Artikel (Archiv) > Die zerrissenen Seiten der Bibel

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Péter Nádas: "Die Bibel. Erzählung"

Die zerrissenen Seiten der Bibel

Julia Hamann • 25. November 2009

Berlin Verlag
Berlin Verlag

Als Péter Nádas 1962 seine Novelle schrieb, waren die politischen und gesellschaftlichen Folgen des sechs Jahre zurückliegenden Volksaufstands noch deutlich zu spüren: "Die Gefängnisse waren voll in Ungarn", so der Schriftsteller. Vor diesem Hintergrund empfanden die kommunistischen Machthaber schon den Titel von Nádas´ Werk - "Die Bibel" - als reine Provokation. Wurde doch gerade in den Jahren zuvor alles dafür getan, den Einfluss der Religion zu beschneiden.

Sadistische Neigungen

Péter Nádas erzählt die Geschichte, die in Teilen seine eigene ist, aus der Sicht von Gyurka, einem heranwachsenden Jungen kurz vor der Pubertät. Gyurka lebt mit seinen Eltern und Großeltern in einer Villa auf dem "Hügel", einem privilegierten Stadtbezirk von Budapest. Ursprünglich residierte hier das Bürgertum -jetzt tun es die hohen Parteifunktionäre. Die einstigen Statussymbole bürgerlichen Wohlstands, sie scheppern und vermodern, ob nun das schmiedeeisernere Tor oder das hochherrschaftliche, aber kaum noch beheizbare Landhaus.

Gyurkas Eltern haben kaum Zeit für ihren Sohn. Für sie steht die Partei an erster Stelle. "Was gibt´s, alter Junge", fragt sein Vater jeden Abend, ohne, dass ihn die Antwort wirklich interessiert. Sich selbst überlassen streift Gyurka tagein tagaus durch die Gegend. Seine sadistischen Neigungen kann er dabei offen ausleben: Sein erstes Opfer ist Meta, die Familienhündin, die er mit einer Hacke halb tot prügelt. Sein zweites Opfer wird Szidike, die neue Haushaltshilfe, gerade 17 Jahre alt. Er malträtiert sie, wo er kann.

Zerstörtes Symbol

Gyurka fühlt sich beflügelt von der Macht und Überlegenheit. Auf dem Höhepunkt zerfetzt er vor den Augen der strenggläubigen Mädchens eine Bibel. Szidike ist entsetzt. Für sie, die aus armen bäuerlichen Verhältnissen stammt, ist die heilige Schrift der letzte Halt, ein Quell des Trostes im tristen Alltag. Aber auch für Gyurkas Mutter, die überzeugte Funktionären, besitzt die Bibel einen großen Wert - nicht als Ausdruck ihrer Religiosität, sondern als Symbol vergangener Tage. Erinnert sie die Bibel doch an die heroischen Zeiten der kommunistischen Illegalität. Damals, als sie die Flugblätter der Partei durch die oben aufliegende Bibel zu tarnen versuchte.

Péter Nádas wirft in seinem Buch politische Fragen auf, ohne diese zum eigentlichen Thema zu machen. Mit seiner eindringliche, manchmal nüchterne bis kalte Schilderung zeichnet er ein differenziertes Bild des gesellschaftlichen Klimas. Neben den vielen sozialen und gesellschaftlichen Implikationen spielt die Charakterzeichnung des heranwachsenden Gyurka die Hauptrolle: sadistische Neigungen und Suche nach sich selbst, gepaart mit Aggressionen und unbändiger Wut. Eine kurze Meistererzählung!

Péter Nádas: Die Bibel. Erzählung, Berlin Verlag, Berlin 2009 (Originalausgabe von 1967), 80 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-8270-0712-4

Hier bestellen...

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“