Im Saarland markieren an vielen Stellen Wasserläufe die Grenze zu Frankreich. Man könnte meinen, dies seien natürliche Hindernisse, als Grenzmarkierung aufs Beste geeignet, aber in vielen Fällen trennen sie jahrhundertealte Siedlungen: Kleinblittersdorf und Grosbliderstroff, Großrosseln und Petite Rosselle, Bliesguersviller und Bliesgersweiler Mühle. Wo war da die Grenze, als diese Orte über viele Jahrhunderte gemeinsame Heimat waren, und der Fluss sie als Lebensader verband und nicht trennte.
Ja,ja! Gut!, werden Sie sagen, durchaus interessant, aber was ist denn nun mit Leidingen. Sie versprachen uns eine Hochzeit und reden vom Trennenden - dann sollte doch wohl eher von einer Scheidung die Rede sein als von einer Hochzeit, geschweige denn von einer Silberhochzeit.
Nun, dann erst einmal zu Leidingen. Leidingen ist ein Zweihundert Seelen Dorf im Saargau - "aufem Gau" sagen die Einheimischen. Es liegt in einer herbschönen Landschaft und dabei mitten auf
der Grenze und das im Wortsinne: Die Landesgrenze trennt den Ort in zwei Teile und verläuft mitten auf einer Straße. Je nachdem, von wo man kommt, sind die Häuser links französisch und rechts
deutsch oder umgekehrt. Das ursprünglich lothringische Dorf wurde mit Napoleons Niederlage zum "Grenzfall", indem die Siegermacht Preußen die Rheinprovinz anstelle der Vielzahl linksrheinischer
Herrschaften etablierte und neue Grenzen definierte. 1871 wurde der Ort wieder im Reichsland Elsass-Lothringen vereinigt und 1919 erneut geteilt. Von einem unrühmlichen Zwischenspiel im Zweiten
Weltkrieg abgesehen, hält dieser Zustand bis heute an. Ein Dorf, ein Dialekt, zwei Nationen, zwei Sprachen.
Alfred Gulden hat den verschlafenen, abgelegenen Ort vor 25 Jahren in einem Roman zum Schauplatz einer Hochzeit über die Grenze hinweg gemacht, allerdings keine Hochzeit der Feinde, wie
noch bei Stefan Andres. Braut und Bräutigam sind aus demselben Ort, aus Leidingen. Die Verbindung der beiden bringt die Familien für einen Tag zusammen, Hochzeiten müssen nun einmal feierlich
besiegelt werden, wobei nach dem Kirchgang vor allem gegessen und getrunken wird. Wer genau beobachtet, erfährt an solchen Tagen viel, sehr viel über die Versammelten, über Junge und Alte, über
Frauen und Männer.
Gulden nutzt das Treffen, um die Lebensgeschichten der unterschiedlichen Generationen zu schildern. In ihren Dialogen, in den harmonischen, fast sentimentalen Passagen, die wiederum zu gelegentlichen Disharmonien sich verändern, in ihren Alltagsgeschichten spiegelt sich die Vergangenheit und Gegenwart der beiden ehemals verfeindeten und jetzt zur Zusammenarbeit bereiten Nationen wieder.
25 Jahre sind seitdem vergangen. Ist das Paar noch zusammen? Ich hoffe es und ich hoffe, dass sie auch die Silberhochzeit wieder gerne und ausgiebig gefeiert haben. Die Grenze gibt es zwar
immer noch, aber das sie schützende Personal ist verschwunden. Die Währung ist mittlerweile dieselbe - Franc und D-Mark sind Vergangenheit. Trotzdem wird es noch eine Weile dauern, bis das
Gemeinsame das Trennende ganz überwunden hat, wie bei allen Grenzen, auch bei der in Berlin.
Der Roman ist wieder aufgelegt: Alfred Gulden, Die Leidinger Hochzeit, Allitera-Verlag, 12,90 Euro
Alfred Gulden:
Die Leidinger Hochzeit
Roman, ISBN: 978-3-86906-071-2, Allitera 120 S., Paperback, 12.90 Euro







