonnenseiten" digitaler Informationstechnik ein. Noch mehr davon brauchen wir definitiv nicht, die Lobby ist schon übermächtig genug. Etwas mehr Aufklärung und Kritik hingegen wären gut, besonders im Hinblick auf unsere Verantwortung für unsere Kinder!

Das ist auch schon spannend

Das ist auch schon spannend zu sehen, wie ein Kritiker die SPD in Aufruhr bringt. Als Galilei kam, war es nicht anders.

Schon in den 30er Jahren sind Studien veröffentlicht worden, die die Gefährlichkeit von Mittelwellenstrahlung belegt haben. Die festgestellten Symptome waren nicht verschieden: Schlaflosigkeit, Depressionen, Erschöpfung, Nachlassen des Immunsystems, ..

Es gibt auch eine Reihe von Studien, die aufzeigen, daß Hirntumoren in dem Areal auftreten, mit dem telefoniert worden ist.

Nach der Gründerzeit sprach man übrigens von einem irrealen Fortschrittsglaube. Den würde ich auch dieser Gesellschaft attestieren. Denn die geistlose Vernetzung von allem und jeden hat Konsequenzen: Cyberkrieg (der verursacht jedes Jahr Kosten von 1000 Milliarden Dollar), Abhörskandale, Datenklau, Mobbing, .. die Bürgerrechte werden mit dem Netz völlig ausgehöhlt.

Und schlußendlich wächst der Energieverbrauch des Netzes exponentiell. Das hört man am wenigstens gern. Das Netz ist ein Klimakiller!

Handys gefählich, Ja!

Wenn ich so sehe wie Jugendliche heute mit verkrümmtem Rücken in der Straßenbahn sitzen und in ihre winzigen Handys glotzen, habe ich keinen Zweifel daran, dass dies gesundheitliche Konsequenzen hat.

Manfred Spitzer ist der Thilo Sarrazin der Hirnforschung

Hallo Opakratie,

Smombie "die zum Wort geronnene Einsicht der jungen Leute in unserem Land": Davon habe ich zwar noch nie gehört, doch möglicherweise liegt das an meiner eingeschränkten Wahrnehmung. Genau wie Scharrer beobachtete ich eher junge Leute, die kaum noch den Blick vom Smartphone wegbekommen, wenn sie mit Zug oder Bus unterwegs sind.

Es gibt also die Probleme übermäßiger und unangemessener Internet-Nutzung tatsächlich, was weder ich noch der Blogautor bestreiten würde. Doch Spitzer ist es nicht gelungen, ausgehend von diesen Phänomenen zu einer angemessenen Diagnose zu kommen. Daher sind auch die Therapie-Vorschläge unzureichend, beides wird in meinem oben verlinkten eigenen Blogbeitrag ausführlicher entwickelt.

bestochen: Bloß weil jemand nicht Ihre Meinung vertritt, muss der nicht bestochen sein. Tatsächlich ist es meiner Meinung nach oft so, dass Leute wie Sie (genau wie Spitzer) statt auf Argumente einzugehen, lieber zu Verschwörungstheorien greifen, um ihre Weltsicht gegen kritische Einwände zu immunisieren.