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"Bologna-Prozess nimmt auf Studierende keine Rücksicht"

Julian Zado • 14. December 2009

Dobischat: Studiengebühren erhöhen die soziale Polarisation. Foto: © Knipsermann / PIXELIO
Dobischat: Studiengebühren erhöhen die soziale Polarisation. Foto: © Knipsermann / PIXELIO

vorwärts.de Das Deutsche Studentenwerk erhebt alle drei Jahre Daten, mit denen die soziale Lage der Studierenden zusammengefasst wird? Was sind die Ergebnisse der aktuellen Studie?

Dobischat: Das wichtigste bildungspolitische Ergebnis unserer aktuellen Studie: Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland noch immer stark über den Bildungsweg eines Menschen, vor allem der Bildungsstatus der Eltern. Von 100 Akademiker-Kindern studieren 83, von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen nur 23 den Sprung an die Hochschule. Eine solche soziale Polarisierung von Bildungschancen spricht jeder Beschwörung einer 'Bildungsrepublik Deutschland' Hohn.

Die finanzielle bzw. wirtschaftliche Situation der Studierenden ist unterschiedlich. Im Bundesdurchschnitt haben die Studierenden monatliche Einnahmen von 770 Euro - ohne Studiengebühren, wohlgemerkt.

Es gibt eine deutliche Spannweite. Ein Drittel der Studierenden hat weniger als den aktuellen BAföG-Höchstsatz von 648 Euro zur Verfügung. Ein gutes Viertel wiederum hat mehr als 900 Euro im Monat.

Die Studienfinanzierung in Deutschland ist eine klassische Mischfinanzierung, und die drei wichtigsten
Quellen sind: Eltern, Jobben, BAföG. 89% der Studierenden werden mit durchschnittlich 448 Euro im Monat von ihren Eltern unterstützt, 63% jobben neben dem Studium, wobei ein Drittel ohne den Nebenjob gar nicht studieren könnte. Ein Viertel erhält BAföG.

Welche Gruppe von Studierenden ist besonders hart betroffen?

Jenes Drittel, das mit weniger als 650 Euro im Monat auskommen und womöglich auch noch Studiengebühren bezahlen muss. Gemessen am durchschnittlichen studentischen Budget von 770 Euro macht die monatliche Belastung für 500 Euro Studiengebühren im Semester monatlich 83 Euro oder
11% aus. Studiengebühren belasten die Studierenen - und auch ihre unterhaltsverpflichteten Eltern.

Was sind die Folgen für Studierende in einer besonders schweren Lage. Hilft ihnen nicht das BAföG?

Das BAföG wird abhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt; im Jahr 2008 haben rund 510.000 Studierende BAföG erhalten, also ein gutes Viertel aller Studierenden überhaupt. Zum Wintersemester 2008 ist das BAföG nach vielen Jahren des Stillstands erhöht worden, um zum Oktober 2010 will es die Bundesregierung glücklicher Weise wieder erhöhen.

Studiengebühren werden aber nicht übers BAföG kompensiert; das wäre zwar eine elegante Lösung, aber da spielen aus verständlichen Gründen diejenigen Bundesländer nicht mit, die gar keine Studiengebühren erheben. Sie müssen wissen: Das BAföG wird zu 65% vom Bund, zu 35% aber von den Ländern finanziert! Studierende in besonders schwierigen finanziellen Lagen sollten sich unbedingt an die Sozialberatungsstellen der Studentenwerke wenden, dort finden sie kostenlose, rasche und kompetente Hilfe. Viele Studentenwerke vergeben auch Studienabschlussdarlehen oder finanzielle Unterstützung aus Notfonds.

Was sind die Schwächen des aktuellen BAföG-Systems? Was müsste man tun, um
dieser Situation entgegenzuwirken?

Das BAföG ist ein Erfolgsmodell und hat sich in bald 40 Jahren bewährt. Fast vier Millionen Menschen konnten dank BAföG studieren - ich selbst übrigens auch. Von daher fällt es mir schwer, von Schwächen zu sprechen.
Aber eine gibt es dennoch: Dass es von politischen oder auch konjunkturellen Stimmungen oder Schwankungen abhängig ist, ob und wie es erhöht wird. Wir brauchen eine regelmäßige Anpassung an die Preis- und Einkommensentwicklung.

Das BAföG ist das Schlüsselinstrument für mehr soziale Durchlässigkeit in unserem selektiven Hochschulsystem, und die Politik sollte endlich einen Automatismus einführen, dass es mit der Preis- und Einkommensentwicklung Schritt hält.

Hat der Bologna-Prozess die Lage noch verschärft?

So wie Bachelor und Master bisher umgesetzt wurden, musste es zu den Zeitkonflikten kommen, gegen die die Studierenden dieses Jahres so massiv protestiert haben. Bisher wurde im Bologna-Prozess auf die finanzielle und soziale Lage der Studierenden so gut wie keine Rücksicht genommen. Das haben wir als Deutsches Studentenwerk immer und immer wieder kritisiert.

Dabei geht es bei Bologna zuallererst um die Studierenden. Die ganzen Reformen sind doch eigentlich für die Studierenden gemacht: Sie sollen besser, schneller, erfolgreicher, praxisnäher und mobiler studieren können. Wie soll aber jemand die extreme Prüfungsdichte und die offenbar heillos überfrachteten

Curricula durchstehen, wenn er nebenbei jobben muss?

Die viel zitierte und viel beschworene 'soziale Dimension' des Bologna-Prozesses muss endlich konkretisiert werden. Die 20 Millionen Studierenden im Europäischen Hochschulraum von 46 Ländern brauchen eine verlässliche Studienfinanzierung, sie brauchen ein Dach über dem Kopf und gute Beratung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Julian Zado, Herausgeber des Buchs " Hochschulen im Wettbewerb", erschienen im Dietz-Verlag und stellv. Landesvorsitzender der Jusos Berlin.

Prof. Dr. Rolf Dobischat, geboren 1950, startete seine wissenschaftliche Karriere über den Zweiten Bildungsweg. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann von 1964 bis 1967 erwarb er parallel zum Beruf die Hochschulreife. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspädagogik und Sozialwissenschaften in Kassel, Marburg und Göttingen war er von 1978 bis 1991 als wissenschaftlicher Angestellter an den Universitäten Kassel, Karlsruhe und der FernUniversität Hagen tätig. Während seiner Studienzeit engagierte sich Dobischat Anfang der 1970er Jahre in unterschiedlichen Funktionen in der studentischen Selbstverwaltung. Er promovierte zum Dr.rer.pol. und habilitierte in Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Weiterbildung. Seit 1991 ist er Professor für Wirtschaftpädagogik an der Universität Duisburg. Von 2003 bis 2004 war Prof. Dobischat Vorsitzender der Gründungskommission der nunmehr fusionierten Universität Duisburg-Essen und ab 2004 Wissenschaftlicher Direktor der »Ruhr Campus Academy (RCA). Am 31. Mai 2006 wurde Dobischat zum Präsidenten des Deutschen Studentenwerks gewählt. Er ist außerdem Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung. Foto: Kay Herschelmann

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