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Icon   Über das Scheitern der Bundeswehr in Afghanistan

"Stabilität ist nicht nichts"

Christine Grube • 22. January 2010

Foto: pixelio/ TIM Caspary
Foto: pixelio/ TIM Caspary

Es ist die Innenansicht eines Soldaten, auf dessen Lager in Kunduz fast täglich Raketen hagelten und dessen Kameraden Opfer von Sprengfallen und Hinterhalten wurden. Marc Lindemann hat sein Buch "Unter Beschuss - Warum Deutschland in Afghanistan scheitert" kurz nach der Rückkehr aus dem Einsatz geschrieben. "Ich möchte eine Stimme im Auftrag der Soldaten sein", sagte Lindemann bei der Buchvorstellung in Berlin. " Wenn mir das gelingt, habe ich mein Hauptziel erreicht."

Zurück in Deutschland ist Lindemann mit seinen Erlebnissen aus der Krisenregion in erster Linie auf Unverständnis gestoßen. Es gebe kein wirkliches Interesse für seine Eindrücke, seine Themen seien keine Partygespräche. Enttäuschung und Wut darüber haben ihn veranlasst, mit den Verantwortlichen ins Gericht zu gehen und die mangelnde Anerkennung für die Soldaten anzuprangern: "In den Augen einer überragenden Mehrheit kämpft eine kleine Gruppe von Freiwilligen (was unterschwellig impliziert, dass diese sich das selbst eingebrockt hat und sich daher auch nicht beschweren darf) einen unverständlichen Kampf in einem Haufen Geröll namens Afghanistan. Was sich dort, Tausende Kilometer entfernt, zuträgt, interessiert deutsche Staatsbürger grundsätzlich so gut wie überhaupt nicht", heißt es dazu in seinem Buch.

Das Buch behandelt viele Themen: neben dem Islam spielen auch der "Mythos vom Wiederaufbau" in Afghanistan und der von Bundeswehroberst Georg Klein am 4. September angeordnete Luftschlag auf zwei Tanklastwagen eine zentrale Rolle. Das Vokabular ist das eines Soldaten, der wenig davon hält, das Wort "Feind" durch das Wort "Gegner" zu ersetzen. Dennoch: "Die Lektüre ist in jedem Fall lohnenswert. Man hätte sich aber eine gewisse Distanz in der Sache gewünscht", sagte Susanne Koelbl, Spiegel-Autorin und Afghanistan- Kennerin, bei der Buchvorstellung.

Alle Chancen für Stabilität zu sorgen vertan

"Unter Beschuss" sei nicht nur das Lager der deutschen Soldaten in Kunduz, "unter Beschuss sind auch alle anderen in dem Buch", sagte Susanne Koelbl weiter. Vor allem mit der Politik, speziell mit Bundesverteidigungsminister a.D. Franz-Josef Jung und Generalinspekteur a.D. Wolfgang Schneiderhan rechnet der Autor schonungslos ab: "Wahrscheinlich warten die Soldaten, die heute durch die Erfahrungen eines Krieges geformt werden, vergebens auf eine gradlinige Führung, die sie verdienen. Offiziere vom Schlag des ehemaligen Generalinspekteurs gingen nie durch die realen Prüfungen eines Kampfeinsatzes. Sie wurden in Stäben und Ämtern sozialisiert, die stets näher an der Politik waren als an der Truppe."

Noch nie seit Beginn des Einsatzes in Afghanistan im Jahr 2002 sei die Sicherheitslage so schlecht gewesen, sagte Lindemann. Es wurden alle Chancen, für Stabilität am Hindukusch zu sorgen, vertan. Weder wurde gegen Korruption und Drogenhandel vorgegangen, noch das Land konsequent entwaffnet. "Die Ziele, was am Hindukusch erreicht werden kann, müssen der Realität angepasst werden - das bedeutet auch eine Abkehr von der Vorstellung, man könnte dort eine Demokratie nach amerikanischem Vorbild errichten. Stabilität ist nicht nichts. Wenn wir es schaffen, die herzustellen, können alle Hilfsorganisationen das erreichen, was sie wollen", sagte der 32-jährige Autor am Donnerstag in Berlin.

Marc Lindemann, Unter Beschuss - Warum Deutschland in Afghanistan scheitert, Econ Verlag, 18,95 Euro, ISBN: 987-3-430-30046-9

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