Artikel (Archiv) > Endlich am Ziel
Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Dimitri Verhulst: "Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten"

Endlich am Ziel

Birgit Güll • 19. February 2010

Luchterhand Literaturverlag
Luchterhand Literaturverlag

Kaum hat der Mensch gelernt aufrecht zu gehen, genießt er schon den Rausch der Macht. Zunächst unterwirft er sich die Tiere, bald entwickelt er die Demokratie: "Alle gleich vor dem Gesetz. Nur kommt nicht jeder in Frage für die Kategorie 'alle'", so Verhulst. Frauen, Kinder, Ausländer und Sklaven sind von der neuen Herrschaftsform erst einmal ausgeschlossen. Tatsächlich profitiert von dem politischen System nur ein Fünftel der Bevölkerung. "Aber gut, besser ein Fünftel als gar niemand", resümiert der Autor sarkastisch.

"Friedensmissionen"

Die Frau wird kurzerhand zum Eigentum des Mannes erklärt. "Denn wenn sie sich selbst gehört, gibt es nur Unglück." Ähnliches gilt für Sklaven, Ausländer und Kinder. Und damit rast Verhulst weiter durch die Zivilisationsgeschichte, die er als Streben nach Macht beschreibt. Da ist Imperialismus "kein schlechter Gedanke", die Idee, Krieg als "Friedensmission" zu bezeichnen noch viel besser. Schließlich will das Menschenwesen nur allgemein Frieden stiften. "Und weil es nicht recht weiß, wie es den stiften soll, diesen Frieden, beschließt es, ihn mit Waffengewalt zu erzwingen", erläutert der Schriftsteller.

Der Glaube an viele Götter, an einen Gott, an unterschiedliche Götter, Stadtentwicklung und die Pest, die Entdeckung anderer Kontinente, die Ermordung Andersdenkender: Verhulsts kleine Kulturgeschichte lässt nichts aus. In seinem rasenden Tempo kommt der Autor schnell bei der Industrialisierung an. Dass es "nie so viele Arme gab wie seit Beginn des Fortschritts" interessiere die Menschheit wenig. Und Parolen, die erklären, "dass Eigentum Diebstahl" sei, bekämpften jene, die alles haben mit brutaler Gewalt.

"Auto und Kühlschrank für jeden"

Der Arbeiter soll "grad so viel verdienen, dass sich jeder ein Auto kaufen kann, ein Statussymbol, dann hält er die Klappe ...". Das Credo heißt "Produzieren! Konsumieren!". Aus der halbautomatischen werde schnell die vollautomatische Fertigung, die bald so perfekt sei, dass der Hass in Serienproduktion gehen könne: "... ein Massenmord wird nicht mehr verübt, sondern am Fließband gefertigt", heißt es bei Verhulst. Und bitter setzt er nach: Krieg sei "die höchstmögliche Ausdrucksform dieser erhabenen Spezies."

Auf die "Vernichtungsfabriken" des Holocaust folge die Atombombe. Und endlich sei der Mensch am Ziel. Per Knopfdruck könnte der ehemalige Meeresbewohner die Welt vernichten. "Endlich. Meister von allem, Herr über alles." Zuversichtlich könne er nun vorwärts blicken. "Und weitermachen in seinem Streben nach Auto und Kühlschrank für jeden. Für jeden mit weißer Haut, der nicht zu laut auf die Gewerkschaft schwört und sonntags Vater und Mutter ehrt."

Dimitri Verhulst hat ein bitterböses, brutal ehrliches Buch geschrieben. Seine 160-seitige Tour de force durch die Kulturgeschichte ist ein Rundumschlag. Ein Blick in den Spiegel, aus dem den Leser eine Fratze ansieht. Wegsehen ist zwecklos. Zu treffsicher ist die Beweisführung des Schriftstellers, zu glänzend ist sein Sarkasmus - zu beeindruckend ist "Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten".

Dimitri Verhulst: "Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten" Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, Sammlung Luchterhand, München, 2010, 160 Seiten, 8 Euro, ISBN 978-3-630-62176-0

Hier bestellen...