Ein soeben veröffentlichter Bericht des staatlichen "Observatoire Nationale" kritisiert ungeschminkt, in den "sensiblen Kommunen" im Norden und Osten der Millionenmetropole habe sich seit sechs Jahren nichts geändert. Seit 2005, als die Welt drei Wochen lang die Gewaltausbrüche der Pariser Vorstadtjugend verfolgte, hätten die Regierungen in Paris versagt.
Staatschef Nicolas Sarkozy versprach zwar, persönlich in Clichy-sous-Bois zu erscheinen und tiefgreifende Reformen den frustrierten Landsleuten anzukündigen. Aber einen lärmenden, Empfang, den vor allem junge Menschen angekündigt hatten, wollte er nicht riskieren. Die Bürger warten noch immer. Isoliert, ignoriert und vergessen, das ist der Eindruck der meisten Bewohner in den schäbigen Vierteln im Schatten von Paris.
Ein Drittel unter der Armutsgrenze
Die Berichterstatter haben die heruntergekommenden Bezirke in "sensible urbane Zonen" eingeteilt. Das macht ein halbes hundert Gemeinden mit insgesamt 4,5 Millionen Einwohnern aus. 40 bis 60
Prozent sind Einwandererfamilien. Die Arbeitslosigkeit ist das Krebsleiden der Ghettos, wird seit Jahren beklagt. 41,7 Prozent unter den 15- bis 24-Jährigen. Die Studie zählt ein Drittel auf, die
unter der Armutsgrenze leben, fast jeder zweite 18-Jährige.
Immerhin hat Sarkozy versucht, eine Spezialistin als Staatssekretärin für Stadtentwicklung zu ernennen, die jahrelang selbst in den Banlieues gelebt hat und aus Algerien stammt, Fadela
Amara. Viel hat sie in den zweieinhalb Jahren ihrer Arbeit nicht erreicht, ein wenig mehr Schulabgänger mit Abschlüssen und Diplomen, etwas mehr Lehrstellen und beharrliches Werben bei
Großunternehmen in Paris, Zweigstellen, Werkshallen zur Berufsausbildung und Produktionsstätten in die Vororte zu verlegen. Hunderte folgten ihrer Einladung. Auch für das Auge wurde einiges
unternommen, die schäbigen Mietshäuser wurden ausgebessert, Wohnungen renoviert, Sportanlagen gebaut. Aber einen spürbaren Wandel in ihrer Kommune vor den Toren von Paris haben die Menschen
nicht gesehen.
Für Sarkozy hat Sicherheit absoluten Vorrang
Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, die auch Frankreich schwer traf, hat die Lage in den Wohnsiedlungen noch verschärft. Amaras ehrgeiziger Plan "Espoir Banlieues" (etwa
Hoffnung in den Gemeinden) liegt zwar nicht auf Eis, aber er hat bisher keinen Hoffnungsschimmer aufkommen lassen. Dass die Finanzmittel nicht ausreichten, hat "Madame Banlieue" nicht zugegeben.
Der Sozialist Claude Dilain sieht das Elend jeden Tag: "Sarkozy reist in die Nachbarkommunen, nur um mehr öffentliche Sicherheit zu verkünden", kritisiert der Bürgermeister von Clichy-sous-Bois
im Departement Seine-Saint Denis: "Die Krise hat die Situation zweifellos verschlimmert". Paris schiebe immer mehr Ausländer und Emigranten in die Banlieues ab. Wer dort lebe, habe keine Chance,
einen Job zu finden. "Die Jugendlichen sind stigmatsiert".
Dilain, Präsident auch des mächtigen Verbandes "Stadt und Kommune", sagt, seine Kollegen hätten die gleichen Sorgen wie er - der Gewaltausbruch könne jeden Augenblick nicht nur in Clichy
wieder losgehen. Deshalb warnt der Bürgermeister in einem Interview mit "Le Monde" eindringlich; "Wir haben Paris auf den Ernst der Lage mit deutlichen Worten hingewiesen. Geht die Randale
wieder los, werden wir auf die Versager zeigen, auf den Präfekten, die Minister, auf den Präsidenten". In Klarschrift; Sie müssen dann die Suppe auslöffeln, "die sie uns eingebrockt haben". "Le
Monde" drängt Sarkozy und die Regierung: "Frankreich kann die Ghettos unmöglich hinnehmen, es sei denn, das Land wolle weiter mit der Aussicht auf schwere Krisen in den Banlieues leben".







