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Guter Kunde, schlechter Kunde

Kai Doering • 10. December 2009

Von Verbrauchern geliebt, von Banken und Versicherungen gefürchtet: Finanzexperte und Journalist Hermann-Josef Tenhagen. Foto: D
Von Verbrauchern geliebt, von Banken und Versicherungen gefürchtet: Finanzexperte und Journalist Hermann-Josef Tenhagen. Foto: Dirk Bleicker

vorwärts: Herr Tenhagen, wie geht es den deutschen Banken im Jahr zwei der Finanzkrise?

Hermann-Josef Tenhagen: Einigen geht es richtig gut, anderen eher schlecht. Entscheidend wird die Frage sein, wie die Banken und Sparkassen mit der zweiten Runde der Finanzkrise klar kommen. Wenn jetzt Firmen pleite gehen und Menschen arbeitslos werden, wirkt sich das auch auf das Portfolio einer Bank aus. Bisher ist es so gewesen, dass der Staat dafür garantiert hat, dass die Bankiers weitermachen können wie bisher. Das ist manchmal ärgerlich für den Kunden, weil der Zinssatz für einen Dispo-Kredit bei vielen nur ein Prozent niedriger liegt als vor eineinhalb Jahren - und das, obwohl die Leitzinsen im selben Zeitraum um drei Prozent zurückgegangen sind. Die Banken versuchen, sich auf Kosten der Kunden gesund zu stoßen.

Kriegen die Kunden das mit?

Viele Kunden bekommen viele Dinge nicht mit. Wenn Sie ein guter Kunde sind, werden Sie von der Krise kaum etwas spüren. Möglicherweise werden Sie sogar besser behandelt als früher. Wenn Sie kein so guter Kunde sind, mit Ihnen also nicht so viel Geld zu verdienen ist, dann werden Sie schlechter behandelt. Die Differenzierung, wie Banken ihre Kunden behandeln, hat zugenommen.

Wie äußert sich das?

Indem man sich um die guten Kunden inhaltlich mehr kümmert und indem man ihnen bessere Angebote macht. Am schönsten kann man das bei der Baufinanzierung sehen. Baukredite sind relativ preiswert für Leute, die Geld haben und die Hälfte ihres Hauses von vornherein selbst bezahlen. Wenn so ein Kunde zu einer deutschen Großbank geht, muss er vielleicht mit vier Prozent Kreditzinsen rechnen. Wer dagegen nur die Nebenkosten selbst tragen kann und das gesamte Haus über einen Kredit finanzieren möchte, bezahlt vielleicht fünfeinhalb Prozent Zinsen.

Trifft diese Zweiklassengesellschaft auch Kunden, die nur ein Girokonto bei ihrer Bank haben?

Hier ist das Problem ein anderes. Viele Leute betreiben ihr Girokonto nach wie vor nicht kostenlos, obwohl das möglich ist. Mit ein wenig Ungeschicklichkeit können Kunden hier bei Kosten von bis zu 200 Euro pro Jahr landen. Allerdings gibt es auch bei kostenlosen Konten Fallstricke. In manchen Fällen wird zwar keine Grundgebühr fällig, aber sobald er einen Einzahlungsbeleg an die Bank schickt, muss der Kunde fünf Euro bezahlen. Das steht zwar alles in den Geschäftsbedingungen, aber die Leute machen sich häufig nicht klar, wie oft sie auf diese Art Überweisungen vornehmen.

Ab 1. Januar 2010 gibt es eine Dokumentationspflicht für Bank­beratungsgespräche. Führt das zu mehr Transparenz?

Das ist ein guter Schritt. Allerdings ist diese Dokumentation zweischneidig. Für denjenigen, der sich gut vorbereitet, ist so ein Protokoll klasse. Der Banker muss ihm erklären, wie das Produkt funktioniert und alles wird schriftlich fixiert. Für den Kunden, der nicht nachfragt und dem "Bankbeamten" alles überlässt, ist ein Protokoll schlecht. Die Bank kann es nämlich für sich nutzen, um alle Risiken, später wegen einer mangelhaften Beratung oder eines schlechten Produkts in Regress genommen zu werden, abzuwenden.

Wie lautet Ihr Rat?

Die Kunden sollten sich stärker mit dem Produkt beschäftigen, bevor sie irgendetwas abschließen. Ich empfehle, die wichtigsten Punkte in die freien Felder eines Beratungsprotokolls zu schreiben. Jeder sollte einmal für sich formulieren, was er selbst möchte: möglichst hohe Zinsen oder viel Sicherheit. Wichtig ist natürlich auch, wann er sein Geld zurückbekommen will. Als Zweites sollte man sich klar machen, dass Bankangestellte sich letztlich nicht fundamental von der Verkäuferin bei H&M unterscheiden. Der Banker muss etwas verkaufen, damit die Bank Geld verdient und er bezahlt werden kann. Als Kunde sollte man sich daher wünschen, die Beratung in der Bank bezahlen zu müssen.

Wie bitte?

Ganz einfach: Wenn ich für die Beratung nicht bezahle, wird die Bank versuchen, hintenrum ihr Geld zu verdienen - also über verdeckte Kosten.

Wie realistisch sind solche Preis­schilder für Bankberatung?

Ich denke, wir bewegen uns immer mehr in diese Richtung. Das ist auch dringend notwendig, denn Preisehrlichkeit bedeutet: Es muss dran stehen, was welche Leistung kostet. Der Kunde muss verstehen, wo die Kosten liegen. Dafür müssen auf der einen Seite die Banken deutlich machen, wo sie ihr Geld verdienen. Auf der anderen Seite darf man von den Kunden auch verlangen, dass sie verstehen, dass Banken keine Wohltätigkeitsveranstaltungen sind. Eine Bank ist ein Dienstleister, für den ich genauso bezahle wie für den Klempner. Es muss sich aber noch stärker herumsprechen, dass man diese Dienstleister vergleichen und an ihrer Qualität etwas ändern kann. Im Zweifel hilft der Wechsel.

Was kann die Bankenaufsicht tun?

An dieser Stelle für den Kunden bislang wenig. Leider gibt es keine Gewerbeaufsicht für Banken, an die man sich als Kunde wenden kann, wenn etwas nicht funktioniert. So ein Ansprechpartner müsste geschaffen werden. Das wird übrigens auch in der EU so gesehen.

Zum Schluss bitte noch ein Tipp: Was würden Sie noch in diesem Jahr finanziell regeln?


Jeder sollte sich zum Jahresende um seine Steuer kümmern. Geld, das man etwa für Kinderbetreuung oder Handwerker ausgegeben hat, kann man absetzen. Wenn ich zum Beispiel meine Wohnung renovieren lassen möchte, dann ist es vielleicht sinnvoll, die eine Hälfte noch in diesem Jahr zu machen und die andere erst im nächsten Jahr anzugehen. Ansonsten bringt das Tilgen von Schulden aktuell viel - viel mehr Rendite als sichere Anlagen.

Interview: Kai Doering

Das Interview erschien in vorwärts 12/2009/1/2010.

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