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Ruhrgebiet ist Kulturgebiet

Michael Staab • 30. January 2010

Foto: Cellistin im Sonnenaufgang auf Schacht Franz Haniel 2, Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop / Montage: RUHR.2010
Cellistin im Sonnenaufgang auf Schacht Franz Haniel 2, Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop / Montage: RUHR.2010

Es war ein riesiges Volksfest. Mehr als 100 000 Menschen waren dabei, als auf der Zeche Zollverein das Projekt Kulturhauptstadt Ruhr. 2010 feierlich eröffnet wurde. Statt Kaiserwetter herrschte Schneetreiben. Die Minusgrade ließen die zahlreich erschienene Prominenz aus Politik, Kultur und Wirtschaft eng zusammenrücken und dabei besonders warme Worte für die Region Ruhrgebiet, ihre Menschen und die mit der Kulturhauptstadt 2010 verbundenen Hoffnungen auf einen nachhaltigen Strukturwandel finden.

Hell erleuchtetes Revier

Das Feuerwerk zum Abschluss erinnerte dennoch manchen an andere, große Zeiten: Als beim Anstich der Hochöfen der Funkenflug des flüssigen Stahls den Himmel überm Revier hell erleuchtete. Die Stadt Essen trägt nun für ein Jahr den europäischen Kulturhauptstadttitel, stellvertretend für 53 Ruhrgebietsstädte mit insgesamt zirka 5,3 Millionen Einwohnern, dem drittgrößten Ballungsraum Europas nach Paris und London.

Etwa 300 große und kleine Projekte und 2500 Veranstaltungen aus Kunst und Kultur sollen mit neuen Bildern, Angeboten und Aktivitäten die alten Klischees ersetzen und den Menschen der Region ein neues Selbstverständnis und Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln.

Leistung der Sozialdemokraten

Seit dem Niedergang von Kohle und Stahl hat sich das Ruhrgebiet zu einer dezentralisierten europäischen Kulturmetropole gewandelt. Seit den 1990er Jahren ersetzen Bildung und Wissenschaft, Kunst und Kultur, Medien und Dienstleistungen zunehmend die in der Montanunion gewachsenen schwerindustriellen Strukturen. Heute gibt es in der Region nicht weniger als 200 Museen, 100 Kulturzentren, 100 Konzerthäuser, 120 Theater, 250 Festivals und Feste, 3500 Industriedenkmäler und 19 Hochschulen.

Bereits 2001, noch unter SPD-Regierung, wurde deshalb die Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt beschlossen. Nach einer dreijährigen intensiven Arbeitsphase unter dem Motto "Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel" konnten sich Essen und das Ruhrgebiet 2004 gegen die NRW-Mitbewerber Köln und Münster durchsetzen, um 2006 endgültig den Titel zugesprochen zu bekommen.

Nicht nur Leuchtturmprojekte

Der war hart erarbeitet: Die nach der Benennung gegründete Organisation "RUHR 2010 GmbH" konnte auf vieles aufbauen, was bereits in den Jahren vor dem Regierungswechsel 2005 an Kulturstrukturen geschaffen wurde. Die Bauausstellung Emscher Park, die Jahrhunderthalle, die Zeche Zollverein, das Gasometer oder der Landschaftspark in Duisburg, Ruhrtriennale und Ruhrfestspiele sind nur einige Beispiele für eine bunte, vielschichtige Region mit einer großen kulturellen Szene.

Dabei war es den im Kulturbereich aktiven Sozialdemokraten immer wichtig, nicht nur auf konservative "Leuchtturmprojekte" der Hochkultur zu setzen, sondern für eine nachhaltige Vernetzung der vielfältigen sozio-kulturellen Aktivitäten zu sorgen. Auch die aktive Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren stetig steigenden

Beschäftigungs- und Umsatzzahlen bietet einer Region mit hoher Arbeitslosenzahl eine großartige Chance zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation. Darüber hinaus leistet die Kulturwirtschaft mit ihren kreativen Erzeugnissen, Produkten und Projekten einen unverzichtbaren Beitrag zur gesellschaftlichen Innovation.

Kultur schafft Identität

Dennoch sollte man sich davor hüten, nun gleich eine Kulturschwerindustrie an der Ruhr ausrufen zu wollen. Kultur ist in einem europäischen Land nicht ausschließlich Wirtschaftsfaktor, auch nicht Staatsziel, sondern vielmehr Staatsbasis. In den letzten Jahren ist die bedauerliche Entwicklung zu beobachten, dass Kunst und Kultur nicht mehr dem sozialen, sondern eher dem ökonomischen System zugeordnet und als sogenannter weicher Wirtschaftsfaktor betrachtet werden.

Im Bewusstsein der Bevölkerung entsteht so der Eindruck, dass es sich bei den aktuellen Debatten über Einschränkungen in der Kulturförderung um reine Verteilungskämpfe der Kulturschaffenden handelt. Dabei wird übersehen, dass es hier um den Verlust bürgerlicher und sozio-kultureller Errungenschaften geht. Der soziale Auftrag von Kunst und Kultur ist es nicht, finanziellen Mehrwert zu schaffen, sondern unabhängige und immaterielle Werte, um damit in guten wie in schlechten Zeiten die Gesellschaft zu stabilisieren und den Menschen so Orientierungs- und Reflektionsmöglichkeiten in einer immer komplexeren Umwelt zu bieten.

Modellversuch für Europa

Vielleicht kann das Revier trotz seiner wechselhaften Geschichte mit dem Titel der europäischen Kulturhauptstadt die einzigartige Chance wahrnehmen, durch überzeugende und gesellschaftlich nachhaltige Kulturarbeit eine gemeinsame Identität zu entwickeln und durch die Vielzahl von vernetzten Kulturprojekten für Integration und ein kreatives Mit­ein­ander zu sorgen, auch über 2010 hinaus.

Das wäre auch für andere Regionen Europas richtungweisend, ein Modellversuch für die großen, im europäischen Maßstab anstehenden Entwicklungen im Miteinander innerhalb einer lebenswerten, modernen Gesellschaftsform.

Mehr Informationen zur RUHR.2010 auf www. ruhr2010.de

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