Eine Autobiografie hat Marion Gräfin Dönhoff leider nie geschrieben. Doch sie hinterließ jede Menge Schriftstücke: Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Reden... Zwei ihrer engsten Vertrauten, Irene
Bauer, ihre persönliche Sekretärin im Büro der "ZEIT", und Friedrich Dönhoff, ihr Neffe und Autor, haben sie gesichtet und eine beeindruckende Lebensgeschichte zusammengestellt.
Mehr als 100 erstmals veröffentlichte Brief und Aufzeichnungen von 1926 - da war sie 17 -bis 2002 - da war sie 93 - gestatten eine fesselnde Reise durch ein Jahrhundertleben: Komtesse im
elterlichen Schloss in Ostpreußen, Studentin in Frankfurt und Basel, frühe Weltreisende, Verwalterin des Familienbesitzes während des Zweiten Weltkrieges, zu Pferde Fliehende vor der Roten Armee,
Journalistin im Westen, Chefredakteurin und Herausgeberin der "ZEIT".
Der Leser erlebt sie hautnah, die Entwicklung vom jungen Mädchen zur politischen und moralischen Instanz. Und dieses Miterleben ist überaus intensiv, denn Marion Gräfin Dönhoff erzählt ihre
Geschichte quasi selbst. Sehr sorgfältig und klug durchdacht haben Irene Bauer und Friedrich Dönhoff die Schriftstücke zusammengestellt, liebevoll mit kleinen Vorspännen und Fotos versehen. So
ist immer klar, in welchem Zeitabschnitt Marion Gräfin Dönhoff sich befindet und warum sie wem welche Zeilen zukommen ließ.
Hehre Ziele, anständige Mittel
"Jetzt werde ich bald 17 Jahre alt, ich finde das eigentlich ziemlich viel!", schreibt die Schülerin im Oktober 1926 in ihr Tagebuch. Da kann sie noch nicht wissen, was alles noch vor ihr
liegt und dass sie 1993 einer ebenfalls etwa 17-jährigen Schülerin, die sich in schwierigen Wendenzeiten mit der Bitte um Orientierungshilfe an sie wendet, Folgendes empfehlen würde: "Nicht auf
das Ziel kommt es an - hehre Ziele hat jeder - sondern auf die Mittel, mit denen es erreicht werden soll." Ein Credo, das ihr sehr wichtig gewesen sein muss, denn mit denselben Worten hatte sie
ihrem Fotografen Stefan Moser bereits zehn Jahre zuvor auf seine Frage "Gibt es ein Ziel?" geantwortet. Und hatte damals hinzugefügt: Es komme ihr darauf an, das "Erforderliche mit Anstand,
Toleranz und Courage, das heißt ohne Angst und Zögern zu tun.
Marion Gräfin Dönhoff hat stets dananch gehandelt: zuallererst als fürsorgliche Tante (sie kümmert sich um die drei Kinder ihres Bruders Heinrich, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben
kam, genauso wie um die ihrer an Kindbett verstorbene Schwester Christa. Ihre Briefe die Kinder, die Mutter, die Geschwister zeugen von einer außergewöhnlichen Kraft und Wärme. Zeitlebens ist sie
gern gesehener Gast bei Schülern und Studenten.
Während der Zeit des Hitlerfaschismus verwaltet sie nicht nur auf sich allein gestellt - die Männer waren alle im Krieg - den Familienbesitz, sondern weiß auch vom geplanten Hitlerattentat
am 20. Juli 1944. Jemand denunziert sei, doch sie kann glaubhaft versichern, dass es sich um einen Racheakt wegen früherer Streitigkeiten handelt und kommt davon.
Auch als couragierte Journalistin bleibt sie sich treu. So verlässt sie1954 kurzerhand die Redaktion der "ZEIT", als es Meinungsverschiedenheiten über deren politische Linie gibt. Auslöser
ist ein Beitrag des Staatsrechtlers aus dem "Dritten Reich" und Mitbegründers der faschistischen Theorie Carl Schmitt. "Soll man führende Nazis (oder sagen wir es neutraler: im damaligen
'Geistes-leben' oder dem damaligen Apparat verantwortliche nationalsozialistische Persönlichkeiten) in der ZEIT schreiben lassen? Ich verneine diese Frage..."
Konstruktive Diskussion, kluge Beratung
Sie unterstützt Willy Brandts Ostpolitik, wofür sie später den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. "Ein Problem, das mich bis in meine Träume verfolgt, ist das unserer
Ostgrenze", schreibt sie. Sie bewundert den stringenten Bundeskanzler Helmut Schmidt und streitet mit ihm über die deutsche Außenpolitik, das Verhältnis zu den USA und zur Sowjetunion. Und sie
hilft dem erkrankten russischen Dissidenten Andrej Sacharow.
Engagiert ist ihre Kritik am Kapitalismus: "Ein Wandel der Maßstäbe ist notwendig. Das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft ist als Wirtschaftsprinzip unentbehrlich, aber es darf nicht als
Entschuldigung für Nichthandeln missbraucht werden. Das Gemeinwohl muß wieder an die erste Stelle rücken. Es ist ein Skandal, daß Gewalt Korruption und ein egozentrischer Bereicherungstrieb als
normal angesehen werden, während ein unter Umständen sich regendes Unrechtsbewußtsein kurzerhand mit dem Hinweis auf die 'Selbstregelung des Marktes' beschwichtigt wird. Wir haben es satt in
einer Raffkegesellschaft zu leben, in der Korruption nicht mehr die Ausnahme ist und sich alles nur ums Geldverdienen dreht. Es gibt Wichtigeres im Leben des Einzelnen und der Nation", ist sie
mit über 80 Jahren ganz sicher.
Bereits 1980 hatte sie Willy Brandt die Bildung eines beratenden Gremiums bestehend aus unabhängigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vorgeschlagen. Ein Gedanke, der sie nie
loslässt, den sie angesichts der Politikverdrossenheit in den 90er Jahren 85-jährig erneuert und schließlich durchsetzt. Im Januar 1996 findet das erste Zusammentreffen der "Neuen
Mittwochsgesellschaft" statt. Seither trifft sich der Kreis, ergänzt jeweils durch einen Referenten zu einem bestimmten Thema, regelmäßig.
Geworben hatte Gräfin Dönhoff dafür mit einem Schreiben, in welchem es unter anderem heißt: "Das wissenschaftlich-technische Zeitalter hat im Verein mit den Gesetzen des Kapitalismus die
Leistung und den materiellen Erfolg ins Zentrum allen Handelns gerückt - dadurch sind allmählich Geist, Kultur, Kunst immer mehr an die Peripherie gedrängt worden; aber reicht es aus, die
Wirtschaft zur Basis und alleinigen Philosophie des Staates zu machen? Zu seiner ausschließlichen raison d'étre? Auch den Einzelnen kann es nicht befriedigen, das alles Denken durch
wirtschaftliche Erwägungen absorbiert wird. Der Mensch braucht schließlich einen Sinn im Leben. Eine Gesellschaft ohne Spielregeln, ohne ethische Normen und moralische Maximen kann auf lange
Sicht keinen Bestand haben. Groß ist heute in der allgemeinen Ratlosigkeit das Bedürfnis nach Orientierung."
Marion Gräfin Dönhoff gab und gibt vielen Orientierung. Irene Bauer und Friedrich Dönhoff ist für diesen überaus lebendigen, überzeugenden Einblick in ihr Leben und Denken zu danken.
Marion Gräfin Dönhoff: Ein Leben in Briefen, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2009 304 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-45550118-6







