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Joachim Ringelnatz – Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin!

Julia Hamann • 17. November 2009

Foto: Verlag Berlin Brandenburg
Foto: Verlag Berlin Brandenburg

Als Joachim Ringelnatz 1930 von München nach Berlin zog, stand die Metropole schon seit längerem im Zentrum seines literarischen Schaffens. Die vergnügungssüchtige und kreative Hauptstadt der Moderne faszinierte ihn. Weltoffen und tolerant, so präsentierte sich Berlin. Die NSDAP schien hier, 1930, kaum mehr als ein vorübergehender Spuk zu sein.

Die Nachtigall am Sachsenplatz

Ringelnatz, wie sich Hans Bötticher seit 1919 nannte, blickte optimistisch, geradezu euphorisch in die Zukunft. Die Freude, endlich in Berlin, am Sachsenplatz, angekommen zu sein, drückte er in mehreren Gedichten aus. Im "Am Sachsenplatz: Die Nachtigall" heißt es:

Es sang eine Nacht…
Eine Nachti…
Ja Nachtigall am Sachsenplatz
Heute morgen. - Hast du in Berlin
Das je gehört? - Sie sang, so schien
Es mir, für mich, für Ringelnatz.

Er genoss das Leben in der Berliner Bohème in vollen Zügen. Zu seinem Freundeskreis zählten unter anderem Otto Dix, Asta Nielsen, Else Lasker-Schüler und Hans Albers. "Kuttel Daddeldu", der verkrachte Matrose - das war seine Bühnenrolle. Im Privaten glich sein Habitus dem eines Lebemannes. Nicht selten traf man ihn auf der Straße im weißen Anzug mit Weste, Gamaschen und modischen Gehstock - eher als Dandy denn als kernigen Seebären.

Auch künstlerisch zählten die Berliner Jahre zu Ringelnatz´ kreativsten. Dabei wurde die Hauptstadt selbst zum literarischen Gegenstand. In zahlreichen Gedichten beschreibt er das schöne, heitere Leben Berlins: "An, unter und neben den kleinen Linden, / Kann jedes Mädchen einen Schatz / Ganz leicht finden." Doch es sind nicht nur diese unbeschwerten Momente, die Ringelnatz einfängt. Auch die finsteren Seiten, Armut und Verbrechen, werden von ihm thematisiert.

Gall sang nicht mehr

Letztere sollte Ringelnatz alsbald selbst erleben. Als "Verfall" und "Gift", so bezeichneten die Nazis die Werke all jener Schriftsteller, die auf die "Schwarze Liste" gesetzt wurden. Brecht, Tucholsky, Kästner, Klaus und Thomas Mann, sie alle gehörten dazu. Auch die Werke von Ringelnatz brannten am 10. Mai 1933 auf dem braunen Scheiterhaufen.

Die Nachtigall ward eingefangen,
Sang nimmer zwischen Käfigstangen.
Man drohte, kitzelte und lockte.
Gall sang nicht. Bis man die Verstockte
In tiefsten Keller ohne Licht
Einsperrte. - Unbelauscht, allein
Dort, ohne Angst vor Widerhall,
Sang sie
Nicht - -;
Starb ganz allein
Als Nachtigall.

Das verhängte Auftrittsverbot war für Ringelnatz ein persönliches Desaster. Es bedeute das Ende seiner beruflichen Existenz. "Gall sang nicht" - die Nachtigall am Sachsenplatz durfte nicht mehr so schmettern, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Ihr prächtiger Gesang verhallte. Aus dem begnadeten Kabarettisten, der wir kaum ein anderer die Menschen zu fesseln vermochte, wurde ein kranker Mann. Am 17. November 1934 erlag Ringelnatz, verarmt und gesellschaftlich an den Rand gedrängt, seiner schweren Tuberkulose-Erkrankung. Er starb in seiner Berliner Wohnung am Sachsenplatz. An seine Frau "Muschelkalk" richtete er vor seinem Tod noch die Zeilen: "Wenn ich tot bin, sollst um mich nicht trauern / Meine Liebe wird Euch überdauern / Und in fremden Kleider Dir begegnen / u. Dich segnen."

Joachim Ringelnatz: Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin!, Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2009, 250 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-86650-370-0

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