Artikel (Archiv) > Muslime - Fremdkörper der Grande Nation?

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Debatte um nationale Identität in Frankreich

Muslime - Fremdkörper der Grande Nation?

Lutz Hermann • 08. January 2010

Foto: pixelio, cornerstone
Foto: pixelio, cornerstone

Bis Ende Februar, so die Anregung des konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy, soll die Debatte gehen. Parallel dazu sucht eine Parlamentariergruppe bis Ende Januar Antworten. Der Zweck der landesweiten öffentlichen Aussprache, zu denen die Präfekten ganz offiziell einladen, soll eine bessere Integration der Migranten sein. Doch der Meinungsaustausch hat sich zu einer scharfen Polemik um Anwürfe ausgeweitet, Besson wärme nur die fremdenfeindlichen Thesen der Abgrenzung zu den Einwanderern in Frankreich auf. Der Rechtsradikalenführer Jean-Marie Le Pen reibt sich ohnehin freudig ie Hände.

SOS Rasismus: Debatte beenden!

Der Flirt mit dem rechtsradikalen Gedankengut hat die Vereinigung SOS-Rassismus auf den Plan gerufen. Ausländerhass mache sich in vielen Beiträgen breit, kritisiert sie und fordert ein Ende der Debatte. Renommierte Intellektuelle veröffentlichen eine Petition an Sarkozy, die "nationalistische Standortbestimmung" abzublasen. In einer Meinungsumfrage des Pariser Forschungsinstituts CSA ist die Hälfte der befragten Franzosen mit der Diskussion unzufrieden, weil sie den Islam rundweg als Fremdkörper in der Grande Nation darstellt. Jeder Vierte der Umfrage hat keine Meinung, nur der Rest von 25 Prozent ist mit den Reizthemen einverstanden.

Die sozialistische Opposition vermutet als Hintergrund der plötzlich ausgerufenen Identitätsdiskussion die Regionalwahl im März. Da muss die Regierungspartei UMP in den 22 Regionen mit herben Verlusten rechnen. Eine Niederlage will Sarkozy mit allen Mitteln vermeiden.

Seine Halbzeitbilanz - er wurde im Mai 2007 als Nachfolger von Jacques Chirac für 5 Jahre in den Elysee gewählt - ist ohnehin mager und mäßig. Umfragen zu seiner Popularität sind grottenschlecht. Ein Rückschlag in der Märzwahl wird mit Sicherheit die Frage aufwerfen, ob für den 55-jährigen Sarkozy der politische Niedergang eingeleitet ist. Allein die Unruhe in der Mehrheit läßt sich nicht verstecken: Sarkozy habe als Wahlmagnet ausgedient, sagen die einen.

Die anderen sehen die Regionalwahl als letzte Chance, verlorengegangene Wählerschichten
zurückzubringen. Die Debatte offenbart, wie emotional die Diskutanten sich äußern. Ex-Justizminister Pascal Clement hielt sich nicht zurück: "Wenn wir in Frankreich bald so viele Minarette wie Kirchen haben, dann ist das nicht mehr Frankreich!" Familienministerin Nadine Morano sieht einen jungen Muslimen in ihrer Heimat so: Er soll Frankreich lieben, die Marseillaise singen, eine Arbeit finden, ordentlich französisch sprechen und seine Kappe nicht schief aufsetzen. UMP-Fraktionschef Jean-Francois Cope kündigt ein Gesetz an, dass islamischen Frauen das Tragen der Ganzkörperbekleidung Burka in der französischen Öffentlichkeit verbietet. Zuwiderhandlungen sollen mit 750 Euro Geldstrafe geahndet werden.

Drei Ex-Premiers: Stammtischorientiert!

Gleich drei konservative Ex-Premiers halten die Identitätssuche für kontraproduktiv. Eine solche Debatte wird die Integration kaum fördern. Jean-Pierre Raffarin findet sie flach und stammtischorientiert, Alain Juppe und Dominique de Villepin winken ab, sie sei eher schädlich als richtungweisend!

Minister Besson will jedoch kein vorzeitiges Diskussionsende. Sie soll bis Ende Februar laufen, just bevor der Wähler an die Urne geht. Vor der Pariser Presse behauptet er jetzt, die große Mehrheit von 50.000 eingegangenen Mails seien positive Beiträge. Vielleicht jeder Fünfte hätte sich über Internet abfällig, fremdenfeinlich und rassistisch geäußert. "Eine Karikatur unserer Konferenzen hat es nicht gegeben!" Bessons weitere Erkenntnis: "Die übergroße Mehrheit respektiert gewissenhaft unsere republikanischen Werte!" Der renommierte Historiker Emmanuel Todd sieht das anders: "Hier wird Hass gesät!" Unter den Muslimen sei keiner, der die Debatte verstehe.

Lesen Sie hierzu auch die Buchrezension von Kay Sokolowsky: Feindbild Moslem Gefährliche Parallelen: Islamhasser und Neonazis Offener Rassismus wird in Deutschland seit Jahrzehnten geächtet. Doch das könnte sich bald ändern. Das behauptet jedenfalls der Autor Kay Sokolowsky. Die weit verbreitete Abscheu vor dem Islam, die einige Politiker und Medien schürten, sei oftmals der alte Rassismus in neuem Gewand, lautet die These seines provokanten Buches.

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Westend Verlag

Icon Rezension; Jürgen Roth: „Gazprom – Das unheimliche Imperium"

Putins unheimliches Imperium

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

Cengos (Abdullah Ado) Kindheit endet mit schmerzhaften Verlusterfahrungen.

Icon Film der Woche: Mes – Lauf!

Der stumme Schrei nach Leben

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt